Problem Bahn Was ich nach 25 Jahren ICE-Fahren einfach mal sagen möchte

Der ICE wird 25 - und unser Autor saß von Anfang an mit drin. Doch als er recherchieren wollte, wie ausgeprägt seine Treue zur Bahn ist, stellte er fest: Der Schnellzug ist wirklich das geringste Problem des Konzerns.

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Eine nicht ganz ernst gemeinte Bilanz von


Gleich zu Beginn sollte ich mich als notorischer Vielfahrer outen: Ja, ich lebe in einer eingetragenen ICE-Partnerschaft. Und damit das Ausmaß meiner Ferrosexualität auch jedem klar ist, wollte ich eigentlich gerne transparent machen, wie viele Bonuspunkte ich bei der Bahn im Laufe meines Lebens gesammelt habe.

Leider kann ich für diese Transparenz in eigener Sache nicht sorgen. Ich bin eben an den überkomplexen Passwortanforderungen des von uns allen so geschätzten Staatsbetriebs gescheitert - und als ich dann als Strafe irgendeine Kundennummer eingeben sollte (die sich nach Insider-Informationen aus der Quersumme der Bahncardnummern der vergangenen zehn Jahre berechnet), habe ich aufgegeben. Mal wieder. Wahrscheinlich muss ich bald eine neue PIN beantragen, die dann per Post kommt. Immerhin keine Rechnung im Briefkasten.

Zugegeben, ich habe da wenig Durchhaltevermögen. Aber ich will einfach nicht mehr. Wenn ich in Berlin mit der BVG oder in Hamburg mit einem Car2go fahre, mit Ryanair nach Köln oder Easyjet nach Griechenland fliege oder mich sonstwo einlogge, klappt es immer. Ich scheitere wirklich nur bei der Bahn.

Und weil ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin, führe ich die regelmäßige Sperrung meines Kontos nicht auf mein nordrhein-westfälisches Johannes-Rau-Gedächtnisabitur zurück. Zumal Barrierefreiheit doch wohl auch bedeutet, dass sich Bremer und Hessen bei der Bahn einloggen können müssen. Und Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern.

Aus Langeweile ins Reisezentrum

Der absurde Login-Prozess erklärt sich wahrscheinlich dadurch, dass viele Bahn-Manager ihr eigenes Produkt gar nicht mögen - und es deshalb nicht nutzen. So wie der ehemalige Vorstand Ulrich Homburg, der über einen ICE manchmal redete, als übertrage er ansteckende Krankheiten. Folgerichtig kursierte im Konzern der Witz, die größte Gefahr bei einem Termin mit Homburg sei, dass sein Flieger verspätet ist. Man kann mit Flugmeilen auch viel schönere Sachen kaufen als mit Bahn-Bonuspunkten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und falls die gestressten Manager doch mal die Bahn benutzen, kaufen sie fast nie selbst ein Ticket. Vor ein paar Jahren saß ich mal mit einer Führungskraft zusammen, die mir weismachen wollte, die Online-Bestellung sei gar nicht kompliziert. Das würden immer nur alle behaupten. Von wegen Vorurteile und so. Ich habe diesen eigentlich sehr sympathischen Menschen dann überredet, doch mal live und in Farbe selbst am Computer eine Fahrt zu buchen. Nun ja, er hatte nach zehn Minuten zwar kein Ticket, aber immerhin eine empirisch halbwegs fundierte Einschätzung: "Wie kann man das denn nur so umständlich machen? Das kann ja echt nicht sein!" Der Mann hat sich seither karrieremäßig ziemlich weiterentwickelt, der Bestellprozess nicht wirklich.

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Typen und Konkurrenten des ICE: Zug um Zug

Das Preissystem ist ebenfalls so kompliziert, dass die eigenen Leute es nicht durchblicken. Kürzlich war ich zu früh am Berliner Hauptbahnhof und habe mir aus Langeweile kein Eis gekauft, sondern ein Ticket im Reisezentrum. Da war ich zuletzt drin, als ich auch noch Bankfilialen besuchte.

Ich wollte ein vorbildlicher Kunde sein und sagte langsam: "Einmal Hamburg-Berlin und zurück im ICE, zweite Klasse, ohne Zugbindung und ohne Reservierung, bitte." Die Dame, die in der Abschreckung von IS-Kämpfern sicherlich große Erfolge erzielen würde, tippte missmutig irgendetwas in ihren Rechner und schnaubte: "Vierunseschtzisch." Ich sagte: "Das kann nicht sein. Die Fahrt im ICE kostet 78. Sie haben wahrscheinlich den EC-Preis." "Nee, wenn der Computer dit sacht, is dit der Preis."

Ein neuer Versuch: "Dann muss ich aber im Zug nachlösen, das kostet mich 7,50 extra. Bitte geben Sie mir ein Ticket für 78." Im weiteren Verlauf unseres kleinen Anti-Gewalt-Trainings im Gegenwert von geschätzt 5000 Bahn-Bonuspunkten konnte ich sie immerhin überreden, in ihrem tollen System doch mal nach einer konkreten Verbindung zu suchen - und siehe da: 78 Euro.

Ach, jetzt habe ich ganz vergessen, das zu schreiben, was ich eigentlich sagen wollte: Der ICE, der heute ja Geburtstag hat, ist ein sehr komfortabler Zug, mit dem man gut reisen kann. Dass man ständig von Omis angemotzt wird, man sitze auf ihren Plätzen und sich dann herausstellt, dass sie im falschen Wagen sind, dafür kann die Bahn ja nun wirklich nichts. Genauso wenig wie für all die Menschen, die sich gegenseitig mit Rohkost füttern oder das letzte Mal geduscht haben, als es noch gar keinen ICE gab.

Und ich muss auch mal all die Mitarbeiter verteidigen, die sich täglich bemühen, dass die Kunden nicht allzu sehr unter den Unzulänglichkeiten der Bahn leiden. So wie vor einiger Zeit, als der ICE mal wieder zu spät in Hamburg ankam. Für alle, die weiter nach Kiel mussten, machte der Zugchef eine charmant-direkte Ansage: "Der Regionalexpress soll pünktlich abfahren, bitte beeilen Sie sich!"



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 245 Beiträge
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Seite 1
SNA 29.05.2016
1. Ticketbuchen online
Erledige ich mit der Bahn App in weniger als einer Minute. Wo ist das Problem?
korkdude 29.05.2016
2. Computer Abitur ?
Der Autor sollte über ein Computer Abitur und/oder einen Passwortmanager nachdenken. Via der Webseite habe ich noch nie länger als 2 Minuten für eine Buchung gebraucht. Und für die ganz ungeduldigen empfehle ich die BahnApp. Da klappt das in unter zwei Minuten. Komplexe Passwörter dienen nunmal der Sicherheit. WO die Bahn nachlegen muss, ja beinahe steinzeitlich ist, ist beim WLAN an Bord. Grottenschlecht ist immer noch zu höflich. Was da Telekom und Bahn abliefern ist beschämend.
zick-zack 29.05.2016
3. Schön
Na schön, daß der Autor wenigstens zugibt, daß er vor lauter meckern das eigentliche Thema fast vergessen hätte. Ich weiß nicht, warum (fast) alle Beiträge zum Thema DB derart negativ sein müssen. Vielleicht tretet ihr bitte mal einen Schritt zurück und schaut euch an, wie komplex der Bahnbetrieb ist. So ein Zug, egal ob ICE, Regio oder S-Bahn, macht am Tag ja nicht nur eine Zugfahrt. Wenn da einmal was später ist, schleppt man das bis Betriebsschluß mit oder man muß irgendwo was kürzen (S-Bahn früher wenden z.B.). Warum das Preissystem so ist, wie es ist, weiß ich allerdings auch nicht und ich beneide die Zugpersonale überhaupt nicht, die der schlecht gelaunten Kundschaft erklären dürfen, daß sie eine ungültige Fahrkarte haben.
HaraldKönig 29.05.2016
4.
Ich fahre erst seit 10 Jahren regelmäßig mit dem ICE quer durch Deutschland, muss aber sagen, dass nichts von dem, was der Autor sagt, mir vertraut ist. Einloggen mit einem einfachen selbstgewählten Passwort sollte mitlerweile jeder beherrschen und der Preis meiner Fahrten ist auch nie zweifelhaft. Verspätungen kamen zwar vor, führten jedoch erst einmal zu einem Erstattungsanspruch, und das war während des Bahnstreiks. Müffelnde Mitmenschen kann man überall treffen, das Publikum im ICE gehört eher zu der erträglichen Sorte. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Bahn ist besser als ihr Ruf.
leafs 29.05.2016
5. hanebüchen
Der Verfasser hat diesen Artikel wahrscheinlich mit der Schreibmaschine geschrieben, die Passwortanforderungen sind bei der Bahn jedenfalls nicht komplizierter als auf anderen Seiten. Und das Online-Bestellsystem ist auch nicht wirklich schwierig zu handhaben, solange man keine Sonderwünsche wie Nachtzug, Kleinkindabteil oder Auslandsfahrten hat. Während der Fahrt stören mich nicht die Omis, sondern die nervtötenden Menschen, die lautstark telefonieren und ihr ganzes Leben vor allen ausbreiten, während man extra einen Platz im Ruhebereich reserviert hat und schlafen oder ein Buch lesen möchte.
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