Billigprodukte Greenpeace warnt vor Chemie in Discounter-Kinderkleidung

Sie zählen zu den umsatzstärksten deutschen Modehändlern: Aldi, Tchibo und Lidl verkaufen auch Kinderkleidung in großem Stil. Laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace fanden sich jedoch in vielen der Kleidungsstücke gefährliche Schadstoffe.

Fred Dott / Greenpeace

Hamburg - Bei der Untersuchung von Kinderkleidung und Kinderschuhen von Aldi, Lidl, Rewe und Tchibo hat Greenpeace nach eigenen Angaben gefährliche Chemikalien nachgewiesen. In mehr als der Hälfte von 26 Produkten hätten unabhängige Labore umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien oberhalb der Vergleichs- und Vorsorgewerte entdeckt, teilte die Umweltschutzorganisation mit. In der Regel handelte es sich um Werte, die das Bundesinstitut für Risikobewertung oder das Umweltbundesamt für die Bewertung von Chemikalien in Kindertextilien und Kinderschuhen veröffentlicht haben.

Das Tragen dieser Kleidungsstücke schädigt Greenpeace zufolge zwar nicht unmittelbar die Gesundheit, doch die Chemikalien gelangten über Produkte und Fabriken in die Umwelt und in Lebensmittel. Einige der entdeckten Stoffe gelten der Organisation zufolge als krebserregend. Manche seien schädlich für die Fortpflanzung oder die Leber.

Von allen getesteten Produkten waren Schuhe am höchsten belastet. Laut Greenpeace enthielten Kinderschuhe von Aldi-Süd (Booties "Alive") und Aldi-Nord ("walkx kids") über 190 Milligramm Dimethylformamid pro Kilo. DMF gilt als fortpflanzungsgefährdend, akut toxisch und gesundheitsschädlich bei Hautkontakt. Das Umweltbundesamt empfiehlt Höchstwerte von 10 Milligramm pro Kilo, da sich die Substanz aus dem Material lösen kann.

Die meisten Schuhe wiesen laut Greenpeace-Textilexpertin Kirsten Brodde einen stechenden Geruch auf, was häufig auf 2-Phenyl-2-propanol (2PP) oder Acetophenon hinweise. Diese Substanzen könnten Allergien auslösen, und Haut und Augen reizen. Sieben von 14 Kinderschuhen enthielten 2PP oberhalb des Vergleichswerts von 10 mg/kg. Alle drei getesteten Lidl-Kinderschuhe überschritten diesen Wert. "Wir fordern Aldi, Lidl, Rewe und Tchibo auf, giftfrei produzierte Kleidung zu verkaufen", sagte Brodde.

Lidl will an "Reduktion von Chemikalien" arbeiten

Ein Sprecher von Lidl erklärte dazu, die Produkte seien gesundheitlich unbedenklich und es besteht keine Gefahr für den Verbraucher. Die von Greenpeace festgestellte Konzentration der Inhaltsstoffe sei nicht gesundheitsgefährdend. "Unabhängig davon werden wir die Testergebnisse zum Anlass nehmen, um gemeinsam mit unseren Lieferanten an einer weiteren Reduktion von Chemikalien zu arbeiten."

Aldi-Süd betonte, dass für alle von Greenpeace untersuchten Artikel Prüfberichte von akkreditierten Prüfhäusern vorlägen. Diese belegten, dass die Artikel rechtlichen, marktüblichen und darüber hinausgehenden Anforderungen genügen. Auch die kritisierten Booties seien wie alle von Greenpeace untersuchten Artikel von TÜV Rheinland zertifiziert und überwacht. "Bei Dimethylformamid haben wir für alle Materialien mit Hautkontakt einen mit unseren Prüfhäusern abgestimmten marktüblichen Grenzwert von 30 mg/kg festgelegt."

Ein Tchibo-Sprecher verwies auf das Nachhaltigkeitsprogramm des Handelskonzerns. Man arbeite kontinuierlich daran, unerwünschte Chemikalien aus den Produktionsprozessen auszuschließen. "Dabei orientieren wir uns unter anderem an der von Greenpeace vorgelegten Liste unerwünschter Chemikalien aus der DETOX-Kampagne."

Die Kindergummistiefel von Tchibo waren nach Angaben von Greenpeace am stärksten mit dem potenziell krebserregenden Naphthalin aus der Gruppe der Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) belastet (2,2 mg/kg). Ab Ende 2015 dürfen Kinderprodukte mit Hautkontakt, die über 0,5 mg/kg krebserregende Substanzen aus der PAK-Gruppe enthalten, gar nicht mehr verkauft werden.

Rewe und Aldi-Nord waren am Donnerstag zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Die Vorsitzende des Verbraucherschutz-Ausschusses im Bundestag, Renate Künast (Grüne), forderte eine Veränderung der EU-Richtlinie für mit schädlichen Substanzen belastete Kleidung. "Das ist der erste Punkt, um klar zu sagen, welche Stoffe insbesondere bei Kindern gar nicht angewandt werden dürfen", sagte Künast im ARD-"Morgenmagazin". Nötig sei eine Transparenzrichtlinie. Zudem werde die europäische Chemikalienrichtlinie derzeit nur "sehr schleppend umgesetzt". Es sei noch ein Problem, für die benannten gefährlichen Stoffe konkrete Kontrollen durchzuführen.

mik/dpa



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