Kritik von Verbraucherschützern Lebensmittelproduzenten belasten die Umwelt

Zu viel Dünger, zu hoher Fleischkonsum, zu wenig ökologische Landwirtschaft, zu viel Müll: Produktion und Verschwendung von Lebensmitteln belasten die Umwelt stark, warnen Umweltbundesamt und Verbraucherzentralen.

Düngung eines Ackers in Niedersachsen: Hoher Stickstoffüberschuss
picture alliance / dpa

Düngung eines Ackers in Niedersachsen: Hoher Stickstoffüberschuss


Hamburg - Kurz vor Beginn der Internationalen Grünen Woche haben der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) und das Umweltbundesamt (UBA) die Ökobilanz von Lebensmitteln untersucht - und kritisieren die Bundesregierung. Die selbstgesteckten Umweltziele in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie würden weit verfehlt. Das könnte für die Konsumenten in Deutschland teuer werden. "Für die Produktion und den Verbrauch von Lebensmitteln muss die Umwelt schon heute zahlen. Langfristig können auch die Kosten für die Verbraucherinnen und Verbraucher spürbar werden", kritisiert Holger Krawinkel vom VZBV. Landwirtschaft, Industrie und Handel müssten umdenken, die Politik schärfere Regeln aufstellen und die Verbraucher ihre Verantwortung wahrnehmen.

Der Ernährungssektor in Deutschland sei heute für ein Fünftel der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Vor allem die Belastung von Luft, Böden und Grundwasser durch übermäßigen Einsatz von Stickstoff als Dünger müsse dringend reduziert werden. Nur ein Teil des Stickstoffs wird von den Pflanzen aufgenommen, der Rest gelangt in Luft und Grundwasser. Schon jetzt weisen einer UBA-Studie zufolge mehr als ein Viertel aller Grundwasservorkommen in Deutschland zu hohe Nitratwerte auf. Das Ziel der Bundesregierung, den Stickstoffüberschuss pro Hektar Ackerfläche und Jahr bis 2010 auf 80 Kilogramm zu senken, wird weit verfehlt.

Der Ausbau der Ökolandwirtschaft, die mit deutlich weniger Stickstoff, Pestiziden, Energie und CO2 auskommt, liegt ebenfalls weit hinter dem Plan. Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sieht einen Anteil von 20 Prozent vor - bisher werden aber nur wenig mehr als sechs Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch bewirtschaftet. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, erreichen wir unser nationales Ziel von 20 Prozent Ökolandwirtschaft erst im Jahre 2078", sagt UBA-Präsident Thomas Holzmann. Die Nachfrage nach Bioprodukten ist gleichzeitig hoch wie nie, Ökobauern könnten doppelt so viel absetzen, wie sie in Deutschland anbauen.

Auch der immense Fleischverzehr in Deutschland belastet die Umwelt: In der Massentierhaltung entstehen Treibhausgase, die Regionen mit intensiver Tierhaltung produzieren einen enormen Stickstoffüberschuss durch die anfallende Gülle. Fast die Hälfte der Ackerflächen wird für den Futtermittelanbau genutzt, zusätzlich importiert die Branche große Mengen Futtermittel.

Handlungsempfehlungen für Politik und Industrie

Ungelöst ist auch das Problem der Verschwendung: Rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jährlich weggeworfen - nicht nur von Verbrauchern, sondern auch von Verarbeitern, der Industrie, im Handel und bei Großverbrauchern wie Kantinen und Restaurants. Das EU-Ziel, die Menge bis 2025 zu halbieren, ist aus heutiger Sicht viel zu ambitioniert.

UBA und VZBV haben Handlungsempfehlungen aufgestellt, um die Umweltbelastung durch die Produktion von Lebensmitteln zu verringern:

  • Die Bundesregierung müsse die Düngeverordnung "ambitioniert überarbeiten", damit die Stickstoffbelastung verringern und das Thema auf EU-Ebene voranbringen.

  • Bauern, die auf Ökolandbau umstellen, haben ein teures Problem: Zwei Jahre lang müssen sie nach den höheren Biostandards - und höheren Kosten - produzieren, dürfen die Produkte aber nur als konventionelle Ware verkaufen. Für die höheren Kosten, fordern UBA und VZBV, sollen die Landwirte aus der EU-Agrarförderung entschädigt werden.

  • Das Thema Lebensmittelverschwendung, kritisieren UBA und VZBV, werde zu einseitig den Verbrauchern aufgebürdet. Vor allem der Handel müsse seine Anforderungen zu Makellosigkeit, Größe und Form von Obst und Gemüse überdenken.

  • Die Fleischproduktion soll demnach stärker reguliert werden: Das Verhältnis von Tieren zu Ackerfläche müsse begrenzt, tier- und umweltgerechte Haltungssysteme unterstützt und für Verbraucher auf den Produkten verbindlich gekennzeichnet werden.

Vor allem der letzte Punkt dürfte auf der der größten Agrarmesse der Welt in den kommenden zwei Wochen kontrovers diskutiert werden. Viele Organisationen kritisieren die Massentierhaltung und den hohen Fleischkonsum in Deutschland. In der vergangenen Woche legte der BUND den "Fleischatlas" vor, in dem die Autoren vor "verheerenden Folgen" des hohen Fleischkonsums für Menschen, Tiere und Umwelt warnen, am Donnerstag greift der "Kritische Agrarbericht" das Thema auf. Auf der IGW dagegen präsentiert sich die klassische Agrarindustrie - mit viel Fleisch, Wurst und Schinken.

nck

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insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
pointbreak57 15.01.2014
1. Den Verbraucher ...
... scheint's überwiegend ja nicht zu jucken. Hauptsache er kriegt sein Fleisch auf'n Tisch. Qualität? Egal! Emphatie? Wurscht!Moral? Haub ab Du Miesepeter!!! Der Verbraucher ist der schuldige! Er alleine könnte jede Regulierung und Diskussion von heut auf morgen überflüssig machen - so einfach! Beschämend ...
gog-magog 15.01.2014
2.
Zitat von sysoppicture alliance / dpaZu viel Dünger, zu hoher Fleischkonsum, zu wenig ökologische Landwirtschaft, zu viel Müll: Produktion und Verschwendung von Lebensmitteln belasten die Umwelt stark, warnen Umweltbundesamt und Verbraucherzentralen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/hohe-umweltbelastung-vzbv-kritisiert-lebensmittelproduzenten-a-943647.html
Leben belastet "die Umwelt" ganz generell.
charlybird 15.01.2014
3. Zumindest
ist das alles mal wieder gesagt, besser, erwähnt worden. Aber obendrauf wird demnächst ordentlich gefrackt und Nestlè sichert sich dann die Wasserversorgung. :-) Unser Wohlstand wird doch nur im Rahmen wirtschaftlicher Schaffenskraft erst möglich und wo gehobelt wird, fallen nun mal Späne.
r-flection 15.01.2014
4. Kleine Korrektur
Das Ziel der Bundesregierung, den Stickstoffüberschuss pro Hektar Ackerfläche und Jahr bis 2010 auf 80 Kilogramm zu senken, wurde weit verfehlt (statt wird, das Jahr 2010 ist ja bereits vorbei). Ansonsten traurige Fakten, kann man nur hoffen, dass sich das Bewustsein über die Probleme und die Motivation diese anzugehen ändert. Das wird beim einzelnen Verbraucher aber m.E. einfacher sein, deswegen fasst euch am besten mal alle selber an die Nase, Leute/Mitmenschen.
stani 15.01.2014
5. wie eine zerstörerische Krankheit
Zitat von gog-magogLeben belastet "die Umwelt" ganz generell.
Das kann man so nicht sagen. Ein von der menschlichen Zivilisation unberührtes Ökosystem ist in der Regel ein Geflecht aus Symbiosen. Selbst die räuberischen Lebensformen haben wichtige unterstützende Funktionen, weil sie z.B. kranke Beutetiere aussortieren. Die Wirkung des gegenwärtigen Menschen ist dagegen eher wie eine zerstörerische Krankheit.
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