Gebrochenes Versprechen: Hipp verkauft Zuckertees für Kinder über Tochterfirma

Von Nicolai Kwasniewski

Alt und neu: Die Kinder-Früchtetees von Hipp (links) und Bebivita Zur Großansicht
foodwatch

Alt und neu: Die Kinder-Früchtetees von Hipp (links) und Bebivita

Bis zu 96 Prozent Zucker im Instantpulver für Kindertees - das stieß auf heftige Verbraucherkritik. Der Hersteller Hipp nahm die Pulvergetränke daraufhin vom Markt. Doch die Tochterfirma Bebivita verkauft eine ganz ähnliche Zuckerbombe.

Hamburg - Viele Eltern kaufen Baby- und Kindernahrung von Hipp, weil sie auf die Qualität der Marke und die meist ökologischen Zutaten setzen. Sie vertrauen dem Slogan: "Das Beste aus der Natur für die Natur". Ein gutes Image ist ein echter Wettbewerbsvorteil, deshalb reagierte die Firma auch schnell, als die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch die Hipp-Kindertees für ihren hohen Zuckergehalt kritisierte, und nahm die Produkte vom Markt. Für die Tochterfirma Bebivita allerdings produziert Hipp das Zuckergranulat weiter, wie Foodwatch herausgefunden hat.

Zur Vorgeschichte: Die Verbraucherschützer hatten die Hipp-Instant-Tees "Früchte", "Waldfrüchte" und "Apfel-Melisse" im Frühjahr 2012 für ihren Negativpreis "Goldener Windbeutel" nominiert. Foodwatch kritisierte, dass Hipp die Tees als "Durstlöscher" für "Babys, Klein- und Schulkinder" vermarktete, obwohl Ernährungswissenschaftler für Kleinkinder nur ungesüßte Getränke empfehlen: Das Granulat, aus dem die Tees angemischt werden, besteht aus bis zu 96 Prozent Zucker, im fertigen Getränk sind es nach Foodwatch-Berechnung zweieinhalb Stück Würfelzucker pro Tasse.

Mehr als 44.000 Verbraucher kürten die Hipp-Tees zum Gewinner des Goldenen Windbeutels, Hipp knickte daraufhin ein. Seit Ende 2012 gibt es das Produkt nicht mehr zu kaufen - offiziell jedenfalls. Foodwatch machte aber die verblüffende Entdeckung, dass Hipp das Zuckerpulver doch noch vertreibt - nur unter anderem Namen.

Was nur wenige Verbraucher wissen: Hipp besitzt eine Tochterfirma namens Bebivita. Eine Firma, die ebenfalls Baby- und Kindernahrung anbietet, allerdings aus konventioneller Landwirtschaft und deutlich günstiger als die Bio-Produkte des Mutterunternehmens - hergestellt und vertrieben werden sie allerdings ausschließlich von Hipp.

Und so scheint das Unternehmen bei seinen Zuckergranulattees für Bebivita nur andere Etiketten und eine leicht veränderte Rezeptur zu haben: Unter der Marke Bebivita vertreibt Hipp für Kinder ab zwölf Monaten Früchtetees aus Granulat, das laut Foodwatch zu 94 Prozent aus Zucker besteht. Größter Unterschied zu den Hipp-Tees: Die Bebivita-Granulate enthalten das Säuerungsmittel Zitronensäure (E 330), das bei der Marke Hipp unter Verweis auf gesundheitliche Gründe nicht eingesetzt wird.

Foodwatch zeigt sich empört: "Es gibt Produkte, für die Claus Hipp nicht mit seinem Namen stehen will - die verkauft er dann eben einfach unter dem Namen Bebivita", sagt Oliver Huizinga, Experte für Lebensmittelwerbung bei der Organisation. "Man möchte es Herrn Hipp so gern abnehmen, dass es nicht nur um Profit, sondern wirklich auch um die Gesundheit der Kinder geht - die Produktpolitik bei der Tochterfirma Bebivita legt eher den gegenteiligen Eindruck nahe."

Hipp selbst verteidigt sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: Natürlich habe das Produktmanagement von Bebivita "nach der zunehmenden Diskussion um den Zucker und aktuellen ernährungswissenschaftlichen Empfehlungen reagiert" und das Tee-Sortiment entsprechend angepasst. Bebivita reduziere jedes Jahr den Zuckerzusatz, um die Empfehlungen der Ernährungswissenschaft umzusetzen. Man habe "die empfohlene Dosierung" der Bebivita-Tees halbiert - das bedeutet: Auf der Packung wird jetzt empfohlen, weniger Pulver ins Wasser zu mischen. Dann enthielten 100 ml Tee nur noch 1,9 Prozent Zucker, was auch deutlich auf dem Etikett zu lesen sei, "damit sich jede Mutter frei entscheiden kann, ob sie den Tee kaufen möchte oder nicht".

Soweit es möglich ist, verzichtet Bebivita laut eigener Auskunft auf den Zusatz von Zitronensäure, im Früchtetee seien nur geringe Spuren enthalten. Für die Zukunft werde nach Wegen gesucht, auf den Zusatzstoff komplett verzichten zu können. Bei der Mutterfirma Hipp scheint man da schon weiter zu sein.

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insgesamt 116 Beiträge
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1. rätselhaft
noalk 01.08.2013
Kann mir jemand erklären, wieso diese Tees überhaupt einen Markt haben und nachgefragt werden? Andererseits: Warum die Aufregung? Auf der Packung steht doch geschrieben, was drin ist.
2. Es geht um die Kohle ...
ratem 01.08.2013
Ich kann Hrn.Hipp persönlich kleinen Vorwurf machen: Es geht im, wie jedem Unternehmer, um die Kohle ... der Gewinn am Jahresende muss stimmen. So funktioniert die Wirtschaft nunmal. Allerdings, ich würde von Hrn. Hipp nichts kaufen ... rein gar nichts. Das ist aber eine pers. Entscheidung. Meine Tochter trinkt seit ihrer Babyzeit am liebsten Wasser ... pur, kalt, aus dem Wasserhahn. Wir haben sie, als sie klein war nie mit irgentwelchen gesüssten Getränken tracktiert (oder verwöhnt), und heute (mit fast 10 Jahren) nimmt sie gerne mal ein Glas Spezi, aber dann auch immer wieder einfach nur Wasser. Der Zahnarzt findet das jedenfalls gut. Weder hatten die Milchzähne je irgentetwas, noch haben diejenigen "zweiten" die bereits da sind, irgentetwas. Was ich sagen will ... es hat wenig Sinn, immer auf die raffgierigen Unternehmen einzudreschen ... sorgen wir doch für intelligentere Eltern, die Dreck und Junkfood in Dosen und Gläschen einfach konsequent in den Regalen stehenlassen ... dann regelt die Nachfrage das Angebot von alleine!
3.
pepe_sargnagel 01.08.2013
Zitat von sysopBis zu 96 Prozent Zucker im Instantpulver für Kindertees - das stieß auf heftige Verbraucherkritik. Der Hersteller Hipp nahm die Pulvergetränke daraufhin vom Markt. Doch die Tochterfirma Bebivita verkauft eine ganz ähnliche Zuckerbombe. Hipp verkauft Zuckertees für Kinder unter der Marke Bebivita - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/hipp-verkauft-zuckertees-fuer-kinder-unter-der-marke-bebivita-a-914149.html)
Was viele nicht wissen: Fast alle dieser Großkonzerne betreiben "Tochterfirmen", die man als Kunde nicht eindeutig zuweisen kann. Das ist eine geschickte Form der Marktabschöpfung. Das Problem ist nur, dass kaum einer die Firmengefelchte noch durchschaut. Das ist es was mich stört. Wenn ich nun aus irgendeinem Grund die Firma X meiden möchte und deswegen das Produkt der Firma Y kaufe weiß ich als Kunde so gut wie nie, ob ich nicht doch bei Firma X einkaufe, weil die Firmen eng verbandelt sind. Aber auch für die Steuervermeidung sind solche Konstruktionen wichtig. Insgesamt würde ich schon längst überall das Logo der Oberfirma (ist ja häufig eine Holdig, aber egal) auf alle Produkte aus dem Hause draufdrucken lassen. Das würde mir persönlich sehr gefallen. Aber wahrscheinlich wäre das dem Verbraucher nicht zuzumuten, so dass man hier keinen Handlungsbedarf sieht oder eine freiwillige Abmachung mit den Herstellern als ausreichend betrachtet.
4. Stehen lassen
dango 01.08.2013
Zitat von sysopBis zu 96 Prozent Zucker im Instantpulver für Kindertees - das stieß auf heftige Verbraucherkritik. Der Hersteller Hipp nahm die Pulvergetränke daraufhin vom Markt. Doch die Tochterfirma Bebivita verkauft eine ganz ähnliche Zuckerbombe. Hipp verkauft Zuckertees für Kinder unter der Marke Bebivita - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/hipp-verkauft-zuckertees-fuer-kinder-unter-der-marke-bebivita-a-914149.html)
Da sich der Geschmackssinn des Kindes ja in erster Linie durch Gewohnheit entwickelt und es insofern überhaupt keinen Grund gibt, einen speziellen Kindertee zu reichen, ist doch die beste Empfehlung: Von Anfang an Finger weg von dem Zeug und normalen, ungesüßten Tee anbieten ! Da dürfte selbst die beste Bioqualität günstiger sein, als die Billigmarke von Hipp. Derartige Produkte befriedigen doch eher auf Marketingebene das gute Gefühl der Eltern als die Bedürfnisse des Kindes.
5. Verstehe ich nicht
opeongo 01.08.2013
Wenn mir eine Packung mit was auch immer in die Hände fällt und ich ich lese "mild gesüßt", dann gucke ich doch schon aus reiner Neugier auf die Inhaltsangabe und gucke, was hinter dieser Marketing-Heißluft steckt. "Milde Süße" - was zum Teufel will das denn sein??? - Ich komme übrigens selber aus der Branche und versuche immer, meinen Kunden das Schiefdeutsch auszureden ...
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