Gewinn mit bösen Folgen Das Alptraumhaus

Sandra Gensch hat ein Haus gewonnen. Dachte sie zumindest. Doch das Preisausschreiben wurde für die 29-Jährige und ihre Familie zum finanziellen Alptraum: 16 Monate später hat sie nichts als einen Rohbau - und hohe Schulden.

SPIEGEL ONLINE

Von


Berlin - Für Sandra Gensch klang die Sache mit dem Haus wie ein Märchen. Ihr Mann Oliver und sie sollten ihr Eigenheim bekommen - und das an Weihnachten. Beim Gewinnspiel "Haustraum unterm Weihnachtsbaum" hatten sie mitgemacht und gewonnen. Verlost wurde der Gewinn im Dezember 2008 vom "Berliner Kurier" und der Privileg Massivhaus AG.

Doch knapp 16 Monate später ist Gensch ernüchtert: "Wir haben unser Haus immer noch nicht, dafür 155.000 Euro Schulden und einen Riesenärger." Die 29-jährige Berlinerin klagt an: "Die Baufirma Privileg vertröstet uns immer wieder und betreibt eine Verzögerungsstrategie." Obwohl die Familie seit August 2009 alle Bauherrenleistungen erfüllt hat - sprich Grundstück gekauft, Bodengutachten erstellen und Statik prüfen lassen -, sei der Bau nach wie vor im Anfangsstadium.

"Laut den Geschäftsbedingungen soll das Fertighaus in der Regel nach acht Monaten stehen", sagt Gensch. Doch bislang seien die Bauarbeiter nur insgesamt acht Tage da gewesen. Auf der Baustelle in Dallgow-Döberitz stehen bislang nur das Fundament und die Wände des Erdgeschosses. "Dabei war uns bekannt, dass man das Haus innerhalb von sechs bis acht Wochen fertigstellen könnte. Aber Privileg hat uns immer wieder hingehalten."

Privileg Massivhaus weist die Vorwürfe auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE vollständig zurück, will sich ansonsten aber im Detail nicht zu dem Vorgang äußern.

Auch gegen den "Kurier", eine Boulevardzeitung, die vor allem im Osten Berlins gelesen wird, erhebt die 29-Jährige schwere Vorwürfe. "Der 'Kurier' hat uns immer das Gefühl gegeben, wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen, obwohl wir schon von Anfang an ein komisches Gefühl bei der Sache hatten." Aber wegen der Beteuerungen der Zeitung, alles werde gut, habe die Familie sich für den Kauf eines Grundstücks entschieden - und dafür einen Kredit von 155.000 Euro aufgenommen.

Seit acht Monaten Doppelbelastung Miete und Kredit

Hans-Peter Buschheuer, Chefredakteur des "Berliner Kuriers", weist die Vorwürfe zurück. Es bestehe ein "ständiger Kontakt der Familie Gensch zur Redaktion als auch seit März zur Rechtsabteilung" der Zeitung. "Privileg Massivhaus wurde bereits durch mehrere Schreiben und Anrufe unsererseits dazu aufgefordert, den Hausbau für die Familie Gensch unverzüglich fortzusetzen." Dabei sei stets deutlich auf die bestehenden vertraglichen Verpflichtungen hingewiesen worden.

Er habe sich persönlich vor Ort in Dallgow-Döberitz vom Zustand des Rohbaus überzeugt, sagt Buschheuer. Weil Gensch das Grundstück erst im August zur Verfügung gestellt hat und wegen des "langen und harten Winters" empfinde er "den Baufortschritt als angemessen".

Doch Gensch will das Argument der Verzögerungen wegen des Wetters nicht gelten lassen. "Schon seit Wochen ist das Wetter wieder okay, doch seit dem 8. März ist an dem Haus nichts gemacht worden."

Für Familie Gensch wird der Gewinn immer mehr zum Alptraum. "Seit acht Monaten haben wir nun die Doppelbelastung Miete und Kreditrückzahlung", sagt Gensch. "Lange können wir uns das nicht mehr leisten." Sie muss schon jetzt Vollzeit bei der evangelischen Kirche arbeiten, obwohl das Paar zwei Kinder hat - einen dreijährigen Sohn und eine einjährige Tochter. Sandra Gensch würde lieber nur halbtags arbeiten. "Doch ohne ihr Einkommen wären wir schon pleite", sagt der Ehemann.

"Wir wollten den Leuten nicht auf die Nerven gehen"

Oliver Gensch erzählt, wie der gegenwärtige Tagesablauf der Familie aussehe: "Jeden Morgen um vier Uhr aufstehen, um 5.20 Uhr den Sohn in den Kindergarten bringen, dann um sechs Uhr die Tochter zu den Schwiegereltern, dann zur Arbeit. Abends die Kinder wieder einsammeln und dann noch an den Rechner setzen, um E-Mails an den 'Kurier' und Privileg zu schreiben." Über 250 habe er inzwischen verfasst.

"Kurier"-Chefredakteur Buschheuer sagte SPIEGEL ONLINE, der Verlag bemühe sich, "bestmöglich zu einer raschen Lösung beizutragen". Sollte dies nicht durch Vermittlung zwischen den Genschs und Privileg möglich sein, "ziehen wir in Erwägung, zu gegebener Zeit weitere Schritte gegen Privileg Massivhaus einzuleiten". Derzeit seien keine weiteren Projekte mit dem Unternehmen geplant.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE betont Oliver Gensch immer wieder, er wolle nicht undankbar erscheinen. "Wir wollten den Leuten nicht auf die Nerven gehen. Wir waren ja wahnsinnig froh, das Haus gewonnen zu haben." Doch mittlerweile belaste der Gewinn seine Ehe. Seine Frau sei zeitweise schwer erkrankt, in den Gesprächen der Familie gehe es fast nur noch um das Haus.

Und dann sagt Sandra Gensch einen Satz, der ihre ganze Lage zusammenfasst: "Wir haben das Haus nicht gewonnen, sondern teuer mit den Nerven bezahlt."


Die Familie Gensch ist am Donnerstagabend auch zu Gast bei Kerner: 23.30 Uhr, Sat.1

Mehr zum Thema


insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Colorful, 08.04.2010
1. Grundstückspreis..
Mmh, das ist schon alles seltsam. Ein komisches Gefühl im Bauch und dann ein Grundstück für 155.000 Euro kaufen? Gabs da nichts im Vorort für die Hälfte?
Meckermann 08.04.2010
2. Betrüger überall...
Schon traurig, jedoch würde ich auch kein Grundstück kaufen, wenn ich es mir nicht wirklich leisten kann. Dann vllt. eher auf den Gewinn verzichten...
DJ Doena 08.04.2010
3. Grundstückspreis
155.000 Euro nur für das Grundstück im Großraum Berlin? Wieviel Quadratkilometer haben die denn gekauft?!
seiplanlos 08.04.2010
4. so brutal es klingt:
so brutal es klingt: Acht Monate sind jetzt rum. Das ist alles was vertraglich zugesichert wurde. Also, hat die Familie jetzt noch nicht mehr ausgegeben, als sie eh planen musste. Verstehe daher deren Problem nicht so ganz. Desweiteren frage ich mich: Wie wollen die das Haus einrichten (Teppich, Tapeten, Garten) wenn die durch die >GEPLANTEN< kosten schon Pleite sind? Desweiteren, mit den meisten Banken kann man reden. Ein paar Monate kann man da garantiert die Rückzahlungen verschieben. Sorry, aber bei der augenscheinlich schlechten Planung durch die Familie tun sie mir nicht so sehr leid. ps: Wie kann man als Spiegel über so etwas, so unkritisch berichten?
Hercules Rockefeller, 08.04.2010
5. Wundert mich auch
Zitat von seiplanlosso brutal es klingt: Acht Monate sind jetzt rum. Das ist alles was vertraglich zugesichert wurde. Also, hat die Familie jetzt noch nicht mehr ausgegeben, als sie eh planen musste. Verstehe daher deren Problem nicht so ganz. Desweiteren frage ich mich: Wie wollen die das Haus einrichten (Teppich, Tapeten, Garten) wenn die durch die >GEPLANTEN< kosten schon Pleite sind? Desweiteren, mit den meisten Banken kann man reden. Ein paar Monate kann man da garantiert die Rückzahlungen verschieben. Sorry, aber bei der augenscheinlich schlechten Planung durch die Familie tun sie mir nicht so sehr leid. ps: Wie kann man als Spiegel über so etwas, so unkritisch berichten?
Na, das wird im Versandhaus bestellt und dann wird der Zwegat gerufen-die Eheleute sind doch genau die Kandidaten, die in dieser Sendung immer wieder gezeigt werden. Ich verstehe es auch nicht, wie man sich ohne Moos in der Tasche mal eben ein Grundstrück für 155.000€ "gönnt". Das ist ja teurer als das Fertighaus, was draufgestellt werden soll. Wer macht denn sowas? Ich hätte an deren Stelle überlegt, dass ich wenn ich schon in der Höhe einen Kredit nehme, dass ich mir davon eine Eigentumswohnung in guter Lage kaufe (das geht, vielleicht nicht neben Bohlen&Reibachs, aber dort, wo Familien wohnen und die Kriminalität niedrig ist), den Fertighausgewinn weiterverkaufe und damit dann die Eigentumswohnung ablöse. Sorry, ich kann bei den Leuten nur mit dem Kopf schütteln. Das ist kein Fall für Spiegel Online, sondern für Peter Zwegat. Ohne Privatinso lernen es die meisten eben nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.