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Wirtschaftsboom: Schönes Indien, schreckliches Indien

Von , Islamabad

Ein Land wandelt sich, rasant und grundlegend: Indien entwickelt sich vom Armenhaus der Welt zu einer mächtigen Wirtschaftsnation. Der Autor Akash Kapur kehrte nach Jahren der Abwesenheit zurück und beschreibt in einem packenden Buch die Schattenseiten des Booms - und die Chancen.

Indien: Wie der Boom das Land verändert Fotos
REUTERS

Indien ist ein Land der Klischees: Jahrzehntelang galt es als das Armenhaus der Welt. Anfang der neunziger Jahre aber öffnete sich der bis dahin verschlossene Markt, die Wirtschaft begann zu wachsen. Seit etwa zehn Jahren gilt Indien nun als das boomende IT- und Callcenter-Land, das immer neue Milliardäre hervorbringt. Und immer wieder wurde über die Gegensätze geschrieben zwischen Arm und Reich.

"Indien ist viel komplizierter", sagt Akash Kapur. Der 1975 in Süd-Indien geborene Journalist, Sohn eines Inders und einer Amerikanerin, wuchs in Indien auf, bis er 1991 als 16-Jähriger in die USA zog, dorthin, wo die Schulen und Universitäten besser waren, wo es größere Jobchancen gab und höhere Gehälter. Wo die Konsumwelt Möglichkeiten bot, die es in Indien, dem bis dahin sozialistischen System, nicht gab. Kapur zog weg, als der Boom in Indien begann.

Zwölf Jahre hat er verpasst. 2003 kehrte er in ein Land zurück, das er kaum wiedererkannte. Während seine Freunde in Amerika sich um ihre Arbeitsplätze sorgten und sich an das klammerten, was sie hatten, kündigten Leute in Indien ihre Jobs, verzichteten auf Sicherheiten, um voranzukommen, neue, besser bezahlte Stellen anzutreten oder den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.

Die Ökonomie siegt über die Ethik

Wie vielen Rückkehrern fielen Kapur zuerst die positiven Veränderungen auf: die Hochhäuser, die vielen neuen Geschäfte und Restaurants, vor den Luxusapartments funkelnde Autos, die auf neuen Autobahnen fahren konnten.

Indiens wirtschaftlicher Aufstieg ist sichtbar, in allen größeren Städten, in den Gesichtern der Menschen. Selbst Rikschafahrer, Friseure, Wachleute, die früher wenig Geld verdient haben und die immer noch wenig Geld verdienen, erzählen von ihren Hoffnungen, irgendwann auch von dem Boom zu profitieren.

Aber dann entdeckt Kapur die dunklen Seiten des Wandels. "Die Geschichte hat gezeigt, dass dort, wo Ethik und Ökonomie in Konflikt miteinander geraten, die Ökonomie immer siegt", hatte einst einer der indischen Verfassungsväter, Bhimrao Ramji Ambedkar, gesagt. Kapur hat dieses Zitat seinem Buch "India Becoming" vorangestellt, einem Porträt des modernen Indiens, das er jetzt, einige Jahre nach seiner Rückkehr in die alte Heimat, verfasst hat. Es ist ein Hinweis darauf, wie Kapur die Lage sieht.

"Wenn man das heutige Indien beschreiben will, sind es eigentlich zwei Geschichten", sagt er. "Auf der einen Seite geht es um Fortschritt und Entwicklung, darum, wie es vielen Menschen besser geht und viele Menschen neue Hoffnung schöpfen. Es ist die Geschichte einer Nation, die den Glauben an sich verloren hatte und der nun der wirtschaftliche Aufschwung einen neuen Sinn, eine neue Richtung gibt." Andererseits sei es aber auch die Geschichte von Zerstörung und Spaltung einer Gesellschaft, verursacht durch dasselbe Wirtschaftswachstum.

Amerikanisierung der indischen Gesellschaft

Eine Beobachtung ist, dass die indische Gesellschaft - einst so etwas wie ein Gegenentwurf zur amerikanischen -, sich immer mehr an diese annähert. "Amerika und Indien sind grundlegend verschieden in ihrer Haltung und Philosophie", schrieb der indische Schriftsteller R. K. Narayan vor einem halben Jahrhundert. "Indische Philosophie legt Wert auf Sparsamkeit und unbelastetes, unkompliziertes Leben von Tag zu Tag. Amerikas Betonung liegt auf der anderen Seite auf materiellem Gewinn und grenzenloser Vermehrung von Wohlstand."

Kapur stellt fest, dass die Beschreibung auf das heutige Indien, wo Amazon und Starbucks demnächst an den Start gehen, nicht mehr zutrifft. Menschen, die Kapur trifft, lässt er den Wandel beschreiben. Da ist zum Beispiel der Grundbesitzer Sathy, der damit fertig werden muss, dass er, einst eine Respektsperson im ländlichen Indien, nicht mehr geachtet wird und dass es bergab geht mit der Landwirtschaft. Lebensmittel würden immer teurer und müssten zum Teil von weit her herangeschafft werden.

Gleichzeitig verbessert sich die Lage für die Armen, Unterdrückten und Entrechteten. Ein sogenannter Unberührbarer, ein Dalit, sagt: "Mein Leben ist ein Wunder. Es ist ein Wunder, dass Sathy mich besuchen kommt, dass er und ich nebeneinander sitzen und Wasser aus derselben Flasche trinken können."

Zweifel am Sinn des Wirtschaftsbooms

Alles hat also zwei Seiten. Eine junge Frau vom Land freut sich, dass sie heute die Chance hat, in die Stadt zu ziehen, eine vernünftige Ausbildung und später einen gut bezahlten Job zu erhalten. Zugleich beklagt sie den Verfall der Moral, die Sexualisierung der Gesellschaft, das Hinterherhecheln hinter dem Geld. Eine andere Frau, Veena, eine Marketingexpertin und geschieden, freut sich über die Karrierechancen, die sich ihr in den vergangenen Jahren eröffnet haben, weiß aber nicht, wie sie die Kinderfrage - in Südasien ist der gesellschaftliche Druck, Kinder zu haben, besonders groß - lösen soll. Sie könne die Schwangerschaft schließlich nicht "outsourcen", sagt sie. Ein junger Mann rennt hinter dem Geld her - und merkt zu spät, dass er sich verrannt hat. Es sind all die Unsicherheiten, die gesellschaftliche Veränderung mit sich bringt.

Spätestens als Kapur eines Tages den Qualm in seinem Haus nicht mehr erträgt, den eine benachbarte Mülldeponie verursacht, erlebt er selbst, wie schwierig eine gerechte Entwicklung ist. Er will die Müllverbrennung verbieten lassen, sucht die Deponie auf - und sieht mit eigenen Augen, wie Menschen von und in den Abfällen leben. Der Müllplatz ist ihre Lebensgrundlage. Aber sie berichten auch, wie krank das Leben sie macht.

Kapur beginnt, am Sinn des wirtschaftlichen Booms zu zweifeln. "Ich war nicht mehr überzeugt, ob irgendeine Summe Geld, irgendein Gehalts- oder Bruttosozialproduktzuwachs oder die Zahl der Autos oder Milliardäre den Schaden wert waren", schreibt er. Jenen Schaden, den er in der Umwelt sieht und in der Jagd auf Reichtum, die Chaos und Brutalität mit sich bringt.

Doch am Ende siegt bei Kapur die Zuversicht. Indien sei bei allen Gegensätzen und Problemen eben auch voller Chancen. Es ist das Fazit der meisten Inder. Woher sein Optimismus? "Ich habe mich entschieden, hier zu leben, es ist mein Zuhause und das meiner Familie", sagt er. "Die positive Einstellung ist daher auch eine Überlebensstrategie."

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1.
eigentlicher_Schwan 28.04.2012
Zitat von sysopREUTERSEin Land wandelt sich, rasant und grundlegend: Indien entwickelt sich vom Armenhaus der Welt zu einer mächtigen Wirtschaftsnation. Der Autor Akash Kapur kehrte nach Jahren der Abwesenheit zurück und beschreibt in einem packenden Buch die Schattenseiten des Booms - und die Chancen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,827919,00.html
Alles Gute, Indien! Du hast es besser. In Deutschland dürfte die Dame auf Bild fünf NICHT Holzsammeln, und sie müsste ihren Goldschmuck abgeben. Indien ist, alles in allem, doch zivilisiert!
2.
McMacaber 28.04.2012
der aufschwung ist doch eine der wenigen chancen, die das starre indische kastensystem bekommen kann, um sich grundlegend zu wandeln. und wenn nicht, die spaltung der gesellschaft darf man hier getrost der kultur, und nicht der oekonomie, in die schuhe schieben.
3. Brennende Müllkippen
Stelzi 28.04.2012
Menschen die auf brennenden Müllkippen nach ihrem Lebensunterhalt suchen, habe ich in Indien selbst auch schon gesehen. Vor zwölf Jahren. Es scheint, als hätte sich in der Beziehung nichts geändert. Deshalb sehe ich auch keinen Wandel vom Armenhaus zum Boom-Land, sondern eine Parallelentwicklung: die Mehrheit bleibt arm und einer (trotzdem grossen) Minderheit geht es immerhin besser.
4. Naja
digitalesradiergummi 28.04.2012
Zitat von sysopREUTERSEin Land wandelt sich, rasant und grundlegend: Indien entwickelt sich vom Armenhaus der Welt zu einer mächtigen Wirtschaftsnation. Der Autor Akash Kapur kehrte nach Jahren der Abwesenheit zurück und beschreibt in einem packenden Buch die Schattenseiten des Booms - und die Chancen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,827919,00.html
Indien war/ist stinkreich und die wohlhabenste Nation der Welt, schon immer, es war nur nicht schon immer eine Nation. Ähnliches kann man über Technik und Wissenschaft sagen. Die Reichtümer Indiens sind nur schwer in Devisen zu wandeln. Auch mit der Verwaltung/Mangemant haperts ein bisschen, das kann dem Westen aber auch bald passieren. Dazu "Indische Philosophie legt Wert auf Sparsamkeit und unbelastetes, unkompliziertes Leben von Tag zu Tag. Amerikas Betonung liegt auf der anderen Seite auf materiellem Gewinn und grenzenloser Vermehrung von Wohlstand." kann ich nur sagen: Amerikas Betonung liegt auf der Freiheit jeder individuellen Person in der Glücksuche für sich und ihre Familie. daraus ergibt sich eine Diversität und eine Entwicklung der Talente. Da grosse Portionen des Glücks für viele darin besteht materiell abgesichert zu sein, ergibt sich mit obigem zusammen ein ungeheurer Wohlstand, der ergibt sich nicht aus dem Streben nach Wohlstand selbst. Das Indische Individuum strebt genauso nach Wohlstand, ist aber in ihrer Kaste gefangen, vorerst , dann aber immer weniger, vielleicht. Indien hat so gut wie nichts zu bieten für die Weltwirtschaft, vielleicht als Abnehmer für AKWs und Rüstungsgüter, deshalb liegt es weit hinter China zurück. Zwischen jeder Transaktionsschicht stecken unzählige raffgierige Zwischenhändler und korrupte Beamte. Vorteil ist eine grosse Zahl von zumindest sehr gut Englisch schreibenden Menschen, Englisch ist Amtssprache. So haben sie dann Erfolg in der IT. Sie sind wohl gut, manchaml sogar beser, aber vor allen Dingen billig, vorerst. Die Lebensführung derer, sie es geschafft haben erfordert einen Ausbau der Infrastruktur.
5.
tuobob 28.04.2012
und den Spiegel-Journalisten (und nicht nur denen) zur Lektüre empfohlen, weil hier nicht eine zur These verdünnte Schwarz-Weiss Geschichte geliefert wird, sondern positive wie negative Aspekte des ges. Wandels in Indien aufgezeigt werden.
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