Echte und gefühlte Inflation Die Preis-Illusion

Die Inflation ist in Deutschland so niedrig wie selten zuvor. Doch viele Verbraucher sind misstrauisch: Gefühlt steigen die Preise für Produkte wie Milch stärker, als es die Statistik zeigt. Woran liegt das? Und was ist wirklich teurer geworden?

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Teure Milch: Seit 1991 hat sich der Preis um fast die Hälfte erhöht
[M] DPA, SPIEGEL ONLINE

Teure Milch: Seit 1991 hat sich der Preis um fast die Hälfte erhöht


Hamburg - An diesem Donnerstag werden im 36. Stock des Frankfurter Eurotowers 22 Männer und zwei Frauen zusammensitzen und vermutlich leidenschaftlich über die Inflation diskutieren. Alarmierend schwach seien die Preise in der Eurozone zuletzt gestiegen, meinen viele Mitglieder im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB). Einige fürchten sogar sinkende Preise, also eine Deflation. Bei ihrer letzten Sitzung Anfang Juni hatten die Notenbanker deshalb die Zinsen erneut gesenkt. Ob das hilft, um die Wirtschaft anzukurbeln und die Preise wieder stärker steigen zu lassen, ist offen.

Am Inflationsproblem jedenfalls hat sich erst mal nichts geändert. Im Juni lagen die Verbraucherpreise in der Eurozone gerade mal noch 0,5 Prozent über dem Vorjahreswert. In Deutschland betrug der Anstieg zwar ein Prozent - doch auch das liegt deutlich unter dem von der Notenbank angestrebten Ziel von knapp zwei Prozent. In der EZB dürfte also weiter Alarmstimmung herrschen.

Für viele Menschen klingen die Sorgen der Notenbanker wie Hohn. Wenn sie Sonntagsmorgen zum Bäcker kommen und feststellen, dass die Vollkornbrötchen schon wieder zehn Cent teurer geworden sind. Wenn ihre Miete gerade wieder erhöht wurde. Oder wenn sie versuchen, in München, Hamburg oder Frankfurt eine Eigentumswohnung zu kaufen. Sinkende Preise? Hier sind sie ganz weit weg.

Manche wittern gar eine Verschwörung. Werden die offiziellen Inflationszahlen manipuliert, um die Verbraucher zu beruhigen? Das legt zum Beispiel der ehemalige Börsenmakler und populäre Angstmacher Dirk Müller nahe. Er vermutet "eine Menge Tricks", mit der man die Teuerungsrate beeinflussen könne.

Ganz so dramatisch ist es glücklicherweise nicht. Die Experten des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden berechnen den sogenannten Verbraucherpreisindex, und man darf ihnen glauben, dass sie dies mit großem Aufwand und viel Sorgfalt tun. Jeden Monat ermitteln sie dazu rund 300.000 Einzelpreise der gleichen Produkte. Alle fünf Jahre führen sie zudem eine große Einkommens- und Verbrauchsstichprobe bei etwa 60.000 Haushalten durch. (Für Eilige: Wie sich die Preise einzelner Produkte entwickelt haben, sehen Sie hier.)

Kühlschränke sind billiger geworden

Und dennoch gibt es Gründe dafür, dass viele Verbraucher nicht an die offizielle Inflationsrate glauben. "Teilweise ist das eine verzerrte Wahrnehmung", sagt Günther Elbel, zuständiger Referatsleiter beim Statistischen Bundesamt. "Bei Dingen, die man selten braucht, nimmt man auch die Preisentwicklung nicht so intensiv wahr." Das gelte zum Beispiel für Kühlschränke oder Autos. Gerade bei solchen Produkten sind die Preise allerdings nur moderat gestiegen oder sogar gefallen. Ein Laptop etwa kostet laut den Statistikern heute rund ein Drittel weniger als noch 2010, Kühlschränke sind immerhin fünf Prozent billiger geworden, und der Preis von Neuwagen ist in den vergangenen vier Jahren zumindest nahezu gleich geblieben.

Ein Grund für die statistische Verbilligung gerade bei technischen Produkten ist auch die sogenannte Qualitätsbereinigung. Hat ein neuer Laptop einen schnelleren Prozessor oder mehr Speicherplatz als das Vorgängermodell, wird dies von den Statistikern als Preissenkung gewertet, auch wenn der eigentliche Verkaufspreis gleich bleibt. Ähnlich ist es bei Autos, deren Standardausstattung sich verbessert. Sie werden vielleicht nominal teurer, es gibt aber auch mehr Qualität fürs Geld. All das rechnen die Statistiker mit ein - selbst wenn der Kunde nicht die Wahl hat, das Auto wirklich für weniger Euro zu kaufen.

Umgekehrt werden zwar auch Qualitätsverschlechterungen berücksichtigt - also zum Beispiel wenn beim Flugticket kein Essen mehr inklusive ist - allerdings sind die meist schwerer zu erfassen als Verbesserungen. Welche Fluggesellschaft meldet schon gerne freiwillig, dass sie Beinfreiheit für die Passagiere eingeschränkt hat.

Jeder Verbraucher hat seine eigene Inflationsrate

Eine weitere Erklärung für die Abweichung von gefühlter und gemessener Inflation sind unterschiedliche Konsumgewohnheiten. Um die Veränderung der Verbraucherpreise zu erfassen, stellen die Statistiker einen Warenkorb zusammen. Darin sind zum Beispiel Wohnkosten, Lebensmittel, Reisen und Kulturangebote vertreten. Alle fünf Jahre wird die Gewichtung der Produkte angepasst. So hat sich im Laufe der Zeit zum Beispiel der Anteil der Lebensmittel deutlich verringert. Mittlerweile machen sie in dem Rechenmodell nur noch gut zehn Prozent der Ausgaben aus. Ein deutlich größerer Anteil, knapp 32 Prozent, wird dagegen für Miete und Nebenkosten kalkuliert (siehe Grafik).

Wohnung, Verkehr, Lebensmittel: So setzt sich der Warenkorb zusammen
SPIEGEL ONLINE

Wohnung, Verkehr, Lebensmittel: So setzt sich der Warenkorb zusammen

Ganz genau trifft dieser Warenkorb natürlich auf keinen Verbraucher zu. Bei manchen sind die Abweichungen sogar enorm. Wer insgesamt wenig Einkommen zur Verfügung hat, gibt zum Beispiel einen deutlich größeren Anteil seines Geldes für Lebensmittel und deutlich weniger für Reisen, Opernbesuche oder ein neues Auto aus. Entsprechend wird sich seine persönliche Inflationsrate von der durchschnittlichen deutlich unterscheiden. Um einen ungefähren Eindruck zu bekommen, wie stark die Abweichungen sind, kann man auf den Internetseiten des Statistischen Bundesamts seine persönliche Inflationsrate berechnen.

Manche Dinge schließlich fallen bei der offiziellen Inflationsberechnung völlig raus. Dazu gehören zum Beispiel alle Transaktionen zwischen Privatpersonen. Ob das Auto, dass ich gebraucht vom Vorbesitzer kaufe, teurer geworden ist, wird ebenso wenig berücksichtigt, wie der Preis für eine Eigentumswohnung oder ein Einfamilienhaus. Dabei sind gerade die in vielen Regionen zuletzt stark gestiegen.

Welche Produkte haben sich stark verteuert und welche nur schwach? Und wo gingen die Preise vielleicht sogar runter. Die Entwicklung bei den wichtigsten Alltagsprodukten im Überblick.

Brötchen

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Der Preis für frische Brötchen hat sich seit 1991 verdoppelt. Seit 2010 beträgt der Anstieg rund 12 Prozent.

Milch

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Milch hat sich etwa um die Hälfte verteuert. In den vergangenen Jahren hat der Preis stark geschwankt.

Butter

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In mehr als 20 Jahren ist der Butterpreis nur um 30 Prozent gestiegen – im Schnitt also um etwas mehr als ein Prozent pro Jahr.

Bohnenkaffee

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Der Preis für Bohnenkaffee entwickelt sich ebenfalls moderat. Über mehr als 20 Jahre gab es ein Plus von 28 Prozent.

Salat

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Manche Lebensmittel werden sogar billiger. Der Preis für Kopfsalat oder Eisbergsalat hat sich allein seit Ende 2012 fast halbiert.

Zigaretten

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Zigaretten haben sich dagegen so stark verteuert wie kaum ein anderes Produkt - auch wegen gestiegener Steuern.

Superbenzin

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Noch deutlicher nach oben ging der Preis für Superbenzin. Grund sind gestiegene Ölpreise und höhere Steuern.

Heizöl

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Die höheren Rohstoffpreise machen sich auch beim Heizölpreis bemerkbar. Er stieg allein in den vergangenen vier Jahren um rund 20 Prozent.

Strom

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Der Strompreis hat sich seit 1991 ebenfalls mehr als verdoppelt.

Neuwagen

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Ein neuer Pkw kostet dagegen nur knapp ein Drittel mehr als vor 23 Jahren. Hier rechnen die Statistiker die immer besser werdende Ausstattung mit ein.

Mieten

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Wer glaubt, die Mieten seien in Deutschland besonders stark gestiegen, irrt sich. Seit Anfang 2000 beträgt das Plus bei größeren Altbauwohnungen gerade mal 22 Prozent.

Fernseher

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Richtig günstig wurden im Laufe der Zeit Fernseher. Ihr Preis fiel seit 1991 um 87 Prozent. Ähnliches galt in den vergangenen Jahren für Computer.



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WernerT 02.07.2014
1. 30% mehr bedeutet in etwa gleich geblieben
Schönes Beispiel ist der Neuwagen, der trotz Statistiktricks 30% mehr als 1991 kostet, während der Autor des Artikels behauptet der Preis sei "zumindest nahezu gleich geblieben" Vorschlag, stellen Sie einen Lektor ein, der solche Patzer verhindert
hauptsache_dagegen 02.07.2014
2. PCs?
Ja genau... Wenn ein PC gegenüber dem Vorjahresmodell 10% mehr Leistung (laut Benchmark) hat, ist er um 10% billiger? Das ist Unsinn; wer nicht gerade wirklich professionell arbeitet damit, dem dürften Benchmark-Unterschiede unter 20% kaum auffallen.
thelix 02.07.2014
3.
Lange Rede, kurzer Sinn: Dinge, die man nur alle paar Jahre kauft, sind billiger geworden. Dinge, die man täglich kaufen MUSS, um zu leben bzw. ÜBERleben, sind teurer geworden.
timtonic 02.07.2014
4. Warenkorbanalyse
Man kann Warenkorbanalysen auch nach Einkommensgruppen machen. Die Bertelsmann-Stiftung hat das dankenswerter Weise vor etwa 2 Jahren getan - und ist dabei zu genau den Ergebnissen gekommen, die auch dem Gefühl der "normalen" Verbraucher entsprechen: Unausweichliche Ausgaben des täglichen Bedarfs werden rasant teurer; und je niedriger das Einkommen, desto höher die Inflation (des persönlichen Warenkorbs).
boingdil 02.07.2014
5. Qualitätsbereinigung ist irreführend.
Klar ist ein moderner Laptop umgerechnet auf Leistung billiger als früher. Legt man stattdessen einfach den Maßstab "aktueller Stand" an sind sie etwa gleich teuer geblieben. Genauso: nehmt doch einfach einen VW Golf in Basisauststattung. Dann ergibt sich ein realistischer Wert.
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