Belastete Outdoor-Kleidung: Zurück zur Chemie

Von Nicolai Kwasniewski

Die Hersteller von Outdoor-Kleidung werben gerne mit unberührter Natur. Die wetterfesten High-Tech-Klamotten enthalten allerdings eine ganze Reihe von Chemikalien, die Umwelt und Gesundheit belasten können, wie eine Greenpeace-Untersuchung zeigt.

Fotostrecke: Chemie in Outdoor-Kleidung Fotos
Marcus Meyer / Greenpeace

Hamburg - "Draußen Zuhause" - der Slogan der Outdoor-Firma Jack Wolfskin zeigt beispielhaft, wie naturverbunden sich die Markenhersteller geben. Die High-Tech-Materialien für Jacken und Hosen, mit denen Polar-Expeditionen ausgestattet werden können, sind mittlerweile auch in Großstädten weit verbreitet - als Schutz gegen Herbstwind oder Sommerregen.

Die unschöne Kehrseite der Outdoor-Mode sind die Chemikalien, die verarbeitet werden, um die Spezialtextilien wetterfest und atmungsaktiv zu machen. Sie lassen sich einer Greenpeace-Studie zufolge in der Markenkleidung von Adidas über Patagonia bis The North Face nachweisen.

Konkret geht es um sogenannte perfluorierte und polyfluorierte Kohlenwasserstoffe (PFC), äußerst persistente chemische Verbindungen. Das bedeutet, diese Stoffe werden in der Umwelt nur über extrem lange Zeiträume abgebaut. PFC kommen in der Natur nicht vor und werden schon seit mehr als 50 Jahren hergestellt. Mittlerweise hat man diese Chemikalien weltweit nachgewiesen, laut Greenpeace vom Schnee in den Alpen bis in die Tiefsee - sogar das Blut von arktischen Eisbären und der Dung von Pinguinen aus Feuerland sind demnach mit PFC belastet.

PFC werden nicht über die Haut aufgenommen, das Tragen der Outdoor-Jacken und Hosen ist also streng genommen nicht gesundheitsschädlich. Greenpeace kritisiert aber, dass die Hersteller sich nicht ausreichend um Alternativen bemühen - obwohl die meisten entsprechende Initiativen unterstützen oder selbst initiiert haben. Über die Umwelt können die Stoffe, über Nahrung, Trinkwasser und die Luft zudem auch in den menschlichen Organismus gelangen. Es gebe aktuelle Studien, die einen Zusammenhang der Stoffe mit verminderter Fruchtbarkeit, Schilddrüsenerkrankungen und Immunstörungen herstellen.

Auch die Greenpeace-Jacke ist belastet

Die von Greenpeace untersuchten Hersteller setzen PFC für Beschichtungen oder Membrane wie beispielsweise Gore-Tex ein. Die Umweltschutzorganisation hat 14 Outdoor-Kleidungsstücke von Markenherstellern gekauft und in zwei unabhängigen Labors auf eine ganze Reihe von Schadstoffen untersuchen lassen - auch eine von der Firma Zimtstern für Greenpeace hergestellte Jacke. Die wichtigsten Ergebnisse: In den Produkten von The North Face, Patagonia, Jack Wolfskin, Kaikkialla und Marmot fanden die Tester bedenkliche Konzentrationen der giftigen Perfluoroktansäure (PFOA). In den Jacken von Mammut und Vaude stellten sie zudem hohe Konzentrationen von Fluortelomeralkoholen fest.

Selbst in der Jacke der Greenpeace-Aktivisten konnten die Labore PFC nachweisen, obwohl in der Produktion auf den Einsatz von Fluorchemie eigentlich verzichtet wird, ebenso war es bei dem Produkt von Fjällräven. Woher die Verunreinigungen kommen ist unbekannt, offenbar lassen sich Kontaminationen nur schwer vermeiden, folgert Greenpeace.

Schon im vergangenen Jahr hatten die Umweltschützer darauf hingewiesen, dass PFC bei der Produktion für namhafte Textilmarken in chinesische Flüsse gelangen. Nach Meinung der Umweltschützer müssten auch geringfügige Kontaminationen bei der Herstellung vermieden werden - und die Outdoor-Firmen dafür sowohl mit Materiallieferanten, als auch mit der chemischen Industrie zusammenarbeiten und genau kontrollieren, welche Substanzen in der Produktion eingesetzt werden.

Hersteller gehen auf Kritik ein

Keines der getesteten Kleidungsstücke überschritt gesetzliche Grenzwerte - allerdings liegt das auch daran, dass für viele PFC gar keine Regelungen existieren. Allerdings wiesen die Labore vor allem in einem Kinder-Regenponcho der Firma Northland und einer Kinderjacke von Seven Summits eine hohe Konzentration giftiger Weichmacher nach, die das Hormonsystem stark beeinflussen und zu Unfruchtbarkeit und Übergewicht führen.

SPIEGEL ONLINE hat die Hersteller darum gebeten, zu den Testergebnissen Stellung zu beziehen. Bis auf The North Face und Kaikialla haben das alle getan - und sie gehen sehr offen mit dem Problem PFC um. Die meisten verweisen darauf, dass die Ergebnisse unter den gesetzlichen Grenzwerten liegen - zeigen sich aber trotzdem betroffen. Die Unternehmen sind sich des Problems bewusst und verweisen darauf, dass sie sich an der Initiative "Zero Discharge of Hazardous Chemicals" (ZDHC) beteiligen, die das Ziel hat, die Freisetzung dieser Chemikalien bis 2020 zu vermeiden.

Tatsächlich pflegen die Markenhersteller ein Image, das auf Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit setzt. Der Greenpeace-Test zeigt aber, dass die zahlreichen Standards den Einsatz von PFC bisher nicht vollständig ausschließen. Das mittelständische Familienunternehmen Vaude erklärt dazu sehr offen, dass sich eine wasser-, öl- und schmutzabweisende Oberfläche ohne PFC nicht so herstellen lasse, dass sie die "Erwartungshaltung der Kunden an die Funktionalität" befriedige.

Gleichzeitig verweist Vaude darauf, dass es eine PFC-freie Membran verwendet, nämlich "Sympatex", obwohl sich andere "aufgrund der hohen Marketing-Präsenz des größten PTFE-Membran-Herstellers leider erheblich besser verkaufen ließen". Gemeint ist der Markenname GoreTex. Der Kunde hat es also schon im Laden in der Hand, die schädlichen Chemikalien zu vermeiden.

PFC in Outdoor-Kleidung, die in Deutschland gekauft wurde
Material Pro-
duktions-
land
PFOA
μg/m2
PFCA (Summe)
μg/m2
PFS (Sum.)
μg/m2
FTA (Sum.)
μg/m2
8:2 FTOH
μg/m2
FTOH (Sum.)
μg/m2
Greenpeace Jacket, Germany China 0,27 0,70 n.d. 1,4 n.d. n.d.
Jack Wolfskin, Boys Jacket Indonesien 2,01 5,11 n.d. 10,1 n.d. n.d.
Vaude, Outdoor Jacket, Kids China 0,58 2,78 n.d. n.d. 230 418,5
Vaude, Jacket Women Vietnam 0,24 1,21 n.d. 19,5 n.d. n.d.
The North Face, Women Jacket China 1,58 3,37 n.d. 23,8 n.d. n.d.
Mountain Equipment, Women Jacket Ukraine 0,20 0,58 n.d. 6,1 n.d. n.d.
Marmot, Boys rain Pants China 2,31 6,29 n.d. 25,6 n.d. n.d.
Fjällräven, Women Jacket China 0,29 1,17 n.d. 20,8 n.d. 52,0
Patagonia, Outdoor-Jacket China 2,16 8,48 n.d. 65,0 30 123,0
Adidas, Outdoor-Jacket China 0,29 1,04 n.d. 5,6 n.d. 99,0
Quelle: Greenpeace
PFC in Outdoor-Kleidung, die in Österreich (AT) und der Schweiz (CH) gekauft wurde
Material Pro-
duktions-
land
PFOA
μg/m2
PFCA (Summe)
μg/m2
PFS (Sum.)
μg/m2
FTA (Sum.)
μg/m2
8:2 FTOH
μg/m2
FTOH (Sum.)
μg/m2
Northland, Child Poncho China 0,45 1,20 n.d. n.d. n.d. 17,6
Seven Summits, Children Jacket China 0,30 0,66 n.d. n.d. 40,6 40,6
Mammut, Women Jacket China 0,65 5,39 n.d. 57,2 78,1 464,2
Kaikkialla, Women Jacket China 4,98 10,96 n.d. 78,3 87,8 175,5
Quelle: Greenpeace

Ergebnisse weitere Schadstoffe
Marke Produkt-
bezeichnung
Nonylphenolethoxylate 1)
mg/kg
Phthalate (Summe) 2)
mg/kg
Antimon
mg/kg
In Deutschland gekauft
Zimtstern / Greenpeace Leichte Regenjacke, Frauen 15 3
Jack Wolfskin Cloud Stream Jacket (Kinder/Boys) 9
Vaude Kids Escape Jacket 13 3 30
Vaude Escape Bike Jacket III (Frauen) 10 10
North Face Sutherland Jacket (Frauen) 5 40
Mountain Equipment WMNS Firefox-Jacket 11
Marmot Boy's Torrey Pant #64310 5
Fjällräven Eco-Trail Jacket Women (Trekking) 19 (NP; 8) 16 120
Patagonia Piolet Jacket Lady Black (Modell 2012) 4 35
Adidas Terrex Feather Jacket Women 20 (NP; 8) 16*
In Österreich gekauft
Northland Basic Child Rain Poncho 5700 10
Seven Summits Tamina Kinder Regenjacke 320 270
In der Schweiz gekauft
Mammut Fujiyama Jacket Women 88* 1
Kaikkialla Annuka Jacket Womens XS 9 22* 2
Quelle: Greenpeace
1) Die Bestimmungsgrenze für Nonylphenolethoxylate (NPE) liegt mit der angewendeten Methode bei 5 mg/kg, für Nonylphenol (NP) bei 3 mg/kg.
2) In den mit * gekennzeichneten Proben wurde der Plastisolaufdruck untersucht.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Uralt und aufgewärmt ohne Aussage
Winne2 29.10.2012
Tut mir leid, aber das Problem Chlor/Flour-Chemie in Outdoorkleidung ist seid Mitte der 80er Jahr (also seid einem viertel Jahrhundert...) bekannt. Interessant wäre gewesen, wie sich seitdem die Messwerte verhändert haben. Und/oder die Veränderung in der Produktionsstätte (China...) sich ausgewirkt haben. Aber gut, mit so einem Sach-Artikel wäre natürlich sowohl von SPON als auch von GP keine Aufmerksamkeit zu erregen. So ist es aber leider alles kalter Kaffee - auch wenn es kaum einer merkt.
2. Kleidung inzwischen Sondermüll
bvoll 29.10.2012
Egal ob Bettzeug, Jacken, Hemden, Pullover oder Unterhosen, inzwischen ist alles aus Plastik. Das Zauberwort heißt Mikrofaser. Plastik ist nicht biologisch abbaubar und daher Sondermüll, der nicht in die Umwelt gehört!
3.
inci2 29.10.2012
Zitat von sysopDie Hersteller von Outdoor-Kleidung werben gerne mit unberührter Natur. Die wetterfesten High-Tech-Klamotten enthalten allerdings eine ganze Reihe von Chemikalien, die Umwelt und Gesundheit belasten können, wie eine Greenpeace-Untersuchung zeigt. Greenpeace-Studie: Outdoor-Klamotten mit Chemie belastet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/greenpeace-studie-outdoor-klamotten-mit-chemie-belastet-a-863450.html)
kein einziger dieser hersteller wirbt damit, daß die kleidung aus natürlichen materialen sei. die werbebotschaft bei allen diesen herstellern lautet, mit dieser kleidung kannst du den widrigkeiten der natur trotzen.
4. Bemühter Skandal
matthias_b. 29.10.2012
Man kann versuchen, die Belastung mit Schadstoffen zu minimieren. Fakten sind aber: - GoreTex ist vermutlich das Beste, was es auf dem Markt gibt. - GoreTex BESTEHT, also IST Polytetrafluorethylen. - Eine 100 %ige Schadstofffreiheit wird es nicht geben, insbesondere nicht an poly- oder perfluorierten Molekülen. Es ist wie mit Kunststoff-Mineralwasserflaschen. Dort sind auch die entsprechenden Monomere und Abkömmlinge reichlich zu finden.
5. Mir war schon immer klar,....
Windukeit 29.10.2012
...dass alle diese Textilien belastet sind.Die natürliche Alternative wären einzigund allein Felle, also Pelze. Da hat man also, wie bei so vielen umweltfreundlichen Dingen mal wieder den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Verbraucher & Service
RSS
alles zum Thema Greenpeace
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 114 Kommentare
  • Zur Startseite