Greenpeace-Test Mädchenbadeanzug mit gefährlichen Chemikalien belastet

Adidas, Puma, Nike: Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat bei einer Stichprobe gefährliche Chemikalien in Bademoden bekannter Markenhersteller gefunden. In einem Kinderbadeanzug wurde eine besonders hohe Konzentration einer gesundheitsschädlichen Substanz gefunden.

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Marcus Meyer/Greenpeace

Hamburg - Ausgerechnet ein Mädchenbadeanzug des Markenherstellers Adidas ist einer Greenpeace-Stichprobe zufolge mit gefährlichen Schadstoffen belastet. Die Umweltschutzorganisation überprüft immer wieder Kleidung auf Schadstoffe und hat jetzt erstmals Bademoden auf per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) und auf die hormonell wirksamen Alkylphenolethoxylate (APE) untersucht. Das Ergebnis: Drei der insgesamt fünf Proben von vier Herstellern waren mit PFC belastet, vier Proben enthielten APE.

Moderne Funktionskleidung enthält viele Substanzen, die Umwelt und Gesundheit schaden können. Produzenten setzen sie ein, um die Outdoor-Kleidung schmutz- und wasserabweisend zu machen. Das Problem mit den extrem langlebigen Chemikalien: Wenn sie einmal in die Umwelt gelangt sind, werden sie kaum noch abgebaut und sie verbreiten sich weltweit: PFC wurden schon im Blut von arktischen Eisbären und im Dung von Pinguinen in Feuerland nachgewiesen.

Über Nahrung, Trinkwasser oder die Luft nehmen auch Menschen die Stoffe auf, die als fortpflanzungsschädigend gelten und für Schilddrüsenerkrankungen und Immunstörungen verantwortlich gemacht werden. Zwar gibt es einen Konsens der großen Hersteller, wenigstens die Freisetzung der problematischen PFC bis 2020 komplett zu vermeiden - sie haben dafür die Initiative Zero Discharge of Hazardous Chemicals (ZDHC) gegründet - bisher aber sind sie damit offenbar nicht sehr erfolgreich.

Greenpeace-Test: Chemikalienfunde in Badekleidung

adidas Badeanzug Nike Badeanzug Nike Badeshorts Puma Badeshorts Chiemsee Badehose
PFOA ja - deutlich über Vergleichswert nein ja - knapp über Vergleichswert ja - leicht unter Vergleichswert nein
NPE ja ja ja nein ja - gering
Phtalate gering gering gering gering hoch

Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) werden verwendet, um Kleidung schmutz- und wasserabweisend zu machen. Besonders problematisch sind langkettige PFC, die in der Umwelt kaum abgebaut werden können. Perfluoroktansäure (PFOA) ist eine PFC, die umwelt- und gesundheitsschädlich ist. Die meisten Hersteller haben sich verpflichtet, alle langkettigen PFC in den kommenden Jahren aus der Produktion zu verbannen, in Tests werden sie jedoch immer wieder nachgewiesen.
Alkylphenolethoxylate wie die Nonylphenolethoxylate (NPE) werden in China bei der Textilherstellung eingesetzt und gelangen über Abwasser in die Umwelt - sie schädigen das Hormonsystem.
Phtalate, so genannte Weichmacher, sind hormonell wirksam und stehen im Verdacht, die Fortplanzungsfähigkeit zu schädigen.

Im jüngsten Test hat Greenpeace drei Männerbadehosen der Hersteller Nike, Puma und Chiemsee, einen Badeanzug für Frauen von Nike und einen für Mädchen von Adidas untersucht. Ausgerechnet der Kinderbadeanzug schnitt am schlechtesten ab: Die Konzentration der zu den PFC gehörenden gesundheitsschädlichen Perfluoroktansäure (PFOA) lag mit 4,9 Mikrogramm pro Quadratmeter fast fünf Mal so hoch wie der gesetzliche Grenzwert der laut Greenpeace vergleichbar gefährlichen Perfluoroktansulfonsäure (PFOS).

Für PFOA hat die EU bisher keinen gesetzlichen Grenzwert festgelegt, die Chemikalie in diesem Jahr allerdings in die REACH-Liste für besorgniserregende Stoffe aufgenommen - weil die Schädlichkeit mit PFOS vergleichbar sei. Die Badeshorts von Nike überschreiten diesen Vergleichswert leicht, die von Puma liegen leicht darunter, die Badehose von Chiemsee ist PFC-frei.

Die Umweltorganisation kritisiert, dass PFC in Badekleidung gefunden wurden, da der wasser- und schmutzabweisende Effekt dort weniger wichtig ist. Die Vermutung: Durch die fettabweisende Wirkung könnte sich Sonnencreme besser entfernen lassen und durch die wasserabweisende Wirkung könnte sich vielleicht der Widerstand im Wasser reduzieren - notwendig ist das aber nicht. "PFC und andere gefährliche Substanzen haben in Bademode nichts zu suchen", sagt der Chemieexperte von Greenpeace, Manfred Santen. "Wir fordern Textilhersteller auf, schädliche Chemikalien aus der Produktion zu verbannen."

Besorgniserregend nennt Greenpeace zudem die Testergebnisse für Nonylphenol-Ethoxylate (NPE) in den Badeanzügen von Adidas und Nike, Chemikalien, die bei der Herstellung die Gewässer verschmutzen und das menschliche Hormonsystem schädigen. Auch Weichmacher konnten die beauftragten Labors in allen Proben nachweisen.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE reagierten lediglich die Hersteller Puma und Chiemsee. Puma zeigt sich bestürzt und teilt mit, man habe umgehend den Hersteller kontaktiert, um zu prüfen, wie das PFOA in die Badehose gelangt ist. Die "mit dem Hersteller vereinbarte Produktspezifikation für die getestete Badehose sieht keinen Einsatz von PFC vor", außerdem habe sich Puma selbst verpflichtet, von 2015 an keine langkettigen PFC mehr zu verwenden.

Chiemsee sieht durch den Test bestätigt, dass die Richtlinien der EU-Chemikalienverordnung eingehalten werden. Trotzdem nehme das Unternehmen "die Auswertungen als Anstoß, unsere Produkte auch in Zukunft mit größter Sorgfalt zu überprüfen".

Die Tests - das räumt Greenpeace selbst ein - sind allerdings nicht mehr als eine Stichprobe, "die aufdeckt, dass die gefährliche Fluorchemie weiterhin in Badeklamotten von Adidas und anderen Marken vorkommt". Und das, obwohl die Hersteller versprechen, dies zu vermeiden. "Dass es auch ohne geht, zeigen ja die zwei PFC-freien Proben", sagt Santen.

Ärgerlich ist das auch für die Käufer. Weil es keine Kennzeichnungspflicht für PFC gibt, können Verbraucher nicht erkennen, ob die Chemikalien in der Kleidung vorkommen.



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tabernakelmenetekel 27.10.2013
1. nur noch chiemsee oder puma kaufen
Ganz einfach. Kaufe auch nur mam baby flaschen da schon lange bpa frei. Andere sind nur nachgezogen und werden deshalb auch jetzt nicht gekauft.
lronmcbong 27.10.2013
2. optional
Chiemsee sieht durch den Test bestätigt, dass die Richtlinien der EU-Chemikalienverordnung eingehalten werden. Trotzdem nehme das Unternehmen "die Auswertungen als Anstoß, unsere Produkte auch in Zukunft mit größter Sorgfalt zu überprüfen". Der Test zeigt, dass es keine Kontrolle gegeben HAT, sonst HÄTTE man es ja zuvor schon selbst entdeckt. Und das man mit Ziel der "Zero Discharge of Hazardous Chemicals" nicht weit kommt ist doch sonnenklar - erwarten sie ernsthaft von jemanden, der sein Geld mit den Produkten verdient sich die Bürde aufzuerlegen, auf Stoffe zu verzichten die sein Produkt billiger/besser/gewinnerhöhend machen? Müssen wir ernsthaft in jedem Bereich den Bock zum Gärtner machen und uns dann wundern, dass es nicht klappt?
Thorsten Dersch 27.10.2013
3.
Einmal mehr, aber wen juckt´s denn eigentlich? Es ist der Industrie alles egal solange die Kasse stimmt...Nicht nur Adidas ist beim globalen Raubbau "all in"...
Summermiller 27.10.2013
4. Ironie des Artikels
Das gerade die Testen, die Outdoor/Funktionskleidung erst Salonfähig gemacht haben und dann feststellen müssen das man selber zu den Verseuchern gehört. Was ist die Konsequenz? Jute oder Hanf? Baumwolle geht ja auch nicht bei den Anbaubedingungen (Chemikalieneinsatz, Arbeitsbedingungen). Verbraucher wird mal wieder von allen im Regen stehen gelassen. Die Verseuchung unserer Kinder geht gar nicht! Wird sich wohl erst ändern, wenn der Badeanzug der Kanzlerin verunreinigt ist.
sfk15021958 27.10.2013
5. Bis auf Wolle...
...sind alle Kleidungsstücke häufigst nur durch Waschen schadstofffrei zu bekommen. Phthalate lassen sich i.d.R. nicht einfach auswaschen. Gruss, ein Umweltanalytiker
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