Immobilienmarkt 2017 Ein Boom, von dem die Mittelschicht nichts hat

Der deutsche Immobilienmarkt ist laut einer neuen Studie auch 2017 kräftig gewachsen. Wohnraum für Normalverdiener entstand dabei aber eher selten.

Häuser in Köln (Archivfoto)
DPA

Häuser in Köln (Archivfoto)


Auf dem deutschen Immobilienmarkt wurde 2017 deutlich mehr umgesetzt als im Vorjahr. Das Transaktionsvolumen stieg um rund 9,7 Prozent auf 72,8 Milliarden Euro. 2016 waren es noch 65,7 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernst & Young (EY).

Der Großteil des Gesamtvolumens entfiel demnach mit 57,2 Milliarden Euro auf gewerbliche Immobilien. Bei Wohnimmobilien betrug das Volumen 15,6 Prozent.

Für die Studie hat EY 220 Investoren, die auf dem deutschen Markt aktiv sind, zu ihrer Marktprognose für 2018 befragt - darunter Banken, Projektentwickler, Wohnungsgesellschaften, sogenannte Family Offices und Private-Equity-Fonds. Eines der Ergebnisse: 2018 könnte das Transaktionsvolumen - auf einem historisch insgesamt sehr hohen Niveau - moderat sinken.

Wohnraum in Ballungszentren ist nach wie vor knapp und der Neubau von Wohnungen ein wichtiges Thema für die Branche. Allerdings falle Wohnraum für Normalverdiener und Familien weitgehend durch das Raster, wenn neu gebaut wird, sagt Christian Schulz-Wulkow, Leiter des Immobiliensektors bei EY und verantwortlich für die Studie. "Im Fokus stehen entweder die Geringverdiener mit Anspruch auf geförderten Wohnraum oder aber das gehobene Preissegment." Dennoch rechnen 67 Prozent der Befragten für das laufende Jahr mit weiter steigenden Wohnungspreisen in sogenannten 1a-Lagen, bei 1b-Lagen sind es sogar 76 Prozent.

NDR-Doku über teures Wohnen in Europa

Berlin und Frankfurt besonders beliebt

Neun von zehn Befragten sehen Deutschland insgesamt als attraktiven oder sehr attraktiven Standort für Immobilieninvestments. Besonders hoch in der Gunst stehen Berlin und Frankfurt: Die Hauptstadt sei vor allem für Wohnungsinvestments, Frankfurt für das Bürosegment attraktiv, sagt Paul von Drygalski, Co-Autor der Studie.

Der Einfluss einer neuen Regierung auf die deutschen Immobilienmärkte dürfte eher gering sein - so die Einschätzung von 86 Prozent der Befragten. "Sie haben einen Wunschzettel an die neue Regierung formuliert, bei welchen Themen Handlungsbedarf besteht: Es geht darum, den Wohnungsneubau - insbesondere im bezahlbaren Segment - zu fördern, statt ihn durch immer mehr Regulierung zu hemmen", so Schulz-Wulkow.

Beispiele seien die Bau- und Energievorschriften sowie die Mietpreisbremse. "Der schleppende Prozess einer neuen Regierungsbildung spricht allerdings nicht dafür, dass die Wunschliste schnell umgesetzt wird", so Schulz-Wulkow. "Zum Zeitpunkt der Umfrage sah es noch klar nach einer Jamaika-Koalition aus und der Rückzug der FDP aus den Koalitionsgesprächen kam etwas überraschend."

Den demografischen Wandel sehen 87 Prozent der Befragten als wichtigsten Trend der kommenden fünf bis zehn Jahre. Den zweitgrößten Impuls sieht die deutsche Immobilienwirtschaft in der Digitalisierung. "Die Beurteilungskriterien für Anlageobjekte werden sich verschieben", sagt Schulz-Wulkow. "Konnektivität wird genauso wichtig wie die Lage."

Steigende Zinsen erwartet

Die Teilnehmer wurden auch zum Thema Zinsentwicklung befragt. Zwar erwarten 93 Prozent von ihnen, dass sich die Niedrigzinsphase ohne sprunghafte Veränderung in diesem Jahr fortsetzt. Aber die Sorge vor einem graduellen Anstieg nimmt zu: Im vergangenen Jahr erwarteten nur 12 Prozent einen Zinsanstieg, in diesem Jahr sind es 40 Prozent.

"Vor allem das Wohnimmobiliensegment, auf dem in diesem Jahr wieder ein starker Investmentfokus liegt, leidet ohnehin schon unter hohen Preisen und einer knappen Verfügbarkeit", sagt Paul von Drygalski. "Wenn sich der Renditevorsprung gegenüber festverzinslichen Anlagen verkleinert, könnten die Herausforderungen beim Immobilienankauf noch größer werden."

asa



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jjcamera 16.01.2018
1. Grundsteuererhöhung nicht sinnvoll
Die Erhöhung der Grundsteuer wird so manchen kleinen Häuslebauer abschrecken und die Oma, die von 1000 Euro Rente leben muss, aber immer noch im Haus mit Grundstück der Familie lebt, zum Verkauf und Umzug ins Heim zwingen... So wird das nichts mit der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum.
eunegin 16.01.2018
2. Ich bin Berliner Eigentümer. Schön, aber...
Der Wert meiner selbstgenutzten Berliner Eigentumswohung ist stark gestiegen und ich bin auf dem Papier reicher. Davon habe ich unmittelbar nur nichts, denn ich kann/will nicht verkaufen - man muss ja auch irgendwo wohnen. Schlecht aber für andere Normal- und selbst Gutverdiener, die eine Kaufwohnung suchen. Das sieht in Berlin für Eigennutzer ganz schlecht aus. Hier wird viel "investiert", was die Preise zusätzlich treibt.
amon.tuul 16.01.2018
3. naja
Zitat von euneginDer Wert meiner selbstgenutzten Berliner Eigentumswohung ist stark gestiegen und ich bin auf dem Papier reicher. Davon habe ich unmittelbar nur nichts, denn ich kann/will nicht verkaufen - man muss ja auch irgendwo wohnen. Schlecht aber für andere Normal- und selbst Gutverdiener, die eine Kaufwohnung suchen. Das sieht in Berlin für Eigennutzer ganz schlecht aus. Hier wird viel "investiert", was die Preise zusätzlich treibt.
Sie könnten einen höheren Kredit bekommen,
prince62 16.01.2018
4. Alle schimpfen, aber fast alle wählen immer weiter die Neoliberalen
Zitat von jjcameraDie Erhöhung der Grundsteuer wird so manchen kleinen Häuslebauer abschrecken und die Oma, die von 1000 Euro Rente leben muss, aber immer noch im Haus mit Grundstück der Familie lebt, zum Verkauf und Umzug ins Heim zwingen... So wird das nichts mit der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum.
So soll es ja auch sein, für den arbeitenden Pöbel werden dann wenigstens die Brücken saniert, damit der Daueraufenthalt drunter nicht mehr gefährlich ist:-) Im übrigen, warum jammern alle über die neoliberale Politik, die hierzulande seit 1998 ohne Skrupel betrieben wird, aber alle bzw. 85% der Menschen wählen bei den Wahlen alle 4 Jahren genau die neoliberale Einheitspartei aus CDU7CSU/SPD/FDP/Grüne die das alles zu verantworten hat und deshalb immer munter weitermachen kann. Zu Frau Merkel bleibt nur noch zu sagen, daß in 12 Jahren diese Frau nichts, aber auch gar nichts für das arbeitende Volk getan hat, ganz im Gegenteil, allein ihre völlig chaotische Energiewende hat das Volk bislang locker 100 Mrd Euro gekostet.
jozu2 16.01.2018
5. Das ist doch immer so!
Das wundert mich überhaupt nicht: Fallen die Zinsen, steigen die Immobilienpreise, weil man Otto Normal ja jetzt den günstigen Kredit aufschwatzen kann. Wird eine Wohnungsbau(oder -kauf)-Prämie oder Wohn-Riester eingeführt, steigen die Preise auch, weil Otto Normal ja jetzt mehr Geld zur Verfügung hat. Auch bei scheinbar verbraucherfreundlichen Marktentwicklungen verdienen immer die selben: die die schon Häuser und dicke Bankkonten haben. Otto Normal zahl immer das, was er bezahlen kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.