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Neue Ideen für Gesundheitswesen: Herr Hildebrandt sorgt vor

Von "enorm"-Autor Raphael Thelen

Hilft euch selbst: Gesundheit erhalten statt teuer behandeln Zur Großansicht
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Hilft euch selbst: Gesundheit erhalten statt teuer behandeln

Das deutsche Gesundheitssystem ist oft teuer und unfair. Im Kinzigtal im Schwarzwald versuchen Bürger, Ärzte und Krankenkassen, einen neuen Weg zu gehen. Taugt das Modell als Blaupause für die ganze Republik?

Lautes Lachen schallt durch den Praxisraum. Sechs Frauen mit grauen Haaren stehen sich gegenüber, sportlich in Jogginghosen und bunten T-Shirts. Sie spielen sich Bälle zu. Zielen, Ausholen, Schuss. Geht ein Ball daneben, kichern die Frauen wie junge Mädchen.

Hildegard Frings ist eine der Frauen. Sie kommt jede Woche zu dem einstündigen Osteoporose-Kurs. Ihr Leben lang hat die 76-Jährige körperlich gearbeitet. Erst in der Landwirtschaft, dann in der Zimmerei ihres Mannes, die kürzlich auf den Sohn überging. Sie half beim Aufräumen und Saubermachen. Doch vor 25 Jahren begannen Rückenschmerzen, ihr die Arbeit zu verleiden. Jahrelang war sie in Behandlung und bekam Medikamente. Nichts half.

Seit Frings an dem wöchentlichen Kurs teilnimmt, kann sie ihrem Sohn wieder helfen. Beim Arzt war sie nicht mehr.

Der Kurs ist Teil der Initiative Gesundes Kinzigtal, die hier im Schwarzwald zwischen Offenburg und Schramberg das deutsche Gesundheitssystem auf den Kopf stellt. Der wirtschaftliche Kerngedanke ist simpel und radikal: Eigentlich werden Ärzte dafür bezahlt, Krankheiten zu behandeln. Im Kinzigtal verdienen sie mehr, wenn sie die Gesundheit ihrer Patienten erhalten. Und weil umfassende Präventionsmaßnahmen Krankheiten und somit teure Behandlungen vermeiden, profitieren auch die Krankenkassen.

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Knapp 70.000 Bewohner hat das Kinzigtal, 9600 davon nehmen an der Initiative teil. Wissenschaftliche Studien belegen, dass diese Menschen gesünder sind und länger leben als ihre Nachbarn im Kinzigtal - und im übrigen Deutschland. Seit dem Start von Gesundes Kinzigtal 2005 haben die teilnehmenden Krankenkassen außerdem mehrere Millionen Euro gespart. Und die Ärzte, die mitmachen, haben gut verdient.

Helmut Hildebrandt ist der stille Macher hinter Gesundes Kinzigtal. Als Pharmazie- und Soziologiestudent in Marburg Ende der Siebzigerjahre prägten ihn die Ideale der Umweltbewegung. Es ging darum, durch Prävention spätere Schäden zu vermeiden. Hildebrandt wollte dieses Prinzip auf das Gesundheitssystem übertragen. Seine Ideale überlebten das nur zum Teil.

"Meine Erfahrung hat gezeigt, dass man gegen die Macht des Marktes nicht ankommt", sagt der 60-jährige. Das Geständnis fällt ihm nicht leicht. Gleichzeitig muss er lachen. Denn der Weg, Marktmechanismen zu nutzen, funktioniert. Und Geld verdient er damit auch.

Hildebrandts Auftreten ist unauffällig: grauer Anzug, helle Krawatte. Im Gespräch sucht er Anknüpfungspunkte, erklärt, vermittelt. Nur wenn er die Eckpunkte seiner Vision für das deutsche Gesundheitssystem erklärt, wird seine Stimme bestimmt.

Nach seinem Studium untersuchte Hildebrandt für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Initiativen, die Ärzten finanzielle Anreize gaben, die Gesundheit von Patienten zu erhalten. In Hamburg gründete er die "Werkstatt Gesundheit". Die Frage war: Welche Ressourcen hat eine Gemeinde, um die Gesundheit von Menschen zu stärken? Er fand sie bei Bürgerinitiativen, Sportvereinen und in stabilen sozialen Beziehungen.

1990 gründete Hildebrandt eine Beratungsfirma für Gesundheitsmanagement und war für Ministerien und Krankenhäuser tätig. Er versuchte, seine Vorstellungen von Ganzheitlichkeit, Prävention und Nachhaltigkeit unterzubringen. Doch das kostete erst mal Geld, und in dieser Zeit regierte der Rotstift. Effizienzsteigerung war das Schlagwort damals.

Kosten vermieden statt Leistungen zahlen

Um die Jahrtausendwende wurde Hildebrandt Geschäftsführer eines Krankenhauses in Niedersachsen. Wieder wollte er seine Ideen umsetzen. Doch wieder verwaltete er bloß finanzielles Elend. In der Not fand er jedoch eine Lösung, die ihn später ins Kinzigtal führen sollte.

Das Krankenhaus schrieb rote Zahlen, auch weil der Energieverbrauch zu hoch war. Es fehlte aber Geld für eine Sanierung der Heizungsanlage. Hildebrandt gelang es, mit einem Unternehmen einen Vertrag zu schließen: Für die Sanierung bekam das Unternehmen keine Einmalzahlung, sondern über zehn Jahre einen Teil der eingesparten Energiekosten. Der übrige Teil floss in das Budget des Krankenhauses. Ein Gewinn für beide Seiten.

So fand Hildebrandt sein Modell für ein besseres Gesundheitssystem: Unternehmen werden nicht für ihre Leistungen bezahlt, sondern verdienen daran, zukünftige Kosten vermieden zu haben. Er kündigte den Job im Krankenhaus, verkaufte die Beraterfirma, gründete 2003 die Optimedis GmbH und entwickelte sein Konzept der integrierten Vollversorgung: Prävention, Früherkennung, umfassende Betreuung.

Ein Jahr später lud ihn ein Ärztenetzwerk aus dem Kinzigtal für einen Vortrag zu dem Thema ein. "Ich habe denen gesagt, was ich mir vorstelle. Obwohl meine Idee radikal war, sagten die Ärzte: Passt!"

Es kam der späteren Zusammenarbeit zugute, dass auch viele Mitglieder des Netzwerks Ende der Siebzigerjahre studiert hatten und ähnliche Ideale wie Hildebrandt hochhielten. Sie wollten mehr tun als Spritzen setzen und Krankenscheine schreiben. Sie wollten Zeit für die Patienten haben und Probleme ganzheitlich betrachten.

Das finanzielle Risiko trug die GmbH

Mit dem Ärztenetzwerk gründete Hildebrandt 2005 die Gesundes Kinzigtal GmbH und machte der AOK Baden-Württemberg und der Landwirtschaftlichen Krankenkasse ein Angebot: Falls die GmbH mit ihrer integrierten Vollversorgung die Gesundheit der Menschen verbessern und den Kassen Kosten ersparen sollte, wird ihr ein Teil der Einsparungen ausgezahlt. Die Gesundes Kinzigtal GmbH und die Krankenkassen schlossen einen Vertrag über zehn Jahre.

Hildebrandt hatte die erhoffte gestalterische Freiheit und erhielt von den Krankenkassen Abschlagszahlungen, um seine Vorstellungen umzusetzen. Jetzt musste sich zeigen, ob seine Idee in der Praxis bestehen würde. Das finanzielle Risiko trug die GmbH. Wäre Hildebrandt gescheitert, hätten er und das Ärztenetzwerk Zehntausende Euro an die Krankenkassen zurückzahlen müssen.

Bei der jährlichen Teilnehmerversammlung der Initiative Gesundes Kinzigtal sind knapp 200 Menschen in die Stadthalle Hausach gekommen. Eltern mit ihren Kindern sind da, Jugendliche, Senioren. Hildebrandt sitzt in der ersten Reihe.

Vorne steht eine Trainerin in gelber Sportkleidung. "Ich zeige Ihnen heute, was Life Kinetik ist", ruft sie. "Stehen Sie bitte mal auf." Auf Anweisung der Trainerin fangen die Anwesenden an, eine Acht in die Luft zu zeichnen. "Okay, das war einfach. Und jetzt zeichnen Sie gleichzeitig mit einem Fuß ein Dreieck auf den Boden." Alle versuchen es, kaum jemandem gelingt das. "Okay, das war nicht einfach. Probieren Sie es noch mal." Nach einigen Minuten Üben zeichnen die Hände Achten in die Luft und die Füße Dreiecke.

Besonders erfolgreich: Das Programm gegen Depressionen

"Klasse!", freut sich Hildebrandt. "Wenn 50 von den Leuten an diesen Kursen teilnehmen, dann haben wir in den nächsten fünf Jahren einen echten Gesundheitsnutzen. Und der schlägt sich in verminderten Kosten für die Kassen nieder."

Life Kinetik trainiert das Gehirn und fördert auch die körperliche Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter. Es ist eines der Präventionsprogramme, die Gesundes Kinzigtal eingeführt hat. Die Kosten übernimmt die GmbH, die Krankenkassen zahlen dafür nichts. Der Osteoporose-Kurs von Hildegard Frings gehört dazu, darüber hinaus gibt es weitere Programme gegen Herzprobleme, Übergewicht und depressive Verstimmungen.

Letzteres ist besonders erfolgreich. Jeder teilnehmende Psychotherapeut muss einige Stunden pro Woche für Notfälle freihalten. Stellt ein Hausarzt eine depressive Verstimmung fest, kann der Patient schnell einen Termin beim Experten bekommen, statt wie oft ein halbes Jahr warten zu müssen. Bis zu einem ersten Termin haben sich depressive Verstimmungen oft zu einer handfesten Depression ausgewachsen.

Bundesweit sind die Einlieferungen in Psychiatrien zwischen 2005 und 2009 um 10,9 Prozent gestiegen - im Kinzigtal nur um 1,2 Prozent. "Die frühere Behandlung macht den Unterschied", sagt Wolfgang Stunder, einer der teilnehmenden Hausärzte.

Wenig ausgezahlt, um mehr investieren zu können

Bei der Mitgliederversammlung werden jetzt die Ergebnisse der "Bumerang-Aktion" präsentiert: Jedes Mitglied von Gesundes Kinzigtal erhielt vor einigen Monaten einen Gutschein über zehn Euro, den es für einen regionalen Verein seiner Wahl spenden konnte. Rund 26.000 Euro wurden an 160 Vereine verteilt. Geld, das als Gewinn an Hildebrandt und das Ärztenetzwerk hätte ausgeschüttet werden können. Doch Hildebrandt versteht es als lohnende Investition. Seine Erfahrungen in Hamburg haben ihn überzeugt, dass soziale Beziehungen in Vereinen und Freundschaften positive Faktoren für die Gesundheit sind.

Aber verleitet die Initiative die Ärzte nicht dazu, notwendige Behandlungen zu verweigern, um Kosten zu sparen? Um diesem Einwand zu begegnen, lässt Hildebrandt die Gesundes Kinzigtal GmbH von den Universitäten Freiburg und Köln kontinuierlich evaluieren. Eine Million Euro stellen die AOK und die Landwirtschaftliche Krankenkasse (LKK) dafür zur Verfügung, von Hildebrandt kommen weitere 80.000 Euro. Seit die Evaluierung läuft, geben alle Ergebnisse Hildebrandt recht. "Das Ergebnis ist erstaunlich", sagt Achim Siegel von der Abteilung für Medizinische Soziologie der Universität Freiburg. "Am Anfang war ich skeptisch, doch mittlerweile bin ich von den positiven Ergebnissen der Initiative überzeugt."

Hildebrandt macht kein Geheimnis daraus, dass sich mit dem Konzept auch gutes Geld verdienen lässt. 2013 machte die Gesundes Kinzigtal GmbH einen Gewinn von 850.000 Euro - 200.000 Euro wurden ausgeschüttet: ein Drittel an Hildebrandts Optimedis und zwei Drittel an die Mitglieder des Ärztenetzwerks. "Wir haben bewusst wenig ausgezahlt, um mehr investieren zu können", sagt Hildebrandt.

"In Berlin bräuchte jeder Kiez ein eigens angepasstes Konzept"

Die Krankenkassen sparten 2011 im Vergleich zu den anderen Kassen in Baden-Württemberg exakt 182,01 Euro pro Patient ein. Tendenz steigend. Dass der Vertrag mit der GmbH verlängert wird, gilt als ausgemacht. Die Verhandlungen laufen.

Mittlerweile wächst auf vielen Seiten das Interesse an dem Konzept, nicht nur national. Vertreter von Gesundheitsverbänden, Kliniken und Krankenkassen aus aller Welt informieren sich vor Ort, sogar aus Neuseeland reisen manche an. Auch mehrere deutsche Gesundheitsminister waren schon zu Besuch.

Der aktuelle Referentenentwurf zur Gesundheitsreform soll integrierte Vollversorgungskonzepte begünstigen, ein Innovationsfonds jährlich 300 Millionen Euro dafür zur Verfügung stellen. In Mecklenburg-Vorpommern hat sich eine Enquetekommission damit beschäftigt, ob das Konzept auch dort umsetzbar wäre, etwa im Landkreis Ludwigslust-Parchim.

Hildebrandt hat sich das schon angeschaut. Er hält es für machbar.

Bessere Gesundheit für alle, sinkende Gesundheitskosten, ein lukratives Geschäftsmodell - Gesundes Kinzigtal funktioniert. Nachfolgeprojekte gibt es dennoch nur wenige. "Gesundes Kinzigtal ist als Franchisekonzept grundsätzlich übertragbar", sagt Axel Mühlbacher, Gesundheitsökonom der Uni Neubrandenburg. "Aber etwa in Berlin bräuchte jeder Kiez ein eigens angepasstes Konzept. Und dafür braucht es jeweils einen energischen Manager. Einen wie Hildebrandt."

  • David Sahay
    Raphael Thelen, geboren 1985 in Bonn, lebte von 2011 bis 2014 in Ägypten und dem Libanon. Von dort berichtete er über die arabischen Revolutionen. Seit 2013 beschäftigt er sich mit Flüchtlingsthemen, unter anderem für die "ZEIT", die "Welt" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Er begleitete Syrer auf ihrer Flucht nach Europa, berichtete undercover aus Italiens größtem Flüchtlingslager und beleuchtete die Ausbeutung marokkanischer Arbeiter auf spanischen Biofarmen. Heute schreibt er lieber über Lösungen als über Probleme.
  • www.RaphaelThelen.de
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1. Nein, nein
wo_st 14.05.2015
Nein und nochmals nein, wir wollen uns auf eine Liege legen und der Masseur muss alles in Ordnung bringen. Wo kommen wir denn hin, wenn wir selbst etwas für die Gesundheit tun sollen? Aber, ich habe zwei Bandscheibenvorfälle durch eigene aktiven Sport ohne OP weggemacht.
2.
OskarVernon 14.05.2015
Zitat von wo_stNein und nochmals nein, wir wollen uns auf eine Liege legen und der Masseur muss alles in Ordnung bringen. Wo kommen wir denn hin, wenn wir selbst etwas für die Gesundheit tun sollen? Aber, ich habe zwei Bandscheibenvorfälle durch eigene aktiven Sport ohne OP weggemacht.
Berechtigte Frage - denken Sie die mal zu Ende: Erst kommen solche netten Angebote -die werden nach und nach zu solchen, die man nicht ablehnen kann: Dann wird ausgegrenzt und womöglich bestraft, wer nicht teilnehmen mag oder sich gar aktiv verweigert. Dahinter steht ein Weltbild, in dem Menschen nicht mehr als unmündige Verfügungsmasse sind - womit sich so ziemlich jede Gängelung mitsamt Überwachung und Sanktionierung unerwünschten Verhaltens rechtfertigen lässt: Wollen wir *da* wirklich (wieder!) hinkommen...?
3. Nein, nein
women_1900 14.05.2015
@wo_st ... und ich bin wahrscheinlich noch gesund, weil ich Ärzten dieses "nein,nein,nein" bei einigen "Behandlungsvorschlägen" entgegnete. Verallgemeinerungen sind immerr schlecht. Meine den Ärzten gegenüber und Ihre bezüglich der Mentalität der Leute. Beides aber ist populär.
4. Vorsorge? Nein vorsorgen tun die Arbeitgeber in Deutschland. Die sorgen vor, daß ...
naklar? 14.05.2015
... den Neurologen, den Herzspezialisten, den Psychologen und den Orthopäden die Arbeit nicht ausgeht. Die Kliniken sind voll mit Menschen Ü50, welche den Preis für unsere moderne Arbeitswelt zahlen. Früher gab es Kuren, heute gibt es gleich Reha verbunden mit Wiedereingliederung, Umschulung durch den Rentenversicherer oder Frühverrentung. Aber der Gesundheitsmarkt ist ja ein Markt mit Potential nach oben.
5.
alafesh 14.05.2015
Es ärgert mich, daß banale Gymnastik- und Kochkurse, Yoga etc zunehmend von den KK (also meinen Beiträgen) bezahlt und bezuschußt werden. Daß ich stets das Fahrrad benutze, nützt zwar meiner Gesundheit, wird aber nicht gefördert. Warum auch? Warum aber werden denk-und bewegungsfaule Menschen betüttert wie Grundschulkinder? Binsenweisheiten wie "Eßt mehr Gemüse und Obst und hört auf, wenn ihr satt seid" und "bißchen regelmäßige Bewegung an der frischen Luft" werden teuer in Kursen vermittelt.
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Chronologie der Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.


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