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Futtermittelskandal: Behörden gehen von systematischer Dioxin-Panscherei aus

Ein böser Verdacht scheint sich zu erhärten: Der Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch hat laut einem Zeitungsbericht regelmäßig und in viel größerem Ausmaß dioxinbelastete Fettsäuren gemischt und ausgeliefert als bislang bekannt. Die eingeschalteten Behörden gehen von vorsätzlichem Fehlverhalten aus.

Firmengelände von Harles und Jentzsch: Ausmaß unüberschaubar Zur Großansicht
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Firmengelände von Harles und Jentzsch: Ausmaß unüberschaubar

Berlin - Ilse Aigner hat es dem Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch bereits am Mittwoch unterstellt: "Die Täter waren und sind skrupellos", hatte die Verbraucherministerin im Bundestag zum Dioxin-Skandal erklärt. Nun scheint sich dieser Verdacht zu erhärten.

Der schleswig-holsteinische Fetthersteller Harles und Jentzsch soll nach Informationen der "Berliner Zeitung" offenbar regelmäßig und in viel größerem Ausmaß dioxinbelastete Fettsäuren gemischt und ausgeliefert haben als bislang bekannt. Das Blatt beruft sich dabei auf Messergebnisse des Niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.

Nach den Daten, die der "Berliner Zeitung" vorliegen, wurden bislang 153 Proben unterschiedlicher Fettlieferungen des Betriebs an niedersächsische Futtermittelunternehmer ausgewertet. Jede Probe stehe für eine bestimmte Mischung des Herstellers, die tonnenweise das Werk verlassen haben könne. In 92 der Proben sei eine Überschreitung des zulässigen Dioxingrenzwerts festgestellt worden. Die Bandbreite der Messungen reiche von leichten Grenzwertüberschreitungen bis zur fast hundertfachen Menge des Erlaubten. Es gebe fast keine Lieferung, die denselben Dioxinwert aufweist.

Die Ergebnisse deuten auf vorsätzliche Vermengungen belasteter Fette hin

Die Messergebnisse legten laut Experten nahe, dass jeder Käufer eine anders gepanschte Dioxinfettbrühe erhielt, schreibt die Zeitung. Die große Bandbreite der Mischungen deute auf vorsätzliche Vermengungen unterschiedlich belasteter Fette hin.

Alle Proben stammen aus der Zeit vom 11. November bis zum 13. Dezember 2010. Die Behörden schätzen, dass die Firma in diesem Zeitraum 2482 Tonnen Futtermischfette herstellte. Diese Mischungen wurden an 20 niedersächsische Futtermittelunternehmer geliefert, die daraus verschiedene Arten von Tierfutter anfertigten. Für Niedersachsen ergäbe das schätzungsweise eine Futtermittelmenge von 25.000 bis 125.000 Tonnen, die auf diese Weise in den Trögen und damit in der Nahrungskette gelandet sein könnten.

Noch immer ist unklar, wie lange die Fettpanscher bereits am Werk waren. Nach bisheriger Vermutung des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums läuft die Panscherei weitaus länger als seit März 2010. Der Skandal bei Harles und Jentzsch sei wohl nur aufgeflogen, weil es eine Panne beim Vermischen technischer Fette mit Futterfetten gegeben hätte, hatte Ministeriumssprecher Gert Hahne am Mittwoch gesagt.

Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch geht von einer vorsätzlichen Panscherei bei der Tierfuttermittelherstellung aus.

yes/dpa

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1. ...
M. Michaelis 21.01.2011
Zitat von sysopEin böser Verdacht scheint sich zu erhärten: Der Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch hat laut einem Zeitungsbericht*regelmäßig und in viel größerem Ausmaß dioxinbelastete Fettsäuren gemischt und ausgeliefert als bislang bekannt. Die eingeschalteten Behörden gehen von vorsätzlichem Fehlverhalten aus. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,740707,00.html
Das verbotene Panschen ist schon so alt wie die das arbeitsteilige Wirtschaften. Das wird es auch weiterhin geben, trotz aller Kontrollen. Und in glücklichen Fällen werden die Panscher erwischt. Wären die technischen Fette nicht Dioxinhaltig gewesen hätte es kein Mensch bemerkt.
2. Als Bildungswerk für unsere Ministerin sehr zu empfehlen
jocurt1 21.01.2011
Zitat von sysopEin böser Verdacht scheint sich zu erhärten: Der Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch hat laut einem Zeitungsbericht*regelmäßig und in viel größerem Ausmaß dioxinbelastete Fettsäuren gemischt und ausgeliefert als bislang bekannt. Die eingeschalteten Behörden gehen von vorsätzlichem Fehlverhalten aus. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,740707,00.html
das Buch von Roberto Saviano Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra Diese "Firma" verdient viel Geld mit ähnlichen Verfahrensweisen. Und wie war noch mal das verstrahlte Milchpulver aus dem Tschernobyl Fall "verschwunden". (runtergemischt bis unter die Gefahrenschwelle, weg wars)
3. Giftmischer...
nurmeinsenf 21.01.2011
...hätte man in vergangenen Zeiten wohl am nächsten Baum aufgeknüpft, wenn nicht Schlimmeres. Wir dürfen hoffentlich erwarten, daß die Verantwortlichen wenigstens die volle Härte des modernen Strafgesetzes zu spüren kriegen.
4. So what ?
marifu 21.01.2011
Südlichere Länder essen schon seit Jahrhunderten mehr Foul- und Falafel als Fleisch weil es leicht, bekömmlich und dem Geldbeutel angemessen ist. Auch Deutsche werden noch auf den Geschmack kommen, dass viel Fleisch - ob mit oder ohne Dioxin - nicht unbedingt notwendig ist um gut zu essen. Und billiger sind Bohnen- und Kichererbsen-Klopse sowieso. Mc Donald's wird freuen. Seine Aussichten auch in Deutschland bald Salat-Burger zu verscherbeln wachsen mit jeder neuer Veröffentlichung über Futter - und Lebensmittelskandale. Am Ende schaden sich die Panscher eh nur selber. Werden keine Tiere mehr auf dem Teller gefragt brauchen die auch kein Futter mehr.
5. teeren und aufhängen..
paohlboerger 21.01.2011
Zitat von nurmeinsenf...hätte man in vergangenen Zeiten wohl am nächsten Baum aufgeknüpft, wenn nicht Schlimmeres. Wir dürfen hoffentlich erwarten, daß die Verantwortlichen wenigstens die volle Härte des modernen Strafgesetzes zu spüren kriegen.
Ich sah die Dame des Hauses im Fernsehen als Sie zuerst leugnete eben diese zu sein. Sie hatte für ein Interview keine Zeit, weil sie zum Sport mußte. Im Mercedes natürlich. Diese Herrschaften müssten wirklich geteert und auf dem Marktplatz verbrannt werden. Wieviel haben sie mit der Gefährdung der Gesundheit anderer wohl verdient. Das Ganze gleicht dem Bankenskandal, Gewinne privatisieren Verluste zu Lasten der breiten Masse.
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Fotostrecke
Dioxin im Futter: Verseuchte Lebensmittel?
Dioxine - Gefahr für Mensch und Tier
Was sind Dioxine?
Dioxine sind chemisch ähnlich aufgebaute Verbindungen, die aber unterschiedlich giftig sind. Der bekannteste Vertreter der Gruppe ist das als Seveso-Gift bekannt gewordene TCDD (2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin). Im Tierversuch kann es schon in einer Konzentration von einem Millionstel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich sein.
Wie entstehen sie?
Dioxin entsteht unerwünscht etwa bei Verbrennungsprozessen mit Chlor und organischem Kohlenstoff. Nach Angaben des Umweltbundesamts wird das Gift bei 300 Grad und mehr gebildet und bei 900 Grad und mehr zerstört. Auch bei chemischen Produktionsverfahren mit Chlor können die Stoffe entstehen, außerdem bei Waldbränden oder Vulkanausbrüchen.
Welche Gefahren gehen von Dioxinen aus?
Bereits geringe Konzentrationen können gefährlich sein. Als Langzeitwirkungen wurden etwa Störungen des Immunsystems, schwere Erkrankungen der Haut, der Atemwege, der Schilddrüse und des Verdauungstraktes festgestellt. In Tierversuchen wurden krebserregende Wirkungen nachgewiesen.

Die einmal in die Umwelt gelangten Gifte bauen sich nur sehr langsam ab und reichern sich deshalb auch im Gewebe von Tieren und Menschen an. 90 bis 95 Prozent der Belastung kommt über die Nahrung in den Körper - vor allem durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten. Ein prominentes Opfer einer Dioxin-Vergiftung ist der ukrainische Politiker Wiktor Juschtschenko. Er hat einen Dioxin-Anschlag im Jahr 2004 nur knapp überlebt. (Quelle: dpa)

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Dioxin-Skandale
Dioxin-Skandale des vergangenen Jahrzehnts
Der wohl tragischste Dioxin-Skandal fand im Juli 1976 im italienischen Seveso statt. Bei einem Chemieunfall wurde hochgiftiges Dioxin freigesetzt. Zahlreiche Menschen erkrankten an Krebs, 200 an schwerer Chlorakne. In Deutschland ist ein Vorfall in diesem Ausmaß bislang nicht vorgekommen.
1999
Eine belgische Firma liefert verseuchtes Futter an Tausende Betriebe, darunter sind mehrere deutsche.
2003
Mehrere hundert Tonnen Backabfälle aus Thüringen weisen eine Dioxin-Belastung auf, die bis zu 18-mal höher ist als der zulässige Grenzwert.
2004
In Nordrhein-Westfalen werden mehrere Bauernhöfe gesperrt - wegen des Verdachts auf Dioxin im Tierfutter.
2006
Nch Belgien und den Niederlanden wird auch in Deutschland Dioxin im Tierfutter entdeckt. Betriebe in mehreren Bundesländern müssen schließen.
2010
Das Landesamt für Verbraucherschutz sperrt vorübergehend mehrere Öko-Geflügelhöfe. Belasteter Mais soll von einem niederländischen Unternehmen von Nordrhein-Westfalen aus in mehrere Bundesländer verkauft worden sein. Mehrere Supermärkte stoppen den Verkauf von Bio-Eiern.


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