Geldanlage Wie Spätstarter vom Börsenboom profitieren können

An den Börsen geht es stetig aufwärts, aber die wenigsten profitieren davon: Nur jeder Siebte in Deutschland besitzt Aktien oder Fonds. Dabei ist der Einstieg auch jetzt noch möglich und ratsam.

Börsentafel (Symbolbild)
DPA

Börsentafel (Symbolbild)

Eine Kolumne von


Der Dax nähert sich 13.000 Punkten. Anleger in Deutschland sorgen sich zunehmend, dass die Aktienmärkte abstürzen könnten. Zu lange geht es schon aufwärts.

Tatsächlich könnte der Dax, könnten die internationalen Aktienmärkte wieder abstürzen. Anleger ziehen nur den falschen Schluss daraus: Sie lassen ihr Geld weiter auf dem Tagesgeldkonto für null Prozent Zinsen. Nur jeder siebte Deutsche hat Aktien oder Aktienfonds.

Wenn die Aktienmärkte auf rekordverdächtigem Niveau unterwegs sind, gilt es, sich ein paar grundlegende Weisheiten nochmal klarzumachen:

Erstens: Ein Tagesgeldkonto heißt Tagesgeldkonto, weil man jederzeit an das Geld herankann. Es ist prima geeignet, um dort einen Notgroschen, also zwei bis drei Monatseinkommen zu parken. Am besten sucht man sich ein Tagesgeldkonto, bei dem es noch ein halbes Prozent Zinsen gibt. Die wichtigste Rendite des Tagesgeldkontos liegt aber darin, in finanziellen Notfällen nicht mehr in den Dispo zu müssen und so die hohen Dispozinsen zu sparen. Bevor man ein Tagesgeldkonto anlegt, sollte man die Dispo-Zone auf dem Girokonto natürlich verlassen haben.

1900 Milliarden Euro liegen in Deutschland auf tagesfälligen Konten. Das wenigste davon wird morgen vielleicht gebraucht. Viel Geld ist dort also ungünstig geparkt.

Zweitens: In Ihrem Haushalt können Sie schon absehen, dass Sie in drei Jahren noch Geld für ein neues Lastenfahrrad, das Auslandsstudium des Kindes oder einen Umzug brauchen? Dann parken Sie dieses Geld genau für diese drei Jahre auf einem Festgeldkonto. Sie bekommen vielleicht 1 Prozent Zinsen, und die ersparte Summe steht 2020 auf jeden Fall zur Verfügung .

Drittens: Wenn dann immer noch viel Geld da ist, dann sollten Sie allerdings tatsächlich über Aktien nachdenken.

Sie wollen nicht viel nachdenken, Ihr Leben ist auch sonst kompliziert genug?

Verstanden. Genau dafür gibt es sogenannte Indexfonds oder auch ETFs genannt. Damit können Sie in Hunderte Aktien weltweit gleichzeitig anlegen. Ihr ETF verhält sich genau wie die entsprechenden Aktienmärkte, und auf lange Sicht ist eine gute Rendite nach allem Auf und Ab an den Märkten fast schon garantiert.

Im Grunde sind diese ETFs das Pendant zu Papas alter Lebensversicherung, in die er 30 Jahre eingezahlt hat und sich am Ende dann über eine mehr oder weniger ordentliche Rendite gefreut hat.

Anders als bei einer klassischen Lebensversicherung können Sie an Ihr ETF-Erspartes aber jederzeit ohne Kosten heran und so viel herausnehmen, wie Sie brauchen. Das einzige Risiko dabei ist: Wenn Sie gerade während eines Crashs Geld brauchen und einen Teil Ihrer ETF-Anteile mit Verlusten verkaufen müssen, bleiben Sie auf diesen Verlusten sitzen.

Anders als bei der Lebensversicherung und auch anders als bei klassischen Anlagen in Aktienfonds sind die ETFs zudem während des Sparens günstig. Sie zahlen als Sparer keine hohen Provisionen für Finanzvertriebe und keine hohen Managementgebühren, an denen sich Fondsmanager und Banken gesundstoßen.

Gerade die Filialbanken haben in den vergangenen zwei Jahren an ihre Mitarbeiter das Ziel ausgegeben, klassische Fonds mit hohen Provisionen zu verkaufen. Die Provisionen heißen Ausgabeaufschläge, und von den hohen Gebühren für das Fondsmanagement bekommen die Banken häufig die Hälfte als eine Art Bestandsprovision zurück.

Sie legen also Ihr restliches Geld, das Sie kurz- und mittelfristig nicht brauchen und auch nicht in eine Immobilie investieren wollen, in ETFs an. Und haben Sie keine Angst vor kurzfristigen Einbrüchen an der Börse. Ihr Anlagehorizont ist 15 Jahre, genau wie der bei der Lebensversicherung.

Ihnen ist immer noch unwohl beim Anlegen, wenn die Börsen doch so hoch stehen? Ich habe Ihnen mal die Zahlen zusammengestellt, wenn Sie 2007 vor der großen Finanzkrise und 2009 nach dem Höhepunkt der Finanzkrise solche ETFs gekauft hätten. Schon damals habe ich gesagt, langfristig mit Aktien zu sparen, ist klug.

Also: Aus 10.000 Euro, die Sie am 1. Juli 2007 in einen Fonds investiert hätten, der dem Weltaktienindex MSCI World folgt, wären heute knapp 17.500 Euro geworden.

Und wenn Sie den Mut gehabt hätten, am Ende der tiefen Krise, also am 1. Juli 2009 die 10.000 Euro so anzulegen, wären daraus sogar 28.350 Euro geworden.

Ist doch ganz beeindruckend.

Ihr Hermann-Josef Tenhagen

PS: Wenn Sie jetzt auf den Geschmack gekommen sind, aber vorsichtig sein wollen, legen Sie ihr langfristig verfügbares Geld einfach in mehreren Teilen in solchen Indexfonds an. Eine Rate kommende Woche, eine im Januar und den Rest zum Beispiel im nächsten April und Juli. Wenn's richtig abwärts geht, können Sie im kommenden Jahr preiswerter kaufen. Und falls die Märkte weiter steigen, haben Sie auch nicht viel falsch gemacht.

PPS: Wollen Sie mit ETFs einen Sparplan machen, starten Sie einfach mit 50 Euro im Monat. Mit 50 Euro an 1600 Firmen gleichzeitig beteiligt zu sein - das muss Ihnen erst einmal jemand nachmachen.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.


insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 07.10.2017
1. ...
Wie war die Faustregel nochmal? Wenn dem Normalbuerger der Einstieg in die Boerse geraten wird, dann ist es nicht mehr weit zum Crash? Mal ehrlich, wer an der Boerse spekulieren will, der muss sich vor allem ein bisschen auskennen, und der darf auch nicht zuwenig Geld haben, sonst fressen es Gebuehren etc. auf und man macht nur Verluste. Wenn 40% in Deutschland Schulden haben oder von der Hand in den Mund leben, lohnt es sich schon mal fuer diese nicht, an Aktien ueberhaupt zu denken. Diese Leute waeren es aber, die wirklich etwas von einer renditetraechtigen Geldanlage haetten.
chico 76 07.10.2017
2. Sehr gut beschrieben,
vor allem im mittel-langfristigem Rahmen sind Aktien unschlagbar.
halverhahn 07.10.2017
3. Wie hoch sind denn die Gebühren?
Klingt ja alles schön und gut. Aber was für Gebühren kommen da auf einen zu? Ich würde hier gerne mal dazu ein konkretes Beispiel sehen... hab bspw 5000€ irgendwo rum liegen, steige damit ein und möchte diesen Betrag nach 1 oder 2 Jahren, wieder haben. Und gehen wir da mal von ner jährlichen Rendite von meinethalben 1% aus... Was habe ich dann konkret nach 1 bzw 2 Jahren abzgl (Depot-) Gebühren und pi pa po?
go2dive 07.10.2017
4.
Zitat von NewspeakWie war die Faustregel nochmal? Wenn dem Normalbuerger der Einstieg in die Boerse geraten wird, dann ist es nicht mehr weit zum Crash? Mal ehrlich, wer an der Boerse spekulieren will, der muss sich vor allem ein bisschen auskennen, und der darf auch nicht zuwenig Geld haben, sonst fressen es Gebuehren etc. auf und man macht nur Verluste. Wenn 40% in Deutschland Schulden haben oder von der Hand in den Mund leben, lohnt es sich schon mal fuer diese nicht, an Aktien ueberhaupt zu denken. Diese Leute waeren es aber, die wirklich etwas von einer renditetraechtigen Geldanlage haetten.
Dann hat die Mehrheit, 60%, weder Schulden noch lebt von der Hand in den Mund. Und zu einem Börseneinstiie wird schon seit geraumer Zeit geraten. Ich habe auf jeden Fall mit überschaubarem Einsatz in den letzten 5 Jahren 70% Gewinn (inkl. Dividenden) eingefahren. Da kommt kein Sparbuch mit.
Europa! 07.10.2017
5. Recht hat er!
Wenn ich an den Ärger denke, den eine Freundin wegen des elenden "Festgelds" hatte, als sie plötzlich mal Geld brauchte - unsäglich! Sparkassen können so stur sein! Seit sie ihre sehr bescheidene Altersversorgung in Aktien angelegt hat, ist sie viel glücklicher. Wenn sie jetzt noch die Nerven hätte, ihr Depot mal ein paar Jahre in Ruhe zu lassen ...
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