Trägheit beim Wechsel Die Deutschen schenken den Gasanbietern Geld

Seit zehn Jahren können Verbraucher den Gasanbieter wechseln und so Geld sparen. Doch nur wenige Kunden nutzen diese Möglichkeit - und selbst die Anbieter rätseln über die Gründe.

Gasflammen auf dem Herd: Die Deutschen wechseln nicht gerne
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Gasflammen auf dem Herd: Die Deutschen wechseln nicht gerne


Wenn es um Rabatte und ums Sparen geht, dann sind die Deutschen eigentlich gerne vorne mit dabei. Doch es gibt offenbar Ausnahmen - etwa wenn es um die Energieversorgung geht. Vor zehn Jahren zwang das Bundeskartellamt die großen Gaskonzerne zur Öffnung ihrer Netze. Seitdem ist der Wechsel des Anbieters wesentlich leichter geworden. Aber die Kunden nutzen die Chance zum Geldsparen noch immer relativ selten.

Es gibt inzwischen mehr als 900 Gasanbieter. Doch am Problem des geringen Wettbewerbsdrucks hat sich eher wenig geändert. Nicht einmal jeder zehnte Gaskunde nutzte nach der jüngsten Erhebung von Bundeskartellamt und Bundesnetzagentur 2014 die Möglichkeit zum Anbieterwechsel - und damit in vielen Fällen eine Chance zum Geldsparen. Rechnet man die Umzüge heraus, ist die Zahl der Anbieterwechsel mit rund 805.000 im Vorjahresvergleich unterm Strich sogar rückläufig.

Fast jeder vierte deutsche Gaskunde ist laut der Erhebung nach wie vor im besonders teuren Grundversorgungsvertrag, weniger als ein Fünftel werden von einem anderen als dem örtlichen Grundversorger beliefert - und das, obwohl sich in den zehn Jahren die Preisunterschiede vervielfacht haben.

Lag der Unterschied zwischen dem teuersten und dem günstigsten Gasversorgungsangebot 2006 noch bei nur rund 60 Euro für den Durchschnittshaushalt, so beträgt er aktuell laut dem Preisvergleichsportal Verivox in der Spitze mehr als 600 Euro im Jahr. Bis zu 1468 Euro sind 2016 im Grundversorgungstarif zu zahlen, 849 Euro verlangt der günstigste Anbieter inklusive Wechselbonus.

Heute sind laut Bundeskartellamt in den meisten Gebieten inzwischen mehr als 50 konkurrierende Gasanbieter aktiv. Das könnte deutlich mehr Druck auf die Preise ausüben - wenn die Verbraucher ihn nur nutzen würden. "Wir haben auf anderen Märkten gesehen, dass der Preisdruck auf Anbieter wächst, wenn viele Verbraucher bewusst von ihren Auswahlmöglichkeiten Gebrauch machen", sagt Kartellamtschef Andreas Mundt.

Milliardengeschenk für die Versorger

Auch die Branche selbst rätselt, woher die Wechsel-Unwilligkeit der Gaskunden kommt. Ist es nur Trägheit oder die irrationale Angst vor einer Gas-Abschaltung und damit einer kalten Wohnung? Doch Letzteres ist sogar gesetzlich ausgeschlossenen.

Die Anbieter profitieren jedenfalls von der Bequemlichkeit der Kunden. 1,3 Milliarden Euro hätten die Gasversorger 2015 zusätzlich eingenommen, weil sie stark gesunkene Beschaffungskosten nicht an die Haushaltskunden weitergegeben hätten, rechnete der Hamburger Energieexperte Steffen Bukold Ende 2015 in einer Studie im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion aus. Im Mittel seien jedem Haushalt damit 132 Euro Ersparnis entgangen.


Hier können Sie nachlesen , wie der Wechsel des Gasanbieters funktioniert.

mmq/dpa



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