Nie wieder nachzahlen Heizen zum Fixpreis - wie geht das?

Manche Vermieter bieten neuerdings Wärme-Flatrates an. Sie versprechen ihren Mietern Komfort und finanzielle Sicherheit. Wie funktioniert das?

Qualmende Schornsteine in Straubing
DPA

Qualmende Schornsteine in Straubing

Von Ralph Diermann


Wenn es draußen kalt wird, stellt sich oft schon für Normalverdienerhaushalte die Frage: Die Heizung bis zum Anschlag aufdrehen - und dafür eine saftige Nebenkostennachzahlung in Kauf nehmen? Oder lieber sparsam mit der teuren Energie umgehen und einen zusätzlichen Pullover anziehen?

Die rund 800 Mieter, die in Neubauten der Wohngenossenschaft Gewoba Nord in Husum, Schleswig oder Harrislee bei Flensburg leben, müssen diese Entscheidung nicht treffen: Die Heizenergie bezahlen sie pauschal mit ihrer Miete, unabhängig vom Verbrauch.

Flatrates sind in vielen Lebensbereichen inzwischen populär. Streamingplattformen bieten unbegrenzten Musikgenuss, Telefongesellschaften mobiles Telefonieren ohne Limit, Urlaub kann man im All-inclusive-Klub machen. Nun hat also auch die Immobilienbranche dieses Prinzip für sich entdeckt.

Statt die Heizkosten ihrer Mieter individuell abzurechnen, bieten einige Wohnungsbaugesellschaften Wärme-Flatrates an. Die Haushalte können im Winter heizen und warm duschen, solange sie wollen, ohne sich um die Kosten sorgen zu müssen.

Laut Heizkostenverordnung ist es unter zwei Bedingungen erlaubt, von der Einzelabrechnung abzusehen: Wenn die Immobilie dem Passivhaus-Standard entspricht, also sehr wenig Energie benötigt - oder wenn die Energie überwiegend aus erneuerbaren Quellen stammt.

Gewoba-Nord-Vorstand Dietmar Jonscher nennt die Flatrate einen echten Komfortgewinn für die Bewohner. "Zugleich gewinnen sie an finanzieller Sicherheit: Die Pauschale ist für mindestens drei Jahre fix. Die Mieter müssen also auch dann keine Nachzahlung oder Heizkostenerhöhungen fürchten, wenn der Gaspreis steigt".

Damit die Gewoba Nord dabei nicht draufzahlt, versorgt sie ihre Mieter so weit wie möglich mit Heizenergie aus erneuerbaren Quellen: aus Sonne und Erdwärme. Solarthermie-Kollektoren und Wärmepumpen decken einen großen Teil des Wärmebedarfs der Bewohner. Das Kalkül: Ist die Technik einmal installiert, fallen nur noch überschaubare Kosten für die Instandhaltung an. Dazu kommt die hohe Energieeffizienz der Immobilien. Die Außenwände sind so dicht, dass nur wenig Wärme verloren geht. Der Energiebedarf ist also insgesamt gering.

Wären die Haushalte da nicht mit einer individuellen Abrechnung im Vorteil? "Wer viel zu Hause ist und es gern sehr warm hat, profitiert natürlich stärker als Mieter, die kaum heizen", räumt Jonscher ein.

Für den Deutschen Mieterbund halten sich Vor- und Nachteile des Modells die Waage. "Wärme-Flatrates sind nicht zwingend positiv oder negativ für die Mieter. Es kommt immer auf die konkrete Ausgestaltung der Pauschale an", sagt Mieterbund-Sprecher Ulrich Ropertz.

Einen Pluspunkt sieht Ropertz darin, dass mit einer Flatrate die von den Mietern zu tragenden Kosten für das Ablesen und die Abrechnung des Verbrauchs entfallen. "Allerdings ist die Ersparnis recht überschaubar", so Ropertz.

Noch einen Schritt weiter als die Gewoba Nord geht die Cottbuser Genossenschaft eG Wohnen: Sie errichtet derzeit zwei Mehrparteienhäuser mit zusammen 14 Wohnungen, in deren Miete neben der Wärme auch der Strom enthalten sein wird. Die Dächer sowie ein Teil der Fassaden werden großflächig mit Fotovoltaikmodulen und Solarthermie-Kollektoren bedeckt. Unterstützt durch Batterie- und Wärmespeicher, sollen sie auf das Jahr gerechnet drei Viertel des Strom- und fast zwei Drittel des Wärmebedarfs der Mieter decken. Die restliche Energie kauft die eG Wohnen zu. Die Miete wird bei 10,50 Euro pro Quadratmeter liegen - in guten Lagen betragen die Kaltmieten in Cottbus etwa neun Euro.

Nun lädt eine Flatrate für Wärme und Strom nicht gerade zum Energiesparen ein. Energieberater und -planer Timo Leukefeld, der das Energiekonzept für die eG Wohnen entworfen hat, sieht trotzdem kein Problem. "Lieber Energie intelligent verschwenden als dumm einsparen", sagt der Experte. "Die Bewohner werden sich nicht einschränken müssen."

Leukefeld hat die Gebäude so geplant, dass es nicht leicht sein wird, übermäßig viel Energie zu verbrauchen: Die Fassaden sind gut gedämmt, die Beleuchtung erfolgt mit LEDs, die Geschirrspüler werden an das Warmwassernetz angeschlossen, sodass das Spülwasser nicht erst mit viel Strom erhitzt werden muss.

Winterliches Leipzig
DPA

Winterliches Leipzig

Zudem sichert sich die eG Wohnen mit einer Deckelung der Flatrate ab. Übersteigt der Strom- und Wärmeverbrauch einen abhängig von der Bewohner- und der Quadratmeterzahl festgelegten Wert, müssen die Haushalte die zusätzliche Energiemenge bezahlen.

Leukefeld betont jedoch: "Die Flatrate ist äußerst großzügig bemessen." Die Bewohner könnten die ganze Wohnung auf 23 Grad heizen, zwei Mal täglich die Waschmaschine laufen lassen - das sei alles kein Problem. "Nur wer etwa mit drei alten Gefriertruhen einzieht oder eine Schlangenzucht mit Wärmelampen betreibt, bekommt für den Mehrverbrauch eine Rechnung. Da sagen wir: Diesen Luxus musst Du selbst tragen."

Der Energieberater stößt mit seiner Energie-Flatrate eigenen Angaben zufolge in der Wohnungswirtschaft auf großes Interesse. So plant er gerade für Unternehmen in Rostock, Leipzig und Koblenz Immobilien mit Pauschalmiete nach Cottbusser Vorbild.

Und auch die Gewoba Nord will ihr Modell ausweiten. "Wir bieten unser Pauschalmodell in allen Neubauten an, in denen der Einsatz regenerativer Energien sinnvoll ist", sagt Jonscher.

Anmerkung der Red.: Dieser Artikel nachträglich aktualisiert.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.