Hohe Heizkosten Wie Gasversorger ihre Kunden ausnehmen

Die kalten Wintertage der vergangenen Wochen schlagen sich in den Gasrechnungen nieder. Wer nicht zu viel bezahlen will, sollte Tarife vergleichen - die Unterschiede sind gewaltig.

Gastherme (Symbolbild)
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Gastherme (Symbolbild)

Eine Kolumne von


Na, haben Sie Ihre Heizung schon heruntergedreht? Nach einigen kalten Wochen soll es nun wärmer werden. Der kalte Januar und Februar aber werden Sie spätestens bei der Gasrechnung einholen. Fast die Hälfte aller deutschen Haushalte heizt mit Gas. Und der Verbrauch geht in kalten Wintern deutlich nach oben. Dummerweise geben die Gasanbieter gleichzeitig die niedrigeren Gaspreise nicht wirklich an die Kunden weiter. Im Gegenteil: Die Gasversorger nehmen vor allem kleine Kunden aus wie die Wachteln.

Wieso, fragen Sie, der Gaspreis ist doch gefallen. Na ja. Der Großhandelspreis für Gas hat sich laut Aurora Energy Research von Mitte 2014 bis Mitte 2016 halbiert, von 2,8 Cent pro Kilowattstunde (kWh) auf 1,4 Cent - so steht es im aktuellen Jahresbericht von Zukunft Erdgas . Der mittlere Preis pro Kilowattstunde beim Endverbraucher ist aber nur von 6,7 auf 6,1 Cent gefallen - bei einem Gasbezug von 20.000 Kilowattstunden im Jahr. Wer weniger verbraucht, zahlt noch mehr.

Am meisten berappen Verbraucher, die noch beim Grundversorger sind. 2016 zahlten sie im Schnitt sieben Cent pro kWh. 32 Prozent aller Haushaltskunden hatten bis April 2016 einen solchen Vertrag, sagt die Bundesnetzagentur. Singles oder Kleinverbraucher, die im Wesentlichen mit Gas kochen und jährlich weniger als 5600 kWh verbrauchen, bezahlen dort bis fast zwölf Cent pro kWh, also das Achtfache des Einkaufspreises beim Großhandel. Zwar sind in den zwölf Cent Steuern, Netzentgelte und Ähnliches enthalten, aber unfair ist der Preis trotzdem.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Unfair aus zwei Gründen:

  • Zum einen werden die kleinen Kunden mit unverschämten Preisaufschlägen geschröpft. Wer viel verbraucht, kann den Preis im Vergleich dazu pro kWh annähernd halbieren. Wie sich die Preise zusammensetzen, schlüsseln Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt in ihrem Monitoringbericht detailliert auf.
  • Und zweitens sind die Preisunterschiede zwischen den einzelnen Anbietern auf dem Gasmarkt enorm. Das ist erstaunlich, verkaufen doch aus Sicht des Kunden am Ende alle das gleiche Gas, das aus dem Hahn kommt. Die preiswertesten Lieferanten, die nicht Grundversorger waren, belieferten Kunden, die mehr abnahmen (zwischen 5556 und 55556 kWh pro Jahr), zu Kampfpreisen von rund 5,2 Cent pro kWh, sagt die Bundesnetzagentur.

Können sich Kunden mit Grundversorger-Tarif wehren? Klar. Preis-Vergleichsportale helfen, in praktisch jeder Stadt den günstigsten Anbieter zu finden. Die Unterschiede zwischen den rund 900 Anbietern sind enorm. Und der Wechsel ist in wenigen Minuten gemacht, die Formalitäten übernimmt der neue Anbieter.

Was abstrakt nach einem großen Einsparvolumen für den privaten Haushalt aussieht, kann man auch konkret vorrechnen. Wer in Berlin vom teuren Grundversorger Gasag zum günstigsten Anbieter wechselt und für eine große Wohnung mit Heizung, Warmwasser und Kochen 12.000 kWh im Jahr verbraucht, spart mehr als 330 Euro. Statt 860 Euro stehen auf der Jahresrechnung nur 515 Euro. Wer als Single 5.000 kWh braucht, für den sind immer noch 100 Euro Ersparnis drin.

Berlin ist ein günstiger Markt für Gaskunden. Im niederrheinischen Wesel bezahlt der Beispielkunde mit der großen Wohnung beim Grundversorger mehr als 900 Euro, fast 380 Euro mehr als beim preiswertesten Angebot. Für Singles beträgt die Ersparnis auch dort mehr als 100 Euro.

Preisportale wie Check24 und Verivox haben die günstigsten Preise der 900 Anbieter in ihren Datenbanken. Leider ist es für Kunden trotzdem nicht ganz einfach, wirklich den besten Tarif zu finden. Das liegt unter anderem an der Frage, welche Rolle Boni für Neukunden bei der Auswahl des neuen Anbieters spielen und spielen sollten. 100 Euro Neukundenbonus und noch einmal 50 Euro Sofortbonus sind beim Wechsel für eine Familie drin, die das Wechseln liebt und ihre Kündigungstermine gut unter Kontrolle hat. Ohne Kontrolle und ohne solche Boni bleibt von der Ersparnis nach dem ersten Jahr nur die Hälfte.

Manchmal bietet der Grundversorger für träge, aber verärgerte Kunden im Wettbewerb sogar einen Kampftarif, der günstiger ist als der der meisten Konkurrenten, jedenfalls, wenn man die Boni nicht mitrechnet. Deshalb hat es so mancher Kunde geschafft, beim eigenen Grundversorger ein besseres Angebot zu bekommen. Probieren Sie es einfach und haken Sie nach.

Eine Lehre ist klar: Gasanbieter bereichern sich an harmlosen - oder soll man sagen treu-doofen - Kunden in der Grundversorgung. An denen, die noch nie den Tarif gewechselt haben. Aber Sie sind bestimmt nicht treu-doof, wechseln und sparen Sie!

PS: Offenbar bereichern sich nicht nur Gasanbieter und Stadtwerke an den treuen Kunden. Sondern auch die Kommunen. Sie verlangen von den Netzbetreibern Konzessionsabgaben, die diese sich von den kleinen Kunden in der Grundversorgung zurückholen - als Teil des Gaspreises. Und diese Konzessionsabgaben sind bei den Kunden in der Grundversorgung bis zu 14-mal so hoch wie bei Kunden, die gewechselt haben. Das rechnet die Bundesnetzagentur vor. Eigentlich unglaublich, oder?



insgesamt 80 Beiträge
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m.m.s. 18.02.2017
1. Der Gasrebell
Der SPIEGEL hatte dazu einen ausführlichen Artikel geschrieben mit dem Titel "Der Gasrebell". Dort steht wie man sich erfolgreich durchsetzt.
kahabe 18.02.2017
2. Kilowattstundenabrechnung
Die Uhren geben den Verbrauch in Kubikmetern an. Der wird dann mit sogenannten Zählfaktoren, u. a. Brennwert in kW umgerechnet. Das wird dann im Endpreis durchaus höher. Dem Mitte des Jahres gesenkten kW-Preis von 0,36 Cent brutto steht eine Erhöhung des Umrechnungsfaktors Brennwert gegenüber. Ergibt eine versteckte Erhöhung. Gut, ich jammere wohl bei einem Bezugspreis von 5,93 Cent und niedrigem Grundpreis meines örtlichen Versorgers auf höherem Niveau...
spiegelobild 18.02.2017
3.
Man kann sicherlich zu einem preiswerten Anbieter wechseln. Aber nicht jeder Mitbürger hat die Kompetenz dazu. Wer eine einfache Schulbildung hat und nur gewerblich tätig ist, ist damit häufig überfordert, ebenso wie alte Menschen. Hinzu kommt, dass die Preisbindung nur für ein Jahr gilt, danach ist der neue günstige Anbieter nicht mehr günstig. Also muss man kündigen unter Einhaltung von Fristen und einen neuen Vertrag abschließen, oder versuchen, am Telefon zu verhandeln. Das schaffen viele nicht, die sind dann diejenigen, die hohe Preise beim Grundversorger zahlen
rainerwäscher 18.02.2017
4.
Unsere Heizung für uns 20 Mieter befindet sich im Keller. Den Vertrag mit dem örtlichen Grundversorger macht der Vermieter, eine Wohnungsgenossenschaft. Und der brüstet sich in einem Rundschreiben, für die Mieter günstige 7 ct herausgehandelt zu haben.
mueller1 18.02.2017
5. Sicher richtig,
aber im Vergleich zu Ökostrom ist selbst beim Grundversorger die kWh Gas spotbillig. Wer sparen will, sollte - wenn möglich - vor allem seine Elektrogeräte mit eingebauter Heizung (Herd/Ofen, Waschmaschine, Trockner, Heizkörper) - auf Gas umstellen. Darüberhinaus sollte er natürlich auch den Anbieter wechseln, falls ein anderer günstigere Preise bietet.
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