"Goldener Windbeutel" Lebensmittel-Wächter küren frechste Werbeschwindel

Eine "Apfellimonade" ohne Apfelsaft, eine "wertvolle" Kindermilch knallvoll mit Zucker: Immer wieder werden Kunden von Werbung getäuscht. Foodwatch hat besonders dreiste Etikettenschwindel für den Negativpreis "Goldener Windbeutel" nominiert - SPIEGEL ONLINE zeigt die Kandidaten.

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"Goldener Windbeutel": Die Tricks der Lebensmittelindustrie

Hamburg - Zott verspricht seinen Kunden eine "beliebte Zwischenmahlzeit", der Monte Drink sei ein "idealer Begleiter für Schule und Freizeit". Für die Verbraucherschützer von Foodwatch ist das eine dreiste Werbelüge. "Das Getränk ist eine zuckersüße Kalorienbombe im Schulranzen", sagt Kabarettist Erwin Pelzig, der in der Foodwatch-Jury sitzt und das Produkt für den "Goldenen Windbeutel 2010" nominiert hat. "Der Monte Drink enthält acht Stück Würfelzucker - mehr als die gleiche Menge Cola."

Der Monte Drink geht neben vier weiteren Produkten ins Rennen um den "Goldenen Windbeutel 2010". Bis zum 22. April können Verbraucher auf der Kampagnenseite von Foodwatch abstimmen - darüber, von welchen Produkten sie sich am meisten in die Irre geführt sehen. Im vergangenen Jahr verlieh Foodwatch die Negativ-Auszeichnung zum ersten Mal - an den Trinkjoghurt Actimel. Das Versprechen des Herstellers Danone, Abwehrkräfte zu aktivieren, sei ein "großes Märchen", die Wirkung von Actimel auf das Immunsystem nicht größer als bei einem herkömmlichen Joghurt.

Danone sprach von "gezielter Verbraucherverunsicherung". Die Vorwürfe seien nicht zutreffend. Actimel aktiviere nachweislich die Abwehrkräfte, sagte Danone-Sprecher Andreas Knaut. "Das ist in mehr als 30 wissenschaftlichen Studien belegt. Actimel ist damit der einzige probiotische Joghurt-Drink, dessen Wirkweise auf die Abwehrkräfte so intensiv untersucht wurde."

Eine Jury, der neben Pelzig die TV-Moderatoren Astrid Frohloff und Tobias Schlegl, Tatort-Kommisar Andreas Hoppe und SPIEGEL-Autor Ullrich Fichtner angehören, hat nun folgende fünf Produkte nominiert:

  • "Beo Heimat Apfel & Birne": Carlsberg bewirbt die Brause als "Bio Erfrischung" aus "rein natürlichen Zutaten". Laut Foodwatch sind in der Limonade gerade einmal 5,5 Prozent Bio - nämlich Zucker und Gerstenmalzextrakt. Apfel- und Birnensaft seien gar nicht drin, für den Geschmack sorgten Aromen. Carlsberg teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, das Unternehmen halte sich bei der Herstellung "streng an die Vorgaben der EU".
  • "Bertolli Gegrilltes Gemüse": Unilever bewirbt die Pastasoße mit dem Hinweis "verbesserte Rezeptur". Dabei habe sich die Rezeptur gegenüber der alten sogar verschlechtert, kritisiert Foodwatch. So enthalte das Produkt nun Aroma, den Geschmacksverstärker Hefeextrakt und den Zusatzstoff Citronensäure E330. Für die Verbraucherschützer ein "Etikettenschwindel". Unilever-Sprecher Merlin Koene weist den Vorwurf zurück: Er sagte SPIEGEL ONLINE, das Unternehmen habe die Soßen bei Blindverkostungen von 100 bis 200 Menschen testen lassen. Die neue Mischung habe den Kunden einfach besser geschmeckt. Insofern sei die Angabe "verbesserte Rezeptur" auf den subjektiven Geschmack der Testpersonen und nicht auf die Qualität der Inhaltsstoffe zurückzuführen.
  • "Der Gelbe Zitrone Physalis": Physalis-Früchte, die groß auf der Verpackung zu sehen sind, seien in dem Wellnesstee nicht enthalten. Dafür aber 47 Stück Würfelzucker, sagt Foodwatch. Der Hersteller Pfanner gibt sich gesprächsbereit: "Wir sind aufgrund der Kritik von Foodwatch auf der Suche nach Physalis-Saft", sagte Sprecherin Marie-Luise Dietrich SPIEGEL ONLINE. "Wir prüfen aktuell die Rohwarenverfügbarkeit und sind optimistisch, da bald zu einer Lösung zu kommen." Den Zuckergehalt habe man "mehrmals reduziert, er entspricht in etwa dem einer Fruchtsaftschorle". Zudem verzichte Pfanner bei dem Tee "ganz bewusst auf Süßstoffe".
  • "Duett Champignon Creme Suppe": Der Starkoch Alfons Schuhbeck wirbt für das Produkt. Dabei enthält es laut Foodwatch lauter Zusatzstoffe "und ist nur so gut wie jede Tütensuppe - dafür ist es jedoch viel teurer und wird in zwei Dosen verkauft. In einer befindet sich das Pulver, in der zweiten wird das Wasser zum Anrühren gleich mitgeliefert." Escoffier hält die Nominierung für nicht gerechtfertigt. Die Kritik beziehe sich auf Rezepturen, "die wir schon seit geraumer Zeit so nicht mehr einsetzen", sagte ein Sprecher. "Wir haben in den letzten Monaten intensiv an unseren Produkten gearbeitet und insbesondere die Fond-Rezepturen weiterentwickelt. So haben wir den aktuellen Gemüsefond für die Champignon-Creme-Suppe auf der Basis von konzentrierter Gemüsebrühe durch einen neuen Geflügelfond ersetzt.
  • "Monte Drink": Zott bewirbt das Getränk als "beliebte Zwischenmahlzeit" mit "wertvollem Traubenzucker". Laut Foodwatch enthält jedes Fläschchen des "Milchmischgetränks" acht Stück Würfelzucker. Wertvoll oder gesund sei "weder der Traubenzucker noch die ganze aromatisierte Zucker-Milchcreme-Mischung". Zott sagte auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, dass Nährwerte wie Fett, Eiweiß und Kohlenhydrate/Zucker auf der Verpackung angegeben sein. Ein großer Teil des Zuckers bestehe aus Milchzucker, der aus Milchbestandteilen stammt. Der Verbraucher sei "umfänglich über die Inhaltsstoffe informiert" und könne "diese Informationen in seine Kaufentscheidung einbeziehen".

"Wenn die Leute von all den Schwindeleien hören, sind sie sauer", sagte Foodwatch-Chef Thilo Bode. "Zu Recht, und sie sollen sauer werden - denn erst, wenn die Lebensmittelkonzerne den Ärger ihrer Kunden zu spüren bekommen, werden sie ihre irreführenden Werbepraktiken ändern und die Politik wird die Regeln zugunsten der Verbraucher ändern."

Das wäre auch gut für die Unternehmen mit hohen Qualitätsansprüchen, sagte Bode, der bis 1995 Greenpeace Deutschland führte. "Denn solange Hersteller mit ihren Tricks und Täuschungen durchkommen, wird der Schwindler belohnt, und der Ehrliche ist der Dumme."

Wer soll den "Goldenen Windbeutel 2010" erhalten? Zur Abstimmung gelangen Sie hier.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
Stefanie Bach, 22.03.2010
1. Kritische Kunden
Zitat von sysopEine "Apfellimonade" ohne Apfelsaft, eine "wertvolle" Kindermilch knallvoll mit Zucker: Immer wieder werden Kunden von Werbung getäuscht und geneppt. Foodwatch hat besonders dreiste Etikettenschwindel für den Negativpreis "Goldener Windbeutel" nominiert - SPIEGEL ONLINE zeigt die Kandidaten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,683669,00.html
Der Kunde trägt immer auch einen Teil der Verantwortung. Niemand muss unkritisch irgendwelchen Werbesprüchen folgen. Qualitätsbewusstsein und die Bereitschaft sich zu informieren gehören zur Marktwirtschaft. 20 Prozent Wachstum für ein Olivenöl der Spitzenklasse (http://www.plantor.de/2009/20-prozent-umsatzwachstum-fuer-ein-olivenoel-der-spitzenklasse/)
Gegengleich 22.03.2010
2. Warum nur Lebensmittel?
Warum wird das eigentlich nur bei Lebensmitteln durchgeführt? Ich fände eine Überprüfung von Kosmetikartikeln auch sinnvoll. Ich denke da an die ein oder andere, ach, eigentlich jede Wimperntuschenwerbung, die angeblich so unschlagbar ist, abgebildet sind aber immer Kunstwimpern. Weiter geht's mit "Cement-Ceramiden". Oder auch mein Favorit, der "Micro-Ahornsaft"! Ich bin mir sicher, Herr und Frau Garnier haben im Garten ganz viele Ahorn-Bonsai-Bäume und gehen jeden Tag ernten. Auch für das Bienensterben habe ich einen Grund gefunden: Es gibt immer mehr Kosmetika mit Gelée Royal. Da bleibt halt nix mehr für die Königinnen.......
number12, 22.03.2010
3. Tja ..
Mal wieder nichts neues von der „Nahrungsmittel“-Industrie. Wer diese Chemiebomben kauft und verzehrt, sollte sich nicht wundern, wenn er irgendwann mit grünen oder lilafarbenen Ohren durch die Gegend läuft ;-)
thelensis 22.03.2010
4. Lebensmittel?
Bei den meisten sog. Nahrungsmitteln handelt es sich mittlerweile um reine Chemiebomben. Die Kooperationen zwischen Chemie/Pharma und Lebensmittelriesen sorgt für eine zunehmende "Verkrankung" der Menschen: Erst mit Chemie verseuchen und dann angebliche Medikamente reichen... Es ist an der Zeit, Zusatzstoffe nicht mehr einzeln zu limitieren sondern einen Maximalanteil aller Stoffe zusammen fest zu legen und die Hersteller per Gesetz zu verpflichten, alle Zusatzstoffe (auch die Hilfstoffe) zu deklarieren. Das ganze gekoppelt mit einer Ampelkennzeichnung. Dann aber müssten in Brüssel die Lobbyisten ihre Schreibtische räumen - also wird mein Traum von wirklicher Nahrung nichts. Mithin haben wir persönlich den Umstieg auf Bio geschafft. Zwar ist das EU-Gütesiegel auch nur ein kleinster Nenner, aber immerhin. Schlussfazit: Die Lebensmittelbranche halte ich persönlich für eine hochkriminelle Veranstaltung, bei der besonders die Großen ohne Rücksicht auf die Menschen zur Gewinnmaximierung immer schlechtere Qualität zu immer höheren Preisen unter die Menschen bringt. Die Gesundheitsgefahren sind unerheblich, dafür aber erwünscht - denn dann verdienen die Pharmazeuten ja noch mal mit. Mit Genfood und Nanoessen kommt die nächste Welle der Vergiftungen. Und keiner wagt es, Grenzen aufzuzeigen. Schade.
ReneMeinhardt, 22.03.2010
5. Ihren Satz kommentiere ich wie folgt
Zitat von Stefanie BachDer Kunde trägt immer auch einen Teil der Verantwortung. Niemand muss unkritisch irgendwelchen Werbesprüchen folgen. Qualitätsbewusstsein und die Bereitschaft sich zu informieren gehören zur Marktwirtschaft. 20 Prozent Wachstum für ein Olivenöl der Spitzenklasse (http://www.plantor.de/2009/20-prozent-umsatzwachstum-fuer-ein-olivenoel-der-spitzenklasse/)
Wenn ich Ihnen ein bischen Cyankali ins Essen beimenge, und ich es Ihnen aber nicht sage und anstelle dessen behaupte, dass es äußerst schmackhaft und vor allem gesund ist, dann tragen Sie Ihren Teil der Verantwortung, denn Sie hätten das Gift ja nicht schlucken müssen. Sie tun ja gerade so, als gäbe es den Vorsatz der bösartigen Täuschung nicht.
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