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Umfrage: Deutsche haben keine Angst vor russischem Gas-Boykott

Von (Text) und Guido Grigat (Grafiken)

Dem anhaltenden Konflikt mit Russland zum Trotz - eine deutliche Mehrheit der Deutschen hält Engpässe bei der Gasversorgung für unwahrscheinlich. Doch eine Umfrage für SPIEGEL ONLINE zeigt auch: Viele erwarten höhere Preise.

Arbeiter an Gas-Pumpstation im russischen Sudscha: Die Mehrheit der Deutschen sieht keinen Grund zur Sorge Zur Großansicht
REUTERS

Arbeiter an Gas-Pumpstation im russischen Sudscha: Die Mehrheit der Deutschen sieht keinen Grund zur Sorge

Hamburg - Der Kalte Krieg droht nach Europa zurückzukehren - aber die Deutschen haben keine Angst zu frieren. Obwohl in der Ukraine-Krise kein Ende in Sicht ist, sehen sie mögliche Auswirkungen auf die Energiesicherheit mehrheitlich gelassen. Nur sechs Prozent machen sich große Sorgen um die Gasversorgung im kommenden Winter, weitere 16,7 Prozent zeigen sich ein wenig besorgt. Mit 68,9 Prozent sehen mehr als zwei Drittel hingegen kaum oder überhaupt keinen Grund zur Sorge.

Dennoch erwartet eine Mehrheit der Deutschen steigende Preise für Öl und Gas - und fordert grundsätzlich, die Bundesregierung solle Deutschland unabhängiger von Importen aus Russland machen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des GfK-Vereins für SPIEGEL ONLINE.

Die Gelassenheit der Deutschen wird durch den Zeitraum der Umfrage unterstrichen: Vom 27. bis zum 30. Oktober wurden 1005 Menschen in Deutschland befragt - als der Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland seinen Höhepunkt erreichte und die möglichen Folgen für die EU tagelang die Schlagzeilen beherrschten: Was passiert, wenn die Ukraine das für Europa bestimme Gas einfach abzweigt und der Kreml mit einem Stopp der Lieferungen reagiert? Wie lange können Kraftwerke dann weiter arbeiten und Häuser beheizt werden? Die Ergebnisse eines EU-Stresstests bestärkten die Befürchtungen bei näherem Hinsehen eher, als sie zu zerstreuen.

Just einen Tag nach Ende der Befragung fanden Russland und die Ukraine zumindest für den kommenden Winter eine Lösung. Dadurch dürften die Deutschen die Versorgungslage heute eher noch entspannter sehen als zum Zeitpunkt der Umfrage. Andererseits hat sich der grundsätzliche Konflikt zwischen Russland und der EU seither eher noch verschärft, wie die Frustrede der Kanzlerin am Rande des G20-Gipfels in Sydney zeigte. Ob die Umfrage zu einem späteren Zeitpunkt also anders ausgefallen wäre, bleibt Spekulation.

Aufschlussreich sind die Ergebnisse in jedem Fall. So hängt die Sorge um die Versorgungssicherheit auch von Geschlecht und Lebensalter ab. Nur jede vierte Frau macht sich überhaupt keine Sorgen, bei den Männern sind es 43,6 Prozent. Gleichzeitig nimmt die Sorge mit steigendem Lebensalter zu, nur die Jüngsten bilden eine Ausnahme. Zudem hängt die Furcht vor Gas-Engpässen erheblich vom Geldbeutel ab: Wer viel verdient, macht sich in der Regel weniger Sorgen.

Selbst unter den 46,3 Prozent der Befragten, die mit Gas heizen, ist die Furcht vor einer kalten Wohnung durchgehend deutlich geringer als die allgemeine Sorge um die Gasversorgung in der Gesamtbevölkerung. Das deutet darauf hin, dass die Deutschen eher damit rechnen, dass Kraftwerke und Fabriken ihre Leistung drosseln müssten - mit negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft und Arbeitsplätze -, als dass Privathaushalten das Heizgas abgedreht wird.

Auffallend sind hier aber die gravierenden Unterschiede zwischen Niedrig- und Gutverdienern. Bei den Haushalten mit Gasheizung und einem Nettoeinkommen zwischen 1000 und 1500 Euro machen sich zehnmal mehr Befragte Sorgen darüber, ihre Wohnung wie gewohnt heizen zu können als in der höchsten Einkommensgruppe. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Deutschen als Folge möglicher gedrosselter russischer Lieferungen vor allem Preissteigerungen erwarten - aber keinen Lieferausfall.

Allgemein rechnet mit 51,3 Prozent eine Mehrheit der Befragten mit steigenden Gas- und Ölpreisen. Inwieweit hier der Gasstreit mit Russland eine Rolle spielt, ist unklar. Diese Erwartung ist bei Familien - bei denen die Ausgaben für Energie in der Regel einen höheren Anteil an den Lebenshaltungskosten ausmachen - deutlich stärker ausgeprägt als in Single-Haushalten.

Gespalten zeigen sich die Deutschen in der Frage, welche Konsequenz die deutsche Energiepolitik aus dem Konflikt mit Russland ziehen sollte. Zwar ist eine große Mehrheit von 75,5 Prozent dafür, die Abhängigkeit von Gas- und Ölimporten zu verringern. Doch nur 42,9 Prozent sind der Meinung, dass dies unbedingt geschehen sollte - auch wenn Energie dann etwas teurer würde.

Auch bei dieser Frage zeigt sich ein starker Zusammenhang mit dem Einkommen: Wer sehr gut verdient, unterstützt die unbedingte Verringerung der Importabhängigkeit eher als Niedrig- und Normalverdiener. Besonders ausgeprägt ist diese Zustimmung bei Beamten und Selbstständigen.

Bemerkenswert ist aber, dass mit 56,5 Prozent eine Mehrheit der Deutschen höhere Gas- und Ölpreise persönlich als "weniger starke" oder gar keine Belastung empfinden würden - und zwar über alle Berufsgruppen hinweg. Ein guter Grund, mögliche Engpässe gelassen zu nehmen.

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1. Verständliche Antworten
missbrauchtewähler 25.11.2014
denn Russland war und ist stets ein zuverlässiger Lieferant gewesen. Warum also Sorgen um die Gasversorgung machen? Wir haben es hier mit einem soliden Geschäftspartner zu tun, der sich an Verträge hält. Grundsätzlich ist es auch richtig, sich in der Energieversorgung unabhängig zu machen. Auch diese Antwort ist schlüssig. Das schliesst allerdings das amerikanische Frackinggas und das arabische Blutöl mit ein.
2. Warum auch Angst vor ausbleibenden Gasliefeungen...
thomasco 25.11.2014
Das war doch vor Jahren schon ein Thema, als alle Lieferung über die Ukraine erfolgten und die Ukraine sich immer wieder auf Kosten der EU bediente. Deswegen waren doch alle froh, als Altkanzler Schröder einen neuen Lieferweg über die Nordstream pipeline mit gazprom vereinbarte. Da hatte dann die Ukraine keine Möglichkeit mehr einfach Gas für sich abzuzwacken.
3. 'Eine deutliche Mehrheit der Deutschen hält Engpässe bei der Gas-Versorgung für unwahrscheinlich.'
kopp 25.11.2014
Was hat eine solche Umfrage mit der Wirklichkeit zu tun ? Der Nutzen ist vergleichbar und ähnlich unseriös wie der einer Befragung der 'Deutschen' über den kommenden Winter, die Zukunft des Euro, die AfD-Ergebnisse bei den Bürgerschaftswahlen Mitte Februar in HH oder die Auswirkungen des Klimawandels auf Mallorca.
4. Angstmache
fleischwurstfachvorleger 25.11.2014
Gabriel muss seine Energiepolitik konsequent fortsetzen. Wir müssen nicht unabhängiger von russischem Gas / Öl werden, sondern unseren Energiebedarf drosseln. Energieeffizienz heißt das Zauberwort und das gilt sowohl für private Haushalte, als auch für die Industrie. So lange die Industrie aber für Energieverschwendung sogar noch von der Politik belohnt wird, indem man sie von der EEG-Umlage ausnimmt, wird sich nichts wesentlich ändern. Wir brauchen auch keine Stromtrassen, die Braunkohlekraftwerke auf Kosten der Steuerzahler anbinden, wenn es morgen diese Drecksschleudern nicht mehr gibt, weil sie zu viel CO² ausstossen. - Vielleicht sollte sich Frau Merkel mehr auf Deutschland konzentrieren und sich aus der Weltpolitik raushalten. Wäre für alle Beteiligten besser.
5. Frage an die SpON Redaktion: Wann hat Russland gedroht, kein Gas mehr in die EU zu liefern?
WernerT 25.11.2014
Das Problem ist doch eher, dass die Ukraine sich aus den Leitungen bedient, die über ihr Territorium führen oder dass die EU Führung die Fließrichtung umdrehen will, damit die Ukraine mit von Europa bezahltem Gas versorgt wird. Gleichzeitig werden alle Alternativen, die die Ukraine umgehen politisch behindert, kann man alles bei Euch nachlesen, dafür war der Spiegel mal bekannt, ein sehr gutes Archiv
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Abhängigkeit der EU-Staaten vom russischen Gas


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