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03. März 2011, 12:46 Uhr

Inflationssorgen

Steigende Spritpreise bedrohen Konsumboom

Erst die Aufstände in Nordafrika, jetzt der Ärger mit dem Biosprit E10: Der Benzinpreis beunruhigt Konjunkturexperten. Der teure Stopp an der Tankstelle könnte vielen Verbrauchern den Einkaufsbummel verleiden - und damit den gesamten Aufschwung gefährden.

Hamburg - Noch läuft es gut für den deutschen Einzelhandel: Die Unternehmen hätten im Januar real 1,4 Prozent mehr umgesetzt als noch im Dezember, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. Experten hatten nicht einmal halb so viel Wachstum vorausgesagt.

Doch der seit Wochen steigende Ölpreis könnte nach Ansicht von Experten auch den Konsumboom abwürgen. Eine Studie der Großbank Unicredit rechnet laut einem Bericht der Zeitung "Die Welt" damit, dass sich der Preis für ein Barrel der Nordsee-Sorte Brent in diesem Jahr bei 110 Dollar pro Fass stabilisiert. In diesem Fall müsste jeder Haushalt im Schnitt mehr als 200 Euro pro Jahr zusätzlich für Heizung und Benzin ausgeben - einen halben Prozent des verfügbaren Einkommens.

Sollte der Ölpreis auf die Vorkrisen-Höchstmarke von 150 Dollar pro Fass steigen, müssten die Haushalte den Berechnungen zufolge im Schnitt sogar jährlich 500 Euro zusätzlich ausgeben. Die Kaufkraft der Bürger sänke in diesem Fall um mehr als 20 Milliarden Euro. Am Mittwoch kostete ein Fass Rohöl der Sorte Brent 115 Euro.

Auch die Internationale Energie-Agentur (IEA) sieht die wirtschaftliche Erholung durch die steigenden Energiepreise gefährdet. "Europa ist das schwächste Glied in der Kette der weltweiten Erholung", sagte IEA-Chefvolkswirt Fatih Birol am Mittwoch. Halte sich der Ölpreis auf seinem aktuellen Niveau, dann falle die Ölrechnung für Europa noch höher aus als 2008.

Birol sieht die europäische Konjunktur zum einen wegen der Finanzkrise in vielen Ländern, zum anderen wegen der starken Kopplung der Gas- an die Ölpreise gefährdet. "Der Inflationsdruck nimmt zu", sagte er. Das wiederum könne die Notenbanken zu Zinserhöhungen zwingen, was die Konjunktur zusätzlich belasten könne. Auch das boomende Deutschland sei nicht unverwundbar. Drücke der Energiepreisschub auf die Stimmung von Unternehmern und Verbrauchern, werde das nicht ohne Folge bleiben.

Zusätzlich belasten auch die steigenden Preise für Nahrungsmittel die Verbraucher. Die Volkswirte von Unicredit erwarten, dass Lebensmittel in diesem Jahr um vier Prozent teurer werden. Das bedeutet, dass die Verbraucher 5,6 Milliarden Euro zusätzlich für Lebensmittel ausgeben müssen. Insgesamt reduzierten die steigenden Preise für Energie und Lebensmittel die Kaufkraft der Bundesbürger um mehr als 13 Milliarden Euro oder 0,8 Prozent der verfügbaren Einkommen.

Mineralölwirtschaft warnt vor teurem Diesel

Auch bei Diesel droht laut "Bild"-Zeitung ein deutlicher Preisanstieg. Der Abstand zu Superbenzin von derzeit 12 bis 14 Cent könne deutlich schrumpfen, berichtete die Zeitung online unter Berufung auf Berechnungen des Mineralölwirtschaftsverbands (MWV). Derzeit kostet Diesel laut dem Internetportal Clever-Tanken.de im bundesweiten Durchschnitt 1,417 Euro pro Liter.

Der weltweite Konjunkturaufschwung sorgt laut MWV dafür, dass immer mehr Güter per Lastwagen auf der Straße transportiert werden. Gleichzeitig schafften sich immer mehr Autofahrer wegen der hohen Benzinpreise einen Diesel-Pkw an. Das erhöhe die Nachfrage nach Diesel und lasse die Preise steigen. MWV-Chef Klaus Picard sagte: "Diesel kann sogar teurer werden als Super."

Zusätzlich getrieben werden die Spritpreise durch die Kontroverse um den neuen Biosprit E10. Weil dieser von den Verbrauchern bislang kaum angenommen wird, kommt es laut MWV zu Engpässen bei alternativen Sorten wie Super Plus. Nach Informationen des ADAC verkaufen die meisten Tankstellen die vertrauten Kraftstoffe mittlerweile um rund acht Cent teurer als Super E10. Das sei angesichts ähnlicher Produktkosten für die beiden Sorten völlig inakzeptabel.

dab/dpa/dapd/Reuters

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