Job-Portal für Rentner: Suche Arbeit, biete Können, will viel Kohle
Die Enkel hüten und Rasen mähen? Das war gestern! Auf der Online-Plattform Rent a Rentner bietet eine äußerst selbstbewusste Ruheständler-Generation ihre Dienste an. Viele lassen keinen Zweifel: Sie wollen Cash sehen.
Hamburg - Beatrice Hesse-von Witzleben könnte mit gutem Gewissen faul sein. Sie ist 67 - im besten Rentenalter. Aber von Witzleben denkt nicht an Faulenzen. "Peer Steinbrück ist 65 und fängt jetzt noch mal so richtig an", sagt sie. Auch die Journalistin will zeigen, was noch in ihr steckt. Also heuerte sie bei Rent a Rentner an.
Das Internetportal ging im August an den Start. Ruheständler können sich dort für Jobs anbieten. Von Witzleben registrierte sich als eine der ersten. "Kultur, Kunst, Reisen, Textchefin. Sicher im Texten, Redigieren, Korrektur lesen", steht in ihrem Profil. Sie könnte sich zum Beispiel vorstellen, die Macher einer Stadtteil-Zeitung zu unterstützen. Aber bisher hat sich niemand gemeldet. Von ihrem Stundenlohn zwischen 30 und 80 Euro möchte von Witzleben dennoch nicht abrücken.
Auf lokaler und regionaler Ebene gibt es in Deutschland bereits zahlreiche Vereine, in denen Senioren kostenlos oder gegen einen kleinen Betrag als Ersatz-Omas oder als Gartenhelfer einspringen. Doch für Beatrice Hesse-von Witzleben kommt das nicht in Frage: "In Deutschland herrscht oft die Meinung: Ein Alter kann ja ein Ehrenamt machen", sagt sie. Auch von Witzleben hat bereits ein Ehrenamt - in einem Museum. Bei Rent a Rentner will sie nun an ihren erlernten Beruf anknüpfen - und stolze Stundensätze verlangen. Auf das Geld sei sie zwar nicht angewiesen, sagt sie. Aber gute Arbeit koste eben.
Geht es den modernen Rentnern also darum, möglichst viel zu verdienen? "Die Menschen sind nicht materialistischer, sondern es geht ihnen um Anerkennung. Und Anerkennung bedeutet eben auch, bezahlt zu werden", sagt Arbeitsmarktforscher Martin Brussig vom Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.
Bei einer Befragung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung unter angehenden Rentnern, sagte fast die Hälfte, sie wollten weiterarbeiten. Dabei gaben 54 Prozent an, es gehe ihnen darum, Anerkennung zu erlangen. "Dieses Motiv wird oft unterschätzt", sagt Brussig.
Die Idee zu Rent a Rentner kam zwei jungen Gründern
Als der Vater von Jonas Reese in Ruhestand ging, stellte er sich die Frage, was er nun mit seiner Freiheit anfangen solle. Und brachte damit seinen Sohn auf die Idee zu dem Portal Rent a Rentner. Zusammen mit seinem Kompagnon Lutz Nocinski hat Reese die deutsche Seite an den Start gebracht. Knapp 2000 Leute haben sich bisher registriert, sagt der 33-Jährige.
Die Profile sind kostenlos, auch die Auftraggeber müssen nichts bezahlen. Um den Ruheständlern die Sorge vor allzu viel Offenheit zu nehmen, müssen sie neben ihren angebotenen Tätigkeiten nur ihren Namen und die Postleitzahl angeben. Fotos sind möglich, aber kein Muss.
Reese und Nocinski haben einen vierstelligen Betrag investiert. "Bisher machen wir das vor allem aus Freude und aus dem Glauben daran, dass die Idee funktioniert", sagt Reese. Er selbst verdient sein Geld als Journalist, sein Partner als IT-Berater. Es gebe aber Überlegungen, ob man etwa durch Werbung oder Sponsoren die Kosten decken könnte. Für die Rentner soll die Seite aber kostenlos bleiben.
Einen Überblick darüber, wie viele Jobs über Rent a Rentner bisher vermittelt wurden, habe er nicht, sagt Reese. "Wir treten nicht als Vermittler auf. Die Leute tauschen die Infos untereinander aus." Auch Haftungsfragen müssen sie untereinander klären.
Er habe aber bereits viel positives Feedback bekommen, sagt Reese. Aus solchen Mails leitet er auch die Motivation der Ruheständler ab. "Ich glaube, nicht Geld steht bei den meisten im Vordergrund, sondern sozialer Kontakt und das Gefühl, gebraucht zu werden." Manche freuten sich schon, wenn sie nach der Arbeit zum Essen eingeladen werden.
Wenn er sich da mal nicht täuscht! Viele der Rentner treten sehr selbstbewusst auf - und lassen keinen Zweifel, dass es ihnen nicht um eine warme Mahlzeit geht. Auch Rolf Seibold hofft langfristig auf gute Honorare.
Neustart mit 61 Jahren
Seit 43 Jahren ist der gelernte Bankkaufmann in der Finanzbranche tätig. Er war Filialleiter einer Bank, arbeitete als Investmentbanker und kümmerte sich in der Schweiz um wohlhabende Kunden. Mit 61 Jahren fängt er nun noch einmal von vorne an. Seibold will sich als unabhängiger Finanzberater selbständig machen. Der Markt sei da: Euro-Krise, marode Banken und Abzocke verunsichern die Kunden.
"Ich möchte unabhängig beraten und keine Produkte verkaufen", sagt Seibold. Er tastet sich vorsichtig an seine Kundschaft heran. "Einer Dame habe ich am Wochenende kostenlos per E-Mail Fragen zum Versicherungstarif für ihre Kinder beantwortet", berichtet er. Einem anderen Interessenten habe er etwas über Aktiengeschäfte erklärt - ebenfalls unentgeltlich. "Aber die Leute können mit ihren Fragen testen, was ich draufhabe."
Ein Ehepaar habe ihn inzwischen zu sich eingeladen, um mal die Finanzen durchzuschauen. "Das ist dann schon richtig Arbeit und da wird man dann auch über ein Honorar reden", sagt Seibold. Er will Kunden auch anbieten, ihnen bei Beratungsterminen bei der Bank zur Seite zu stehen.
Seibold hofft, dass Menschen über das Rentner-Portal Vertrauen zu ihm fassen. Gerade als älterer Berater habe er vielleicht sogar einen Vertrauensvorschuss, hofft er. "Begriffe wie 'Silberrücken' für uns Ältere sind ja eher positiv belegt." Der Banker überlegt sogar, ein eigenes Blog für seine Finanzberatung zu gründen, um Kunden zu akquirieren. "Es wäre nicht uninteressant, davon leben zu können."
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