Wohnungsmangel Solventer Makler sucht dringend eine Bleibe 

Makler machen nichts, streichen aber satte Gebühren ein? Stimmt nicht immer. Weil in Städten wie Hamburg oder Berlin Wohnungsnot herrscht, suchen Vermittler händeringend nach Immobilien, die sie anbieten können. Ihre Jagd nach Objekten treibt mittlerweile seltsame Blüten.

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Wohngebiet in Berlin: Hunderttausende Deutsche auf der Flucht ins Betongold
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Wohngebiet in Berlin: Hunderttausende Deutsche auf der Flucht ins Betongold


Hamburg - Es sind Anzeigen wie diese, mit denen sich der Makler Philipp Krohn von der Firma Dahler & Company derzeit auf die Suche nach begehrten Objekten begibt: "Unternehmer sucht leeres Dachgeschoss zum Ausbau. Hamburger Alster- oder Uni-Nähe. 90 bis 150 qm mit Lift oder möglichen Lift-Einbau. 270.000 bis 400.000 Euro." Krohns Kunde möchte sein Geld vor der Schuldenkrise in Sicherheit bringen.

Er ist nicht der einzige. Hunderttausende Deutsche sind derzeit auf der Flucht ins sogenannte Betongold, schauen sich nach Immobilien um, die zum Kauf stehen, um ihr Erspartes zu sichern. Der Nachfrageboom hat in den vergangenen Monaten zu Preisexplosionen geführt, die selbst in angesagten Metropolen wie Hamburg oder München bisher unbekannt waren. Häuser und Wohnungen wurden mit Aufschlägen zum Vorjahr von 15, 20 oder sogar 25 Prozent verkauft.

Das Problem auf diesem Verkäufermarkt: Es sind kaum noch Objekte im Angebot.

Diese Not macht erfinderisch. Philipp Krohn und viele andere Immobilienvermittler schalten in Tageszeitungen Suchanzeigen. Makler Björn Dahler hat nach eigenen Angaben allein 1755 Kunden gelistet, die am Westufer der Alster eigene vier Wände suchen. Andere Makler versuchen mit einfältigen Hauswurfsendungen ("Wir bewerten Ihre Immobilie jetzt kostenlos") an Verkäufer zu kommen oder rufen regelmäßig Hausverwaltungen an und fragen, ob sich Eigentümer mit dem Gedanken tragen, zu verkaufen, ob jemand umziehen will - oder gestorben ist.

Bis zu 90 Prozent seiner Zeit verbringe er allein mit der Suche nach geeigneten Immobilien, berichtet ein Makler aus Hamburg-Eimsbüttel, der namentlich nicht genannt werden will. Lediglich die restlichen 10 Prozent seien für Vertragsgeschäfte vorgesehen. Ein Verhältnis, das dem öffentlichen Eindruck von Maklern völlig widerspricht: Ihnen wird nachgesagt, für wenig Arbeit viel Geld zu bekommen. Ein Grund, warum Hamburg im Bundesrat durchsetzen will, dass künftig die Vermieter die Maklergebühr bezahlen müssen - und nicht mehr die Mieter.

"Potentielle Verkäufer auf uns aufmerksam machen"

Doch der Berliner Immobilienmakler Dirk Wohltorf hat anderes zu berichten. Nach seiner Überzeugung kommen momentan nur die Kollegen an die noch verbliebenen besten Stücke auf dem Wohnungsmarkt, die bekannt sind, ein gutes Image haben und "wirklich professionell arbeiten". Wohltorf, der sich naheliegenderweise auch zu den "Guten" zählt, setzt dafür vor allem zwei Instrumente ein: Zum einen sein "Kiez-Portal" www.frohnau-immobilien.de, eine Plattform im Internet, auf der es Immobiliennews, Ortsteilinformationen und Veranstaltungstipps gibt.

Zum anderen einen 16-seitigen Marktbericht mit Quadratmeterpreisen und Bodenrichtwerten aller Nordwestberliner Stadtteile. Diese Studie hat Wohltorf nicht nur mehreren Zeitungsredaktionen zur Verfügung gestellt, die daraus zitiert haben, sondern auch 30.000 Einfamilien-Haushalten in den Briefkasten gesteckt, "um potentielle Verkäufer auf uns aufmerksam zu machen".

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Ranking deutscher Städte: Wo Immobilien am teuersten sind
Damit nicht genug der ungewöhnlichen Maklerwege, um an Immobilien zu kommen, die man seinen Kunden anbieten kann: In Berlin hängt in jedem zweiten Maklerbüro ein Zettel im Fenster mit dem Hinweis, dass für einen Kauf-"Tipp" 1000 oder 2000 Euro gezahlt werden. Auch Dahler & Company zahlt für Hinweise auf Verkaufsobjekte Provisionen.

Perfektioniert hat dieses System der Geschäftsführer der Dolce Villa Real Estate in Hamburg. Friedhelm Osada hat ein Online-Portal im Internet eröffnet, das es "jedem möglich macht, mit Immobilien Geld zu verdienen", so der Initiator. Meldet beispielsweise ein Nachbar der Seite makelloshamburg.de, dass jemand in seinem Haus seine Wohnung demnächst verkaufen will, nimmt Osada mit dem Besitzer Kontakt auf. "Wenn ich diese Wohnung einem Käufer erfolgreich vermitteln kann, zahle ich meinem Informanten eine hohe Prämie." Bei einem Kaufpreis von 300.000 Euro seien das immerhin satte 6000 Euro. Ihm selbst bleiben dann noch etwa 10.000 Euro.

Der clevere Makler betont, dass die Erfolgsprämie "natürlich erst fließt, wenn der Notarvertrag unterzeichnet ist". Rund 80 Tipps hat der Hamburger Vermittler nach eigenen Angaben schon über makelloshamburg.de erhalten, drei hätten zu einer Beurkundung geführt. "Das hat mich zusammen rund 15.000 Euro Prämie gekostet." Der innovationsfreudige Makler hofft mit seiner Idee, "auch Menschen anzusprechen, die sonst nichts mit Immobilien zu tun haben". Man müsse sich doch nur umhören unter Kollegen, in der Familie, auf Partys oder bei Geschäftspartnern. Osada: "Leicht Geld verdienen will doch jeder."

Übrigens funktioniert das Prämienmodell auch umgekehrt: Empfiehlt jemand über das Portal einen Kaufinteressenten, der dann auch tatsächlich zugreift und einen Vertrag unterschreibt, fließt ebenfalls eine Provision - gestaffelt nach dem Verkaufspreis. "Allerdings ist das in der augenblicklichen Marktsituation eher der Einzelfall", konstatiert Friedhelm Osada. Potentielle Käufer kenne er selbst genug, "nur an Objekten, die ich ihnen anbieten kann, mangelt es".



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Seite 1
Wagner 25.10.2012
1. optional
Warum sollte sich der Eindruck über diese Zecken des Immobilienmarktes ändern, nur weil sie in absolut ausgelutschten Märkten keine Objekte mehr finden? Mit welcher Berechtigung ich bis zu und weit über 1000 euro für jemanden zahlen muss, der eine anzeige bei immoscout schaltet, wird mir wohl nie klar werden. das jemand für den bezug bzw die verhandlung mit dem eigentümer einer wohnung vorher eine vermittlungsgebühr (sprich maklerprovision) zahlen muss, ist eins der unsozialsten prinzipien des deutschen immobilienmarktes. dazu noch die teilweise doppelabrechnung einiger dieser spezies bei vermieter und wohnungssuchenden - ich werde nie mitleid für diese typen empfinden bzw ihren 'beruf' respektieren können, wenn sich die arbeitsweisen nicht bald ändern.
Stäffelesrutscher 25.10.2012
2.
Ach deswegen werden also Bruchbuden aus den 20ern, bei denen man im EG hört, wenn im 3. Stock der Bleistift auf den Schreibtisch fällt, für über 3.000 Euro pro qm angeboten ...
cdrenk 25.10.2012
3. Lemminge
Die Dummen sind auch in Deutschland noch nicht ausgestorben. Immobilienblasen sind die Ursache der aktuellen Megakrise - jetzt wird mit Null-Zinsen gegengesteuert und jeder Trottel kauft sich auf Pump eine Immobilie....damit die Immokrise dann auch nach Deutschland kommt und zwar möglichst schnell sobald die Zinsen wieder raufgehen...
prophet46 25.10.2012
4. Klientenpolitik
Zitat von sysopDPAMakler machen nichts, streichen aber satte Gebühren ein? Stimmt nicht immer. Weil in Städten wie Hamburg oder Berlin Wohnungsnot herrscht, suchen Vermittler händeringend nach Immobilien, die sie anbieten können. Ihre Jagd nach Objekten treibt mittlerweile seltsame Blüten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/immobilienmarkt-vermittler-suchen-haenderingend-nach-objekten-a-855258.html
Der Vorstoß Hamburgs, die Maklergebühr auf den Vermieter abzuwälzen ist nur wieder Klientenpolitik zu lasten der Hauseigentümer. Kostet die SPD ja nichts, hilft bestens bei der nächsten Wahl. So funktioniert eben Klienten-Demokratie.
Nabob 25.10.2012
5. Makler sollten es zur Abwechslung mal mit Arbeit versuchen
Zitat von sysopDPAMakler machen nichts, streichen aber satte Gebühren ein? Stimmt nicht immer. Weil in Städten wie Hamburg oder Berlin Wohnungsnot herrscht, suchen Vermittler händeringend nach Immobilien, die sie anbieten können. Ihre Jagd nach Objekten treibt mittlerweile seltsame Blüten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/immobilienmarkt-vermittler-suchen-haenderingend-nach-objekten-a-855258.html
Dann bekommt man ein realeres Verhältnis zum Geld.
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