Griechischer Anleihetausch: Trojanisches Pferd von der Bank

Lass' uns feilschen: Die klamme griechische Regierung hat Anleihebesitzern ein Umtauschangebot gemacht. Auch Tom König bekommt diese Offerte von seiner Bank zugestellt - und fühlt sich prompt über den Tisch gezogen.

Demonstrant vor dem griechischen Parlament: Klamme Kassen, heiße Herzen Zur Großansicht
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Demonstrant vor dem griechischen Parlament: Klamme Kassen, heiße Herzen

Die Griechen sind pleite. Nein, anders: Die Griechen sind temporär liquiditätsmäßig inhibiert. Sie möchten deshalb, dass die Gläubiger der Hellenischen Republik auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

Die meinen mich!

Kürzlich hatte ich darüber geschrieben, wie schwierig es Kleinanlegern mit Griechen-Bonds im Depot fällt, an Informationen über den geplanten Schuldenerlass zu gelangen. Meine Hausbank, das Finanzministerium und andere Institutionen vertrösteten mich: Sobald die Konditionen des Haircuts (so nennen Banker die anstehende Depotrasur) ausgehandelt seien, werde man mich informieren.

Ende Februar hat Griechenland eine Offerte vorgelegt. Aber brauchbare Informationen sind noch immer Mangelware.

Mischung aus Kryptik und Lakonik

Zwar hat mir meine Bank, die Comdirect, inzwischen einen Brief geschickt. Doch das Schreiben zeichnet sich durch eine Mischung aus Kryptik und Lakonik aus, die sogar einen antiken Athener Logiker ins Schwitzen gebracht hätte.

Nirgendwo ist von Schuldenerlass, drohender Pleite, Wertverlust oder ähnlichen Unerfreulichkeiten die Rede. Stattdessen beginnt das Schreiben lapidar mit dem Satz: "Die Emittentin unterbreitet den Anleiheinhabern ein Umtauschangebot."

Im Weiteren werden insgesamt vier neue Wertpapiere aufgelistet, die ich im Tausch für jede 1000-Euro-Anleihe erhalten soll. Sie haben geheimnisvolle Namen wie "GDP-Linked-Notes" oder "PSI Payment Notes". Die Nominalwerte der Papiere addieren sich zu 780 Euro plus "Accrued Interest Notes", also "Schuldverschreibungen im Gegenwert der aufgelaufenen Zinsen".

Klingt verwirrend. Klingt aber gleichzeitig nach einem interessanten Deal. Denn in der Zeitung stand etwas von einem 50-prozentigen Haircut. In dem Brief liest es sich jedoch so, als blieben mir 78 Prozent des Nominalwertes, plus irgendwelche Zinsen. Das ist gut, richtig?

Drei Viertel des Geldes futschikato?

Falsch, das ist schlecht. Diese neuen Anleihen sind ein echtes Danaergeschenk, sie stehen in der großen griechischen Tradition des trojanischen Pferdes. Die neuen Anleihen haben variable Zinssätze und sehr lange Laufzeiten. Ein paar fixe Analysten haben errechnet, dass der Realverlust bei rund 75 Prozent liegen wird. Es ist also keineswegs so, dass man drei Viertel seines Geldes behält; drei Viertel sind futschikato.

Davon steht in dem Brief nichts. Es liegen auch keinerlei Informationen zu den Einzelheiten bei. Die Comdirect weist lediglich darauf hin, das griechische Umtauschangebot sei "sehr komplex". Und wenn ich das alles genauer wissen wolle, könne ich ja die Angebotsunterlagen studieren. Man schicke mir diese auf Anfrage gerne.

Das Dumme daran: Die Frist für das Angebot endet bereits am 6. März. Also versuche ich es auf der offiziellen Seite Greekbonds.gr

Dort ist der 166-seitige Prospekt hinterlegt. Bevor ich ihn downloaden darf, muss ich ein sechstufiges Menü überwinden, mit Fragen wie dieser: "I am accessing this website as a custodian or clearing system participant in order to submit a PSI Participation Instruction or a PSI Revocation Instruction or to review the status of previously submitted Instructions."

Ähh... wie war das noch mal im vorderen Teil des Satzes?

Beim dritten oder vierten Anlauf schaffe ich es, alle sechs Fragen korrekt zu beantworten. Zur Belohnung darf ich den Prospekt aufrufen, der in Lesbarkeit und Übersichtlichkeit einem deutschen Steuerrechtskommentar ähnelt. Ich habe früher als Finanzredakteur gearbeitet, und so gelingt es mir nach ein, zwei Stunden herauszufinden, was ich eigentlich schon ahnte: Dass dies ein ziemlicher schlechter Deal ist.

Es empfiehlt sich die Merkel-Methode

Nun sind Wertpapieranlagen risikoreich, Jammern also zwecklos. Caveat emptor sagt der Lateiner - der Käufer gebe Obacht. Ärgerlich finde ich jedoch die enorm kurze Frist von einer Woche. Um jetzt (ausnahmsweise) ein bisschen polemisch zu werden: Liebe Griechische Republik. Erst habt ihr, als es um euer Geld ging, monatelang die Hacken in den Teer gestellt. Nun, da es um meines geht, drängelt ihr wie einst Xerxes vor Salamis. Habt ihr noch alle Oliven am Baum? Wie soll man einen derart komplexen Sachverhalt binnen Wochenfrist prüfen?

Gegen diese Überrumpelungstaktik empfiehlt sich gemeinhin das Merkelsche Verteidigungsmanöver: Man entscheidet einfach gar nichts. Das könnte funktionieren, denn in dem Anleiheprospekt findet sich folgender Passus: "Sollten weniger als 75 Prozent dem Umtausch zustimmen … wird die Republik die Transaktion nicht durchführen".

Angesichts des intransparenten Umtauschprocederes und der kurzen Frist kann man sich gut vorstellen, dass dieser Fall eintritt. Ich bin bereit, die verbleibenden 25 Prozent meines Anleihewerts darauf zu verwetten, dass nach dem Scheitern des Umtauschs erst einmal nichts passiert. Vielleicht sogar bis 2013. Dann wird meine Anleihe fällig. Bis dahin übe ich mich in griechischer Geduld und germanischer Sturheit.

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insgesamt 86 Beiträge
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    Seite 1    
1. Falsch!
bmehrens 06.03.2012
Zitat von sysopLass' uns feilschen: Die klamme griechische Regierung hat Anleihebesitzern ein Umtauschangebot gemacht. Auch Tom König bekommt diese Offerte von seiner Bank zugestellt - und fühlt sich prompt über den Tisch gezogen. Griechischer Anleihetausch: Trojanisches Pferd von der Bank - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,819252,00.html)
Der griechische Staat ist pleite - nicht "die Griechen", denen geht es überwiegend besser als vielen Deutschen.
2. Selber schuld
cs01 06.03.2012
Ich spiele mit meinem Geld einfach Lotto. Da sind die Gewinchancen besser.
3. verwetten
Emil Peisker 06.03.2012
Zitat von sysopLass' uns feilschen: Die klamme griechische Regierung hat Anleihebesitzern ein Umtauschangebot gemacht. Auch Tom König bekommt diese Offerte von seiner Bank zugestellt - und fühlt sich prompt über den Tisch gezogen. Griechischer Anleihetausch: Trojanisches Pferd von der Bank - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,819252,00.html)
Man kann sich natürlich auch dumm stellen. Die Causa Haircut und Umtausch gegen langlaufende neue Papiere ist nun schon seit mehr als 2 Monaten einsehbar. Sie einen Tag vorher hinzustellen, und laut zu jammern, nehme ich König nicht ab. Das ist die übliche Methode einen Artikel zu dramatisieren. Und ich nehme mal an, er hat sich erst vor kurzem zum Kauf eines kleinen Anteils an den griechischen "Papieren" entschlossen, alles im Hinblick auf dieses Szenario. Und übrigens, wenn sich die privaten Anleger entschließen, dem Cut und dem Tausch zuzustimmen, kriegen sie in jedem Fall 30% der Nominalsumme zurück. Sich so zu stellen wie König, und noch die restlichen 25% zu "verwetten" teigt eigentlich, dass es König nicht um Investment geht, sondern um "Story"
4. _
moev 06.03.2012
Zitat von Emil PeiskerSich so zu stellen wie König, und noch die restlichen 25% zu "verwetten" teigt eigentlich, dass es König nicht um Investment geht, sondern um "Story"
Das hat nichts mit verwetten zu tun, Griechenland wollte/brauchte damals Geld und König war einer von vielen die es gegeben haben. Das sich jetzt Griechenland einfach hinstellt uns sagt "Ätsch, lassen wir einfach 75% verfallen damit ich der Insolvenz entgehe" ist dreist. Hoffentlich lassen die Gläubiger das nicht mit sich machen
5.
shokaku 06.03.2012
Zitat von moevDas hat nichts mit verwetten zu tun, Griechenland wollte/brauchte damals Geld und König war einer von vielen die es gegeben haben.
Jeden Tag steht ein Dummer auf. Die Griechen waren wohl in der Lage diese Leute aufzuspüren. Aber, aber. Dreist ist doch eher, dass so Leute wie König, also die internationale Hochfinanz, die armen Griechen jetzt nötig die Zahlung von Altersruhegeldern an tote Rentner einzustellen. Dann wird es ihnen so gehen wie den Gläubigern Argentiniens.
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.