Großversuch in den USA: Online-Daten verraten Versicherern Risikokunden 

Twitter und Facebook bestimmen den Jahresbeitrag: US-Versicherer testen, was Daten aus Online-Profilen über den Lebensstil ihrer Kunden verraten - und ob sie sich so herkömmliche medizinische Risiko-Prüfungen sparen können.

Facebook: Öffentliche Daten können Versicherer für Risiko-Prognosen nutzen Zur Großansicht
dpa

Facebook: Öffentliche Daten können Versicherer für Risiko-Prognosen nutzen

Hamburg - Wer im Internet mit seiner Vorliebe für Extremsportarten prahlt, muss künftig mit Ärger bei der Lebensversicherung rechnen: Denn das eigene Facebook-Profil könnte ausschlaggebend für den Preis einer Police sein. Von entsprechenden Tests in den USA berichtet das "Wall Street Journal". Bisher verlassen sich Versicherungskonzerne auf medizinische Untersuchungen und Krankenakten, um bei potentiellen Kunden das Risiko einer späteren Erkrankung einzuschätzen.

Eine neue Methode könnte die aufwendigen und möglicherweise abschreckenden Blut- und Urintests überflüssig machen. Die Unternehmensberatung Deloitte hat für den Versicherungskonzern Aviva 60.000 bereits auf herkömmliche Art bewertete Anträge erneut geprüft. Dazu wurden Informationen über die Antragsteller aus der Marktforschung und aus dem Internet herangezogen.

Das Ergebnis: Mittels der Datensammlung aus öffentlichen Quellen, darunter sozialen Netzwerken, lässt sich in den meisten Fällen ebenso gut vorhersagen, ob jemand nun ein erhöhtes Diabetes-Risiko aufweist wie mit herkömmlichen medizinischen Tests. Die Deloitte-Forscher leiten beispielsweise aus Essgewohnheiten und Sportaffinität das Risiko von hohem Blutdruck oder Depressionen nach. Letztlich könnte das Online-Profil auch Aufschluss über die Lebenserwartung geben.

Die Daten dazu liefern die potentiellen Kunden freiwillig ab: Sie stellen Informationen über ihren Lebensstil öffentlich ins Internet, in soziale Netzwerke wie Facebook. Weitere Daten fallen bei der Abrechnung von Kreditkarten an, bei der Nutzung bestimmter Online-Dienste oder bei öffentlichen Registern, die Jagdscheine und Bootsführerlizenzen vergeben. Auch Grundbucheinträge und statistische Untersuchungen fließen in die Marktforschungsdaten mit ein.

Kunden müssen der Weitergabe ihrer Daten zustimmen

Spezielle Firmen sammeln und werten täglich Milliarden solcher Datensätze aus, berichtet das "Wall Street Journal". Sie verknüpfen Informationen aus verschiedenen Quellen zu möglichst aussagekräftigen Datensätzen, die sie dann an Firmen weiterverkaufen. Das geschieht meist völlig legal - die Kunden, ob bei Banken, Geschäften oder bei Online-Diensten, müssen der Weitergabe ihrer Daten mehr oder weniger freiwillig zustimmen.

Rechtlich relevant werden die Datensammlungen in den USA allerdings, wenn auf ihrer Basis Entscheidungen über die Vergaben von Krediten oder Lebensversicherungen gefällt werden. Dann müssten diese Daten den Kunden zur Verfügung gestellt werden, damit sie im Zweifelsfall angefochten werden können. Deloitte und Aviva betonten gegenüber dem "Wall Street Journal", dass Daten aus der Marktforschung nur zusätzliche Informationsquellen seien und nicht als alleinige Grundlage einer Entscheidung dienten.

Dennoch bestätigten mehrere andere große Versicherer der Zeitung, dass auch sie den Einsatz von Daten aus der Marktforschung - und damit auch solcher, die sich über das öffentliche Online-Verhalten potentieller Kunden ermitteln ließen - prüfen würden.

ore

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