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"Goldener Windbeutel 2011": Verbraucherschützer küren frechste Werbelüge

Vitaminreiche Mini-Würstchen und Bonbons? Feine Gurken mit besten Zutaten? Bei der Werbung übertreibt die Lebensmittelindustrie gerne mal. Die Verbraucherorganisation Foodwatch will nun den "Goldenen Windbeutel" verleihen - für die dreisteste Werbelüge des Jahres.

Windbeutel: Foodwatch prangert Werbelügen an Fotos
foodwatch

Berlin - Zweimal gewann ein zuckerhaltiges Getränk, dieses Mal droht gleich fünf Herstellern die zweifelhafte Ehre, den "Goldenen Windbeutel" zu erhalten. Die Verbraucherorganisation Foodwatch stellt fünf Kandidaten zur Wahl für "die dreisteste Werbelüge des Jahres". Darunter sind Mini-Würstchen für Kinder und als gesund angepriesene Bonbons.

"Angesichts der alltäglichen Irreführung durch die Lebensmittelindustrie haben die Verbraucher allen Grund, sauer zu sein", erklärte Anne Markwardt, Leiterin der Foodwatch-Kampagne. Jede Stimme beim "Goldenen Windbeutel" zeige den Herstellern, dass die Menschen mit ihren Werbepraktiken nicht einverstanden seien.

Foodwatch wendet sich mit der Kampagne gegen irreführende Werbepraktiken von Lebensmittelherstellern. Zum ersten Mal wurde der Negativpreis 2009 an Danone verliehen, für den Trinkjoghurt Actimel, im vergangenen Jahr kürten die Nutzer Zotts Monte Drink als "Goldenen Windbeutel". Nun, bei der dritten Auflage, können Verbraucher bis zum 16. Juni auf der Web-Seite der Organisation ihren Favoriten wählen.

Nominiert ist erneut ein Joghurt von Danone. Dieses Mal ist es Activia. Laut Foodwatch ist der Joghurt "weder eine Wunderwaffe gegen Verdauungsbeschwerden noch ein Garant für perfektes Darmwohlbefinden". Danone weist die Vorwürfe zurück: Es sei "wissenschaftlich belegt, dass Activia bei täglichem Verzehr dazu beitragen kann, eine träge Verdauung zu regulieren und ein aufgeblähtes Gefühl zu reduzieren". Von einem Suggerieren größerer Effekte von Activia, wie es Foodwatch Danone vorwerfe, könne keine Rede sein.

Ein weiterer Kandidat für den "Goldenen Windbeutel" sind die Nimm2-Bonbons des Herstellers Storck, dem Foodwatch irreführende Werbung mit Vitaminzusätzen vorwirft. Der Hersteller werbe mit "wertvollen Vitaminen", die in der Regel völlig überflüssig seien. Kindern werde dadurch suggeriert, dass sie ihren Vitaminbedarf auch mit Süßigkeiten statt mit Obst und Gemüse decken könnten, kritisiert Foodwatch. Storck betont hingegen, dass Verbraucher das Bonbon seit Jahren "gerade wegen des Vitaminzusatzes" schätzten, der einen "zusätzlichen Nutzen" bringe.

An der ebenfalls nominierten Milch-Schnitte von Ferrero kritisiert Foodwatch, dass der Hersteller den Riegel mit Spitzensportlern als Werbepartner als leichte Zwischenmahlzeit anpreist. Tatsächlich bestehe eine Milch-Schnitte jedoch zu etwa 60 Prozent aus Fett und Zucker. Nach Angaben von Ferrero widerspricht der Konsum einer Milch-Schnitte als Zwischenmahlzeit prinzipiell nicht einem "ausgewogenen, sportlichen Lebensstil". Mit Sportlern als Werbepartner werde zum Ausdruck gebracht, "dass Ernährung und Bewegung zusammengehören".

Beim vierten nominierten Produkt, den "Ferdi Fuchs Mini Würstchen" für Kinder der Firma Stockmeyer, kritisieren die Verbraucherschützer vor allem den aus ihrer Sicht hohen Salzgehalt. Der Hersteller weist diese Kritik zurück. Wer den von Foodwatch angeführten Salzgehalt von zwei Gramm in 100 Gramm Wurst esse, müsste bis zu fünf der Würstchen zu sich nehmen.

Fünfter Kandidat für den "Goldenen Windbeutel" ist das "Schlemmertöpfchen Feine Gürkchen" von Kühne. Obwohl laut Foodwatch Aromen und ein Farbstoff drinstecken, würden die Gewürzgurken wie ein handwerkliches Produkt mit jahrhundertealter Tradition und "besten natürlichen Zutaten" verkauft. Aromen werden laut Kühne verwendet, weil zur Gurkenreife oft nicht genügend frische Kräuter und Gewürze zur Verfügung stünden und weil mit frischen Kräutern kein gleichbleibender Geschmack gewährleistet werden könne. Dies steht nach Auffassung des Unternehmens "in keinem Widerspruch zur Etikett-Auslobung 'Tradition seit 1772'".

cte/AFP

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1. Rechenkünstler
maconaut, 16.05.2011
"Wer den von Foodwatch angeführten Salzgehalt von zwei Gramm in 100 Gramm Wurst esse, müsste bis zu fünf der Würstchen zu sich nehmen." Ein Salzgehalt von 2% wird als hoch bemängelt. Da macht es keinen Unterschied, ob ich ein Wurst esse oder zehn. Man kann auch einen Kinder-Softdrink mit 2% Alkohol produzieren - daran wird sich kein Kind totsaufen - trotzdem wäre dieses Produkt sicher zu bemängeln...
2. Zucker und Fett
quacksalberei 16.05.2011
Marum stürzen sich diese Essens-Moralapostel immer wieder auf Fett und Zucker? Mein Kind benötigt Zucker, wenn es den ganzen Tag herumrennt, sonst unterzuckert es. Dann bekommt es eine Milchschnitte! Das einzige was von den Ernährungs-Talibans von "Food Watch" erreicht wird ist, dass andere Kinder neidisch auf mein Kind werden, da es kein Vollkornbrot mit Rettich herunterwürgen muss, sondern für Kinder produziertes leckeres "Junkfood" wie Pommes, Pizza und Döner von uns bekommt. Davon wird man doch dick, werden die geschulten Hobbyernährungsberater jetzt sagen, nein, dick wird ein Kind, wenn es den ganzen Tag fern sieht, wenn die Eltern keine Zeit für es haben, und dann gibt es dann noch denn ganz natürlichen Unterschied: dicke und dünne hat es schon immer gegeben, auch vor der Machtergreifung der Ernährungs-Talibans.
3. Blabla
Gani, 16.05.2011
Zitat von quacksalbereiMarum stürzen sich diese Essens-Moralapostel immer wieder auf Fett und Zucker? Mein Kind benötigt Zucker, wenn es den ganzen Tag herumrennt, sonst unterzuckert es. Dann bekommt es eine Milchschnitte! Das einzige was von den Ernährungs-Talibans von "Food Watch" erreicht wird ist, dass andere Kinder neidisch auf mein Kind werden, da es kein Vollkornbrot mit Rettich herunterwürgen muss, sondern für Kinder produziertes leckeres "Junkfood" wie Pommes, Pizza und Döner von uns bekommt. Davon wird man doch dick, werden die geschulten Hobbyernährungsberater jetzt sagen, nein, dick wird ein Kind, wenn es den ganzen Tag fern sieht, wenn die Eltern keine Zeit für es haben, und dann gibt es dann noch denn ganz natürlichen Unterschied: dicke und dünne hat es schon immer gegeben, auch vor der Machtergreifung der Ernährungs-Talibans.
So viel blabla, so wenig nachgedacht... Es geht um die Menge! Und wer glaubt, sein Kind könne unterzuckern, der hat den Knall sowieso nicht gehört.
4. .
biobanane 16.05.2011
Zitat von quacksalbereiMarum stürzen sich diese Essens-Moralapostel immer wieder auf Fett und Zucker? Mein Kind benötigt Zucker, wenn es den ganzen Tag herumrennt, sonst unterzuckert es. Dann bekommt es eine Milchschnitte! Das einzige was von den Ernährungs-Talibans von "Food Watch" erreicht wird ist, dass andere Kinder neidisch auf mein Kind werden, da es kein Vollkornbrot mit Rettich herunterwürgen muss, sondern für Kinder produziertes leckeres "Junkfood" wie Pommes, Pizza und Döner von uns bekommt. Davon wird man doch dick, werden die geschulten Hobbyernährungsberater jetzt sagen, nein, dick wird ein Kind, wenn es den ganzen Tag fern sieht, wenn die Eltern keine Zeit für es haben, und dann gibt es dann noch denn ganz natürlichen Unterschied: dicke und dünne hat es schon immer gegeben, auch vor der Machtergreifung der Ernährungs-Talibans.
Warum müssen solche Vegleiche sein? Die Tabiban sind eine reaktionäre, vielleicht auch faschistische Bewegung. Sehen Sie sich dagegen nun als Avantgarde, weil Sie ihrem Kind viel Fett und Zucker geben? Und wird das Ihnen von jemanden verboten?
5. Titel sind bloed
ostkraft, 16.05.2011
Erst kürzlich konnte man hier auf SPON von einer Studie lesen, die nachwies, dass eine salzreiche Ernährung keineswegs zu gefährlichem Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Beschwerden im Alter führt. Das Gegenteil war der Fall. Ich habe gegen Actimel gestimmt, weil ich es widerlich finde, Nahrungsmittel mit angeblich gesundheitsfördernder Wirkung zu bewerben. Besonders ärgerlich ist dies, da Actimel exakt die gleiche Wirkung erzielt wie jeder andere Joghurt -> nahezu keine. Man könnte solchem Schwachsinn leicht das Handwerk legen, in dem alle Lebensmittel, die eine angeblich gesundheitsfördernde oder krankheitsverbessernde Wirkung haben sollen, unter Apothekenzwang gestellt und nur noch dort verkauft werden dürfen. Bei den hohen Preisen des Apothekenkartells dürften sich die Absatzchancen stark verringern und wir Konsumenten bleiben von dem Schwachsinn verschont.
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Die Health-Claim-Verordnung der EU
Seit 2007 ist die "Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel" der EU in Kraft. Hersteller von Lebensmitteln können seitdem Health-Claim-Anträge bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) einreichen. Ziel der Verordnung: Jede Angabe auf einem Etikett über den gesundheitlichen Nutzen des Produkts muss durch wissenschaftliche Nachweise abgesichert sein. Diese werden von der Efsa überprüft.
Health Claims nach Artikel 13.1
"Kalzium ist gut für Ihre Knochen", oder "Omega-3-Fettsäuren senken den Cholesterinspiegel". Allgemeine Claims dieser Art gehören in die Kategorie 13.1. Ursprünglich waren mehr als 40.000 Anträge auf Claims dieser Art bei der Efsa eingegangen. Die EU-Behörde hat die Liste inzwischen auf 4186 reduziert. Wann die Positivliste der erlaubten Werbeaussagen fertiggestellt sein wird, ist noch nicht absehbar. Urprünglich sollte sie Ende Januar 2010 veröffentlicht werden. Doch bisher sind erst knapp tausend solcher Health-Claim-Anträge abgearbeitet. Grundsätzlich darf sich jeder Hersteller aus der Liste bedienen und sein Produkt mit den erlaubten Claims bewerben, sofern es bestimmte Nährwert-Anforderungen erfüllt. Diese wurden allerdings von der EU-Kommission noch nicht genau festgelegt.
Health Claims nach Artikel 13.5
"Actimel unterstützt das natürliche Abwehrsystem im Darm", oder "Activia hilft mit seiner speziellen Kultur regelmäßig das Darmwohlbefinden zu verbessern". Das sind gesundheitsbezogene Angaben im Hinblick auf "neue Wirkungen", wie es die Efsa formuliert. Gemeint sind damit individuelle Health Claims, die nur für ein bestimmtes Produkt gelten. Von dieser Sorte wurden bisher insgesamt 280 Anträge bei der Efsa eingereicht, 80 sind erst abgearbeitet, sechs wurden wieder zurückgezogen. Die Antragsteller müssen umfangreiche wissenschaftliche Nachweise vorlegen, die die gesundheitsbezogenen Angaben belegen.
Health Claims nach Artikel 14
"Verringert den Cholesterinspiegel", "senkt das Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten". Werbeaussagen dieser Art, also Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos, fallen unter Artikel 14 der Health-Claim-Verordnung. Ebenso sind Angaben über die Gesundheit und Entwicklung von Kindern darunter definiert. Auch in diesen Fällen müssen die Antragsteller wissenschaftliche Nachweise erbringen, die diese Effekte belegen.
Was passiert, wenn ein Health Claim abgelehnt wurde?
Ohne eine Zulassung nach der Health-Claim-Verordnung darf eine gesundheitsbezogene Angabe für ein Lebensmittelprodukt nicht mehr verwendet werden, auch nicht in der Werbung. Die Behörden räumen den Herstellern jedoch eine Frist von sechs Monaten ein, innerhalb der sie die Werbeaussagen vollständig vom Markt nehmen müssen. Angaben über die Entwicklung und Gesundheit von Kindern müssen sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Nur sofern vor dem 19. Januar 2008 ein Antrag auf Zulassung gestellt wurde, gilt für sie eine Übergangsregelung.

Nährwertkennzeichnung
Zwischen Industrie, Politik, Gesundheitsexperten und Verbraucherschützern wird seit langem erbittert über die Nährwertkennzeichnung gestritten: Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen fordern eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Mit den Farben grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) soll dem Verbraucher einfach und schnell signalisiert werden, was er isst. Die Lebensmittelindustrie lehnt dieses System jedoch ab - weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere. Sie hat sich stattdessen auf das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount) verständigt, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt. Die aber sind laut Kritikern so willkürlich gewählt, dass sie den Vergleich schwierig machen. Außerdem geht das GDA-System von unrealistischen Portionsgrößen aus: So empfehlen sie etwa eine halbe Tiefkühlpizza oder eine winzige Handvoll von 25 Gramm bei Erdnüssen. Im Juni 2010 hat das EU-Parlament die Einführung einer europaweiten Ampelkennzeichnung abgelehnt.

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