Insider-Affäre: Gefallene Schutzengel

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Aktionärsvereinigungen präsentieren sich gern als Beschützer der Kleinanleger. Doch jetzt stehen frühere Funktionäre der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger vor Gericht - und der Verein schafft es nicht, mit der Affäre angemessen umzugehen. Auf wen können sich Privatinvestoren eigentlich noch verlassen?

Ex-SdK-Vizechef Straub mit Anwältin: Anlegerschützer fürchten um ihren Ruf Zur Großansicht
dapd

Ex-SdK-Vizechef Straub mit Anwältin: Anlegerschützer fürchten um ihren Ruf

Hamburg - Es hätte so ein schönes Jubiläum werden können. Zum zehnten Mal gibt die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) in diesem Jahr ihr "Schwarzbuch Börse" heraus. In den vergangenen Jahren präsentierte der Vorstand auf einer Pressekonferenz stolz seine Sammlung von Negativbeispielen rund um den Wertpapiermarkt und prangerte dubiose Praktiken von Firmen an.

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr fällt die Show aus. Das Erscheinen ihres neuesten Schwarzbuchs vermelden die Aktionärsschützer lediglich mit einem kurzen Hinweis auf der SdK-Website.

Kein Wunder, eine Pressekonferenz wäre unangenehm geworden. "Chaotisches Krisenmanagement" hat die SdK ein Kapitel in ihrem aktuellen Schwarzbuch überschrieben. In dem Artikel wird der Kurs der Politiker in der Schuldenkrise angeprangert, doch die Überschrift passt auch zum Zustand der SdK selbst.

Seit 2008 bereits schwelt die Affäre um eine Clique von Aktionärsschützern und Finanzjournalisten. Zwei ehemalige Funktionäre der SdK stehen inzwischen wegen des Vorwurfs der Marktmanipulation und des Insiderhandels vor Gericht. Beide sitzen seit Herbst 2010 in Untersuchungshaft.

Der ehemalige Vizechef steht vor Gericht

Der frühere SdK-Vizechef Markus Straub soll an der Börse auf fallende Kurse eines Unternehmens spekuliert haben, vor dem die Schutzgemeinschaft gewarnt hatte - und kräftig daran verdient haben. 2008 schied er bei der SdK aus. Straub beteuerte vor Gericht, er habe keine Anleger geschädigt oder getäuscht, sondern sie geschützt. "Ich kann nichts gestehen. Ich bin unschuldig", sagte er.

Angeklagt ist auch Tobias Bosler. Er trat in den Jahren 2000 bis 2002 als SdK-Sprecher auf Hauptversammlungen auf. Der Finanzinvestor soll zusammen mit Kumpanen durch gezielte Veröffentlichungen in Börsenbriefen Anleger zum Kauf oder Verkauf von Aktien bewegt haben. Damit, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, habe die Clique Aktienkurse nach oben oder unten getrieben, um mit zuvor getätigten Käufen oder Leerverkäufen hohe Gewinne zu erzielen.

Ein anderer früherer SdK-Sprecher ist in der Affäre bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Christoph Öfele hatte seine Insidergeschäfte gestanden. Öfele war als Sachverständiger für geschädigte Kapitalanleger tätig und prangerte auf der Website Anlageschutzarchiv.de unseriöse Kapitalanlageprodukte an.

Mit Politikern und Firmen gehen die Aktionärsschützer in ihrem aktuellen Schwarzbuch ausführlich ins Gericht, doch ihren eigenen Problemen widmen sie gerade mal eine Seite. In der Stellungnahme kritisieren die Aktionärsschützer, dass in den Medien von der "SdK-Affäre" die Rede ist. Über die SdK werde "teilweise unzutreffend" berichtet, beklagt der Verein.

Die Glaubwürdigkeit steht in Frage

Die Distanzierungsversuche der amtierenden SdK-Spitze wirken hilflos. "Das ist ein klarer Fall von Fehlverhalten einzelner Personen", sagt Pressesprecher Lars Labryga. Doch für die SdK kommt allein der Verdacht gegen die ehemaligen Mitarbeiter einem Desaster gleich. Der Verein wurde 1959 gegründet, um die Rechte von Kleinanlegern zu schützen. Er reklamiert für sich, Aktionäre zu beraten und vor Abzocke zu schützen. Dass nun ausgerechnet frühere SdK-Funktionäre vertrauensselige Anleger für eigene Zwecke eingespannt haben sollen, stellt die Glaubwürdigkeit des Vereins in Frage. Und es stellt sich die Frage, wer überhaupt noch wirksam für die Rechte der Kleinanleger eintritt.

"Es gibt keine wirklich starke Organisation für Aktionäre. Das ist und war immer zersplittert", sagt Jochen Knoesel. Er ist Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Aktionärsdemokratie (VFA). Eine Organisation mit rund hundert Mitgliedern - die SdK hat 12.000. Ein "System SdK" zur persönlichen Bereicherung sehe er zwar nicht, sagt Knoesel. "Das sind Einzelfälle." Aber man könne dem Verein vorwerfen, dass er zu wenig Sicherungssysteme installiert habe. "Sich als Kleinanleger einer Aktionärsvereinigung anzuschließen ist besser, als alleine dazustehen", sagt Knoesel. "Aber man sollte immer eine gesunde Skepsis behalten. Das trägt zur Kontrolle bei."

"Ein ähnlich soziales Moment wie im Schrebergartenverein"

Die SdK ist nach der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) das zweitstärkste Aktionärsbündnis in der Bundesrepublik. Beide Vereine bieten ihren Mitgliedern umfassende Rechtsberatung und führen auch Musterprozesse, etwa wenn es um Schadensersatz oder Haftungsansprüche geht.

Wirtschaftsrecht-Experte Ulrich Noack von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sieht Vereine wie SdK und DSW vor allem als Clubs von Gleichgesinnten. "Es ist ein ähnlich soziales Moment wie im Schrebergartenverein mit Rundschreiben und Tagungen." Im Gegensatz zu Einzelanlegern werde die Stimme der Aktionärsschützer aber von den Unternehmen gehört.

Beim Konkurrenzverein DSW herrscht keine Schadenfreude über die Probleme bei der SdK. Die Affäre um die früheren SdK-Funktionäre sieht DSW-Vizepräsidentin Daniela Bergdolt mit Sorge: "Das schadet der gesamten Branche. In der Öffentlichkeit werden Aktionärsschützer leider oft in einen Topf geworfen."

Auch bei der DSW sehen Kritiker Schwachstellen. Sie halten dem Verein vor, dass einige seiner Verantwortlichen Aufsichtsratmandate innehaben - und durch die damit einhergehenden Vergütungen ihre Unabhängigkeit gefährden würden. Die DSW argumentiert, man vertrete in den Kontrollgremien strikt die Interessen der Privatanleger. Seit der Gründung 1947 habe es keine Vorwürfe wegen Insiderhandel oder Marktmanipulation gegeben, betont die DSW.

Der Verein mit 25.000 Mitgliedern besitzt seit vielen Jahren Compliance-Richtlinien für seine Sprecher. Sie dürfen keine Insiderinformationen nutzen und nicht auf Hauptversammlungen von Unternehmen sprechen, von denen sie Aktien halten. "Wir vertreten auf den Hauptversammlungen nur die Stimmrechte der einzelnen Anleger", sagt Bergdolt. Anders als die SdK hat die DSW auch kein Vereinsvermögen in Aktien angelegt. Die SdK dagegen hält ein Aktiendepot. Der Wert liegt im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Dass sei nötig, um bei Hauptversammlungen auftreten zu dürfen, heißt es.

Geld vom Staat gibt es für DSW und SdK nicht. Sie müssen sich auf eigene Faust finanzieren, etwa über Mitgliedsbeiträge. Um die Kosten gering zu halten, setzt die SdK auf ehrenamtliche Mitarbeiter. "Wir sind froh, dass wir sie haben", sagt SdK-Sprecher Lars Labryga.

Wieder steht ein SdK-Funktionär unter Verdacht

Doch die Ehrenamtlichen bedeuten auch ein Risiko, wie der Fall Harald Petersen zeigt. Er saß bis vor kurzem noch im Vorstand des Vereins. Wie schwer sich die SdK mit einer konsequenten Haltung in der Manipulationsaffäre tut, zeigt sich an seinem Beispiel besonders deutlich.

Noch im vergangenen Jahr inszenierte Petersen sich als Aufklärer und verkündete, die ehrenamtlichen SdK-Sprecher auf Hauptversammlungen müssten bei Verstößen gegen Compliance-Regeln künftig mindestens 10.000 Euro Vertragsstrafe zahlen. Zugleich tritt Petersen als Strafverteidiger im Prozess gegen seinen früheren SdK-Kollegen Straub auf.

Im Januar zog sich Petersen aus der Führung des Aktionärsvereins zurück. Er wolle jeglichen Anschein eines Interessenskonflikts vermeiden, hieß es. Nur wenige Tage später wurde dann bekannt, dass die Staatsanwaltschaft gegen Petersen ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Marktmanipulation in Mittäterschaft eingeleitet hat. In der SdK-Führung heißt es, man habe von diesem Verfahren erst aus den Medien erfahren.

Das Muster ist klar: Immer wieder versucht die SdK-Spitze, die Fehltritte ihrer ehemaligen Funktionäre als Einzelfälle darzustellen. Doch ohne ihre eigenen Strukturen kritisch zu hinterfragen, wird sie SdK in Zukunft kaum noch die Interessen der Kleinanleger glaubwürdig vertreten können. Für die Aktionärskultur in Deutschland wäre das ein Verlust.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Auf niemanden!
irgendwer_bln 21.02.2012
Zitat von sysopAktionärsvereinigungen präsentieren sich gern als Beschützer der Kleinanleger. Doch jetzt stehen frühere Funktionäre der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger vor Gericht - und der Verein schafft es nicht, mit der Affäre angemessen umzugehen. Auf wen können sich Privatinvestoren eigentlich noch verlassen? Insider-Affäre: Gefallene Schutzengel - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,814380,00.html)
Erst wenn die 'großen Nummern' an der Börse ihrer Gier freien Lauf lassen können, werden die Privatinvestoren und Kleinanleger begreifen, dass man sich von dem Parkett besser fern hält. Aber dann wird dem Finanzmarkt ein Stück Macht genommmen. Wirtschaft und Politik gehen Hand in Hand in die Verdrossenheit. Wir sind auf einem guten Weg!
2. Das menschliche Problem
pepe_sargnagel 21.02.2012
Zitat von irgendwer_blnWirtschaft und Politik gehen Hand in Hand in die Verdrossenheit.
Ich denke, dass man hier schon auch etwas objektiver ran gehen könnte. Wären Sie ein Teil der Wirtschaft oder der Politik, die von den Umständen profitiert, dann würden Sie anders schreiben. Das Problem ist eine menschliche Schwäche: Man will immer mehr, auch wenn man es nicht braucht und/oder es einem anderen wegnehmen muss. Damit will ich niemanden verteidigen, der das tut! Es müssen zwei wichtige Grundregeln wieder verbindlich werden: 1. Eigentum verpflichtet. 2. Die eigene Freiheit endet dort,wo sie den anderen einengt. Mit diesen beiden einfachsten Regeln könnte man wenigstens den gröbsten "Skandalen" Vorschub leisten. Allerdings ist halt ohne zugehörige Strafen auch derjenige, der sich an die Regeln hält benachteiligt, wenn andere sich ungestraft nicht an die Regeln halten können. Das menschliche Problem greift nämlich gleich wieder zu - man will ja immer mehr haben! Es muss ein wahrhaft neuer Geist mit Ächtung von Übertretungen obiger Grundregeln her und Achtung vor Leistung! Derjenige, der nämlich keinen anderen einengt, sondern seinen Reichtum auch durch harte Arbeit verdient hat ihn sich auch redlich verdient! Solange das aber hinterfragt werden kann ist der Neid und die Missgunst omnipräsent.
3. klassisches dilemma
maximixa 21.02.2012
Zitat von sysopAktionärsvereinigungen präsentieren sich gern als Beschützer der Kleinanleger. Doch jetzt stehen frühere Funktionäre der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger vor Gericht... Auf wen können sich Privatinvestoren eigentlich noch verlassen?
ja, wer kontrolliert die kontrolleure der kontrolleure der kontrolleure? - im zweifel sie sich selbst und damit haben wir die unauflösbare zwickmühle. ach nein, da ist ja noch das bollwerk der vierten gewalt, die sogenannte zeitung, die absolut unbestechliche und lügenfreie... ;-)
4. Ohne Bedeutung
PRhodan 21.02.2012
Der sog. Kleinanleger spielt in Deutschland überhaupt keine Rolle mehr. Zwei Drittel der DAX-Aktien befinden sich im Besitz ausländischer Institutioneller. Die Schutzengel - besser Schutzteufel - sind vollkommen überflüssig.
5. Transparenz
rob25 22.02.2012
Für mich sollte das Thema Transparenz in den Vordergrund rücken. Der Kleininvestor kann sich leider auf niemanden mehr verlassen, außer auf sich selber. Das Vertrauen in die Banken und jetzt wohl auch in die Kontrollorgane scheint endgültig verloren gegangen zu sein. Während die großen Banken den Trend verschlafen gibt es aber auch am Aktienmarkt erfreuliches zum Thema Transparenz. Mir persönlich gefallen die Internetseiten der Fidor Bank sehr gut. Mein Favorit zum Thema Transparenz bleibt aber die Seite Aktien, Empfehlungen und Aktientipps - sharewise (http://www.sharewise.com) da hier jeder - ob Kleinanleger oder Analyst an seinem Erfolg gemessen wird und jede Empfehlung ausgewertet wird. Hoffen wir, dass sich die großen Banken diesem Thema zumindest nicht ganz entziehen werden und endlich offen und ehrlich Ihre Geschäfte bzw. Geschäftsmodelle offen legen
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