Kaufkraft-Indikator Was der Geldautomat über Ihre Stadt verrät

Lassen Sie sich nicht von hübsch sanierten Fußgängerzonen täuschen! Wenn Sie wissen wollen, wie reich eine Stadt wirklich ist, ziehen Sie am besten ein paar Banknoten. Warum das so ist? Das zeigt unser Geldautomaten-Index der Kaufkraft.

Sparkassen-Geldautomaten in Hamburg: Haste mal 1000 Euro?
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Sparkassen-Geldautomaten in Hamburg: Haste mal 1000 Euro?

Von und  (Grafik)


Hamburg - Kennen Sie den Big-Mac-Index? Es war der britische "Economist", der ihn 1986 erfand. Einer Redakteurin des Wirtschaftsmagazins war aufgefallen, dass der Preis für einen Big Mac rund um die Welt stark variiert, wenn man ihn zum aktuellen Wechselkurs in Dollar umrechnet. In seiner Heimat, den USA, kostet er aktuell 4,80 Dollar. Die Norweger hingegen müssen umgerechnet 7,76 Dollar für den Doppelstock-Burger hinlegen.

Was der "Economist" vor fast 30 Jahren als einmalige Spielerei betreiben wollte, hat sich inzwischen als jährlich neu berechnete Größe etabliert. Die sogenannte "Burgernomics" bricht die abstrakte volkswirtschaftliche Theorie der Kaufkraftparität so konsequent auf den Alltag herunter, dass sich (fast) jeder etwas Konkretes darunter vorstellen kann.

An den Big-Mac-Index fühlten wir uns im Wirtschaftsressort von SPIEGEL ONLINE vor Kurzem erinnert, als unser Kollege Holger Dambeck von einer Alltagsbeobachtung berichtete: Wenn er als Sparkassenkunde in Hamburg Geld abheben will, bietet ihm der Automat andere Standardbeträge an als in Berlin:

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Offensichtlich lässt sich der Hamburger gern auch mal 1000 Euro am Geldautomaten auszahlen, der Berliner bescheidet sich hingegen eher mit maximal 500 Euro. Kein Wunder, schließlich liegt die Kaufkraft in der Hauptstadt auch erheblich unter der in der reichen Hansestadt. Doch lässt sich diese Beobachtung verallgemeinern?

SPIEGEL ONLINE hat mehr als 20 Sparkassen quer durch die Republik befragt, welche Standardbeträge sie ihren Kunden anbieten - und warum. Das Ergebnis: Nicht immer, aber erstaunlich oft verrät das Auswahlmenü am Geldautomaten viel über die Kaufkraft der Stadt, in der er steht. Das gilt insbesondere, wenn man den jeweils niedrigsten Standardwert an den Geldautomaten betrachtet. Deutlich wird das im Vergleich mit dem aktuellen GfK-Kaufkraft-Index, den das Marktforschungsinstitut für jeden Stadt- und Landkreis Deutschlands erhebt. Und besonders anschaulich wird der Zusammenhang, wenn man beides in einer Deutschland-Karte integriert.

Ergebnis ist der Geldautomaten-Index von SPIEGEL ONLINE:

SPIEGEL ONLINE

Selbstverständlich ist auch unser Geldautomaten-Index nur eine Spielerei, aber eine durchaus erhellende. Es ist eine Sache zu wissen, dass die Kaufkraft etwa im brandenburgischen Schwedt an der Oder im Schnitt rund 15 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt, in München hingegen um etwa 30 Prozent darüber.

Was solche Werte aber konkret bedeuten, wird schon klarer, wenn man sich einen Einwohner von Schwedt vor Augen führt, der für seine Besorgungen aus Gewohnheit nur einen Fünf-Euro-Schein zieht. Der gewöhnliche Münchner kann hingegen mit Beträgen unter 50 Euro offenbar so wenig anfangen, dass ihm seine Stadtsparkasse sie gar nicht als Standard-Auswahl anbietet.

Wer in München aber nur weniger abheben kann, muss sich dafür durchs Menü hangeln - und wird auf diese Weise unweigerlich daran erinnert, zu einer prekären Minderheit zu gehören. Sein Pendant in Schwedt bekommt im Gegensatz dazu unterschwellig vermittelt, sein Wunsch sei ganz normal. Schließlich bietet der Automat ihn ja als Standard an.

Voraussetzung für den Geldautomaten-Index ist natürlich, dass die Sparkassen sich bei der Festlegung der angebotenen Standardbeträge nach der Nachfrage richten, also nach den Beträgen, die an ihren Automaten am häufigsten abgehoben wurden. Auch danach haben wir die Sparkassen gefragt, und bis auf wenige Ausnahmen bestätigten sie diese Annahme. Nur selten spielten auch technische Faktoren oder Sicherheitsaspekte eine Rolle. Meistens legen die Sparkassen die Standardauswahl auf Grundlage der Daten fest, die ihr der gemeinsame Dienstleister Finanzinformatik zur Nutzung ihrer Geldautomaten zur Verfügung stellt.

Da verwundert es kaum, dass auch die Sparkasse in der Bankenmetropole Frankfurt 50 Euro als niedrigsten Standardbetrag anbietet. Oder die in Erlangen - die Stadt gehört zu den Top Ten der deutschen Kaufkraft. Gleiches gilt umgekehrt für die Sparkassen an der strukturschwachen Küste (Norden in Ostfriesland, Kiel) oder im vom Strukturwandel gebeutelten Dortmund, die jeweils 10 Euro als Einstiegsbetrag anbieten.

Dass der Geldautomaten-Index leider nicht endgültig verlässlich ist, zeigt sich an der Sparkasse in Magdeburg (die nicht in der Karte verzeichnet ist), die trotz der unterdurchschnittlichen Kaufkraft ihrer Kundschaft ebenfalls 50 Euro gewählt hat. Aber immerhin unterschreitet keine der Sparkassen in besonders kaufkräftigen Regionen die Einstiegsmarke von 20 Euro.

Ein Rätsel stellt auch noch ein anderes bei der Umfrage zutage getretenes - und in der Karte zum Geldautomaten-Index nicht berücksichtigtes - Phänomen dar: die enormen Unterschiede am oberen Ende der Standardbeträge. So muss der Münchner Sparkassenkunde den Betrag über die Tastatur eingeben, wenn er mehr als 400 Euro abheben möchte. In Schwedt allerdings bekommt er mit einem schnellen Knopfdruck 1000 Euro. In der gleichen Stadt, in der also viele nicht mehr als fünf Euro abheben (können), zieht sich ein ebenfalls beträchtlicher Teil der Einwohner offenbar aus Gewohnheit riesige Summen aus dem Automaten.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels und der Karte wurde der niedrigste Standard-Betrag bei der Sparkasse Leipzig mit 50 Euro angegeben - tatsächlich liegt er aber bei 10 Euro. Die Sparkasse hat ihre Angaben inzwischen korrigiert, wir haben Karte und Artikel entsprechend angepasst.

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insgesamt 177 Beiträge
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Seite 1
anton1247 22.01.2015
1. Naja
Das untere Ende scheint tatsächlich ein bisschen was zu implizieren. Ich würde aber mal sagen, dass die Anzahl der Abhebungen am oberen Ende so selten sind, dass man daraus nichts ableiten kann. Es ist doch sehr viel wahrscheinlicher, dass große Beträge mit Karte bezahlt werden. Außerdem dürften die Reichen ohnehin häufiger mit Karte zahlen und tauchen somit nicht in der Statistik auf. Ich denke SPON sollte das Fälschen von Statistiken doch lieber den Profis in Wissenschaft und Ämtern überlassen...
chronos-kronos 22.01.2015
2. Fünf Euro?
Die lohnen sich nicht. Im Großraum Stuttgart will die Sparkasse immernoch um die 4,50 Euro Gebühren für eine Abhebung.
berndasbrot 22.01.2015
3. Was viel übler ist...
.......ist, dass man bei Sparkassen im Kölner Raum, selbst wenn man 500,- Euro abhebt, maximal 50er bekommt. 100er werden grundsätzlich gar nicht ausgegeben. Dafür sind immer noch 5er dabei. Das ist (kein Witz, war mal eine Frage bei "Wer wird Millionär") die sogenannten "Hausfrauenmischung". Könnte ich ja verstehen, wenn man 100,- Euro abhebt. Aber bei 500,- Euro???
tillw 22.01.2015
4. Normal
Ich habe mir nie Gedanken über den Hintergrund der Auswahlmöglichkeiten gemacht, finde es daher sehr interessant auch mal darüber zu lesen - danke! Dass nachfrageorientiert Auswahlmöglichkeiten geschaffen werden finde ich richtig und dass bspw. in Schwedt kleine und große Beträge angeboten werden liegt wahrscheinlich daran, dass gerade ältere Menschen gerne eine große Summe auf einmal abheben und davon leben, statt mehrmals zur Bank zu gehen. Dazu muss man nicht reich sein ;-)
dorettflorett 22.01.2015
5. Wer zahlt denn heute noch bar?
Ich habe das Gefühl, ich ziehe mir wöchentlich immer weniger Bares, seitdem empty nest herrscht und auch unsere Firmenkantine auf bargeldlose Bezahlung umgestellt hat. Brauche umständliches Bares nur noch beim Bäcker und bei wenigen Parkautomaten und ziehe mir mittlerweile nur noch pro Woche krumme 30 Eur, damit kein lästiger 50 Eur-Schein heraus kommt. Alles andere geht über Karte und ich warte sehnsüchtig auf die Abschaffung des Bargeldes :-) Wohne in einer Top (5) Einkommens-Region...
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