Fleisch, Obst, Gemüse Wie sich eine Millionenstadt nur aus dem Umland ernähren kann

Regionale Ernährung ist Trend: Kurze Wege schonen die Umwelt, kleine Betriebe stärken das Vertrauen. Aber ist es überhaupt realistisch, Lebensmittel ausschließlich aus dem Umland zu beziehen?

Bio-Stand auf einem Wochenmarkt
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Bio-Stand auf einem Wochenmarkt

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Wenn es um unsere Lebensmittelversorgung geht, sind wir durchglobalisiert: Brasilianisches Soja wird an Schweine in Deutschland verfüttert. Lkw kutschieren Tomaten von Sizilien nach Dänemark, ägyptische Kartoffeln landen in deutschen Supermärkten. Mit dem Idealbild kleinbäuerlicher Landwirtschaft hat das nichts mehr zu tun - dabei wächst die Sehnsucht der Verbraucher nach regionaler Versorgung. Aber geht das überhaupt?

Eine Studie der Hamburger HafenCity Universität (HCU) hat das am Beispiel der Hansestadt jetzt untersucht. Das Ergebnis: Bauern aus einem Umkreis von 100 Kilometern können die Bewohner Hamburgs und seines Umlands vollständig versorgen - allerdings nur unter einer ganzen Reihe optimistischer Annahmen.

Wer viel Fleisch isst, braucht für die Produktion seiner Lebensmittel deutlich mehr Fläche als für eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise. Auch der ökologische Anbau benötigt mehr Platz als die konventionelle Landwirtschaft.

Die Studie, die im Rahmen einer HCU-Masterarbeit im internationalen Studiengang Resource Efficiency in Architecture and Planning entstanden ist, untersuchte deshalb die Auswirkung von sechs unterschiedlichen Ernährungsstilen auf den Landverbrauch: Vom aktuell vorherrschenden durchschnittlichen konventionellen Stil mit einem Pro-Kopf-Fleischverzehr von 87 Kilogramm im Jahr bis zur vegetarischen Ernährung mit Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau.

Dazwischen liegen beispielhaft eine Ernährung vom Kattendorfer Hof im Großraum Hamburg, der nach Demeter-Standard wirtschaftet, aber auch Fleisch produziert, ein Ernährungsstil mit viel Fleisch aber ökologischer Erzeugung (bei weitem am flächenintensivsten), die Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) einmal mit Fleisch und einmal vegetarisch und ein biologischer Ernährungsstil mit reduziertem Fleischkonsum. (s. Tabelle)

Welcher Ernährungsstil braucht wie viel Fläche?

Stil 1 Stil 2 Stil 3 Stil 4 Stil 5 Stil 6
Charakteristika Status quo, konv. Kattendorfer Hof, bio Status quo, bio DGE, bio -30% Fleisch, bio DGE, veget., bio
Fleisch/Kopf 87 kg 36 kg 87 kg 24 kg 61 kg 0 kg
Fläche/Kopf 2.388 m² 2.346 m² 3.102 m² 2.054 m² 2.802 m² 1.939 m²
Region 1
(Hamburg)
3% 3% 3% 4% 3% 4%
Region 2
(50 km)
48% 49% 37% 56% 41% 60%
Region 3
(100 km)
97% 99% 75% 100% 92% 100%

Wer ausschließlich Lebensmittel aus ökologischem Anbau verzehrt und beim Fleischkonsum nicht zurücksteckt, benötigt demnach 3102 Quadratmeter landwirtschaftliche Fläche. In dem Fall würde die gesamte Region im 100-Kilometer-Radius um Hamburg nur reichen, um drei Viertel der Bewohner zu ernähren. Wird aber nur ein Faktor verändert - entweder der Fleischkonsum reduziert oder auf ökologischen Anbau verzichtet - reicht die Fläche aus.

Der Studienautorin Sarah Joseph ging es darum, zu zeigen, dass auch eine Millionenstadt sich und ihr Einzugsgebiet umweltschonend versorgen kann. Regionale, ökologische Ernährung könne viel bewirken, sagt Joseph: "Eine nachhaltigere Landwirtschaft, gesündere Lebensmittel und viel geringere negative Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Natur."

Die Masterstudentin weist zudem darauf hin, dass für eine regionale Versorgung der Fleischkonsum sinken müsse: "Fleischerzeugung ist der größte Flächenfresser. Meine Ergebnisse zeigen, dass sich schon mit zwei fleischfreien Tagen pro Woche 92 Prozent der Bevölkerung aus einem Radius von 100 Kilometern rund um Hamburg ernähren lassen. Bei drei bis vier fleischfreien Tagen sind es sogar hundert Prozent."

Bevor die regionale und ökologische Versorgung Wirklichkeit werden könnte, müsste sich allerdings einiges ändern: So geht die Studie davon aus, dass 75 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen rund um Hamburg für den ökologischen Anbau von Lebensmitteln genutzt werden - eine derzeit utopische Zahl.

Und noch etwas klammert die Studie aus: Wenn sich alle Menschen im Großraum Hamburg regional ökologisch ernähren wollten, müssten sie sich auch vollständig nach dem Angebot richten. Tomaten im Winter gäbe es dann nicht - und das ganze Jahr über müssten die Menschen beispielsweise auf Orangen, Zitronen oder Bananen verzichten.

Tatsächlich geht es den Verfechtern einer regionalen ökologischen Versorgung vorerst wohl eher darum, in der näheren Umgebung kleine Betriebe zusammenzubringen - vom Bauernhof über Verarbeiter und Händler von Lebensmitteln bis zu Restaurants und Cafés. So wurde die Studie an der HCU von der Regionalwert AG Hamburg unterstützt; einer Organisation, die durch die Ausgabe von Bürger-Aktien Kapital sammelt, das sie in lokale Betriebe investiert.

Mit diesem Ansatz soll das Ziel der vollständigen Nahversorgung mit ökologischen Lebensmitteln möglichst schnell Wirklichkeit werden.

insgesamt 147 Beiträge
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Seite 1
ramuz 11.12.2016
1. warum.....
.....aber sollte das "Umland", in dem ja auch Menschen mit Bedarf und Bedürfnissen leben, diese offenbar zum Selbsterhalt unfähige Grossstadt ernähren wollen? Um im Beispiel zu bleiben: Das gesamte Umland könnte jeden Tag Gänseleber essen, gäbe es die unfähige Grossstadt nicht. Schon mal überlegt, liebe Grossstädter?
zeichenkette 11.12.2016
2.
Erstens leben im Umland ganz erheblich weniger Leute als in den Städten. Ganz extrem viel weniger, denn in der Landwirtschaft arbeitet nur noch eine kleine einstellige Prozentzahl der Bevölkerung. Zweitens: Wenn die Städte aus dem Umland nix zu essen bekommen, wird es die Städte nicht mehr geben und es wird auf dem Land nur noch das geben, was auf dem Land hergestellt wird. Und das ist außer Gemüse, Tieren und Obst so gut wie gar nichts. Und dann können auch die, die auf dem Land leben, nicht mehr das herstellen, was sie an Essen brauchen, denn sie haben keine Autos und keine Maschinen und kein Telefonnetz und keine Universitäten und keine Ingenieure und keine Ärzte und keinen Strom und kein Benzin mehr und dann würde auch dort die Bevölkerungsdichte ganz brutal kollabieren. Kurz: Das Land ist genauso unfähig zum Selbsterhalt wie die Städte. Schon mal überlegt, liebe Landeier? Mir als Großstädter ist klar, dass das eine gegenseitige Abhängigkeit ist, Ihnen auch? Sitzt die Webseite, auf der sie das schreiben eigentlich bei ihnen auf dem Land? Und wer baut den Computer, auf dem sie tippen? Der Nachbar?
Flari 11.12.2016
3.
Zitat von ramuz.....aber sollte das "Umland", in dem ja auch Menschen mit Bedarf und Bedürfnissen leben, diese offenbar zum Selbsterhalt unfähige Grossstadt ernähren wollen? Um im Beispiel zu bleiben: Das gesamte Umland könnte jeden Tag Gänseleber essen, gäbe es die unfähige Grossstadt nicht. Schon mal überlegt, liebe Grossstädter?
Bisher haben sich die Bauern immer gefreut, in den Städten einen Absatzmarkt für ihre Produkte zu finden und sich von dem Erlös auch andere Dinge als Gänseleber leisten zu können.
Braveheart Jr. 11.12.2016
4. Zwei oder auch drei fleischfreie Tage ...
... das ist machbar, Herr Nachbar! Und auf argentinische Ananas, chilenische Erdbeeren und ähnliche Globalisierungs-MustHaves will ich auch gerne verzichten. Wichtiger ist, daß die maximale Fläche pro Bauer limitiert und der Maschineneinsatz begrenzt wird; Das schafft nämlich Arbeitsplätze ... gerade auch für Minimalstqualifizierte. Statt HartzIV ist dann Birnenpflücken angesagt!
INGXXL 11.12.2016
5. Also eine
vollständige Nahversorgung ist nicht sinnvoll. So was kann man in einer Master oder Doktorarbeit mal dar stellen als Denkanstoß. Ich Spargelzeit kaufe ich diesen Bein örtlichen Erzeuger. Die Äpfel auch. Aber ich will auch Südfrüchte und Seefische essen. Man kann den Anteil Erlen aber 100% ist Unsinn
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