Mieten, Strompreise, Krankenversicherung Was in den Jamaika-Jahren auf Sie zukommt

Für Verbraucher dürfte sich in den kommenden Jahren einiges verbessern - etwa bei Flugreisen, Sammelklagen oder Girokonten. Doch was genau kommt, hängt auch vor der Politik der nächsten Regierung ab.

DPA

Eine Kolumne von


Ob Jamaika oder nicht: Nach der Wahl wird die künftige Regierung Entscheidungen fällen müssen, die sich deutlich auf Ihren Geldbeutel auswirken. Die anstehenden Verhandlungen von CDU, FDP, Grünen und CSU werden dabei sogar sicher spannender als sonst üblich. Mietpreisbremse, Strompreise oder Umgang mit dem Diesel - die Vorstellungen liegen oft meilenweit auseinander.

Deshalb habe ich zusammengestellt, wo Sie profitieren können, wo Sie sich wehren sollten und wie das geht.

Hier also die neun wichtigsten Themen, die jetzt auf Sie zukommen:

  • Steigende Mieten: SPD, die Grünen und die Linken wollen die Mietpreisbremse verschärfen, Union und FDP halten sie für gescheitert. Kein Selbstläufer also in einer künftigen Koalition. Das Problem steigender Mietpreise verflüchtigt sich aber nicht. Und nur mit mehr Neubauten werden die Regierenden die Entwicklung nicht bekämpfen können - schon weil auch die Grundstückspreise in den besonders betroffenen Metropolen massiv anziehen. Was also muss sich ändern, um die Bremse zu retten? Vermieter sollten die Miethöhe des Vormieters obligatorisch bekannt geben müssen, sonst wird dem Nachmieter eine unnötige Beweislast aufgebürdet. Und Verstöße gegen die Mietpreisbremse sollten bestraft werden. Ein Tempolimit ohne Knöllchen wirkt ja auch nicht. Ob es zur Nachbesserung kommt, steht in den Sternen. Nutzen Sie bis dahin Dienstleister wie wenigermiete.de, um als Neumieter zu Ihrem Recht zu kommen.
  • Ohnmacht vor Gericht: Noch sind die Verbraucher vor Gericht meist auf sich allein gestellt. Doch die Sammelklage wird kommen: Die Möglichkeit, als Verband für viele Betroffene zu klagen oder als Gruppe von Betroffenen gemeinsam vor Gericht zu ziehen. Da waren sich Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz vor der Wahl sogar einig. Schließlich kann es nicht sein, dass Unternehmen mit illegalen Geschäftspraktiken durchkommen, nur weil es sich für den einzelnen Kunden nicht lohnt, sich zu wehren. Solche Praktiken kosten die Kunden insgesamt viel Geld und verschaffen dem gesetzesbrüchigen Unternehmen auch noch einen unfairen Wettbewerbsvorteil. Strittig ist allein die Ausgestaltung: Ob es bei einer reinen Musterfeststellungsklage durch Verbände bleibt, oder sich am Ende tatsächlich Verbraucher frei zur Sammelklage zusammenschließen können, wird man sehen.
  • Steigende Strompreise: An der sogenannten EEG-Umlage wird gefeilt werden. Bislang bezahlen vor allem die Privatkunden für die Energiewende, während mehr als 2000 energieintensive Unternehmen von bayerischen Hähnchenschlachtereien über Bierbrauereien wie Gilde in Hannover bis zur Kaffeeabfüllung von Tschibo in Berlin von der Umlage befreit sind. Das geht sicher nicht so weiter. Aber bis die neue Regierung sich da einigt und der Strom für Familien und Singles dadurch billiger wird, wechseln Sie lieber den Stromanbieter. Das spart schon jetzt Hunderte Euro.
  • Dreckige Diesel: Die neuen sauberen Diesel lassen auf sich warten, musste jüngst das Kraftfahrtbundesamt feststellen. Mit Jamaika hätte man nun alle Meinungen zum Skandal in einer Koalition: Von den Vertuschern der CSU (Dobrindt) über die sanfte Verärgerung der Kanzlerin, den Wunsch nach Kundengerechtigkeit (FDP) bis hin zur grünem Vision von einem schnellen Ende des Verbrennungsmotors. Also kaufen Sie als Kunde bitte vorläufig keinen Diesel. Falls Sie über ein Solardach verfügen, wäre ein Plug-in-Hybrid sicher interessant. Installieren Sie dann eine kleine Ladesäule in der Garage. Dann können Sie den überschüssigen Strom regelmäßig und vernünftig nutzen.
  • Ungültige Flugtickets: Fluglinien, die mit Vorkasse Tickets an die Fluggäste verkaufen, sollten künftig diese Tickets auch versichern müssen. Das fordern Reisebüros zwar schon seit der Jahrtausendwende. Aber jetzt ist ein Großschaden bei Air Berlin eingetreten und offenbar ein dauerhafter Ausfall bei Ryanair. Vorkasse ist dabei immer Mist für Kunden, das haben schon die Skandale von Teldafax und Flexstrom bewiesen. Jetzt zeigt die Pleite von Air Berlin, dass Tausende Kunden auf den Kosten für teuer bezahlte Flüge nach Florida oder in die Karibik sitzen bleiben. Wieder gilt: Vermutlich wird die Politik das Problem jetzt endlich angehen. Doch bis dahin müssen Sie selbst um das Geld für den stornierten Flug kämpfen - und um die entsprechende Entschädigung.Oder Sie lassen das einen der Fluggasthelfer für sich machen.
  • Vergleichbare Girokonten: Irgendwann im Laufe der kommenden Legislaturperiode muss endlich die Liste mit dem ultimativen staatlich gesponserten Preisvergleich von Girokontokosten kommen. Den hat die EU jedem Mitgliedsland in der Zahlungsdienste-Richtlinie vorgeschrieben. Das ist sicher ein besonders guter Anlass, noch mal die Preise für das eigene Konto mit dem bei Konkurrenzbanken zu vergleichen.
  • Steigende Zinsen: Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, geht in der kommenden Legislaturperiode in den Ruhestand. Nicht nur deshalb kann es gut sein, dass die Zinsen in den Jahren nach der Wahl dann doch wieder ein bisschen steigen. Wenn sie noch an Ihrer Baufinanzierung abbezahlen und bald eine Anschlussfinanzierung brauchen, dann nutzen Sie doch die Chance auf ein günstiges Forward-Darlehen .
  • Wacklige Rente: Bis 2020 werden die Parteien auch noch einmal an die private Altersvorsorge rangehen. Das ist eines der großen Versprechen der Union. Allerdings sind die Antreiber von SPD und Linken nicht in Regierungsnähe. Warten Sie also besser nicht lange ab: Staatliche Förderung gibt es schließlich für jedes Jahr mit Sparanstrengung. Und bei Riester zum Beispiel müssen die Anbieter unabhängig von der weiteren politischen Entwicklung sicherstellen, dass mindestens das Gesparte und die staatliche Förderung zu Rentenbeginn zur Verfügung stehen. Schon diese Förderrendite ist höher als alles, was Sie aktuell mit sicheren, aber ungeförderten Sparprodukten erreichen können. Falls irgendwann etwas Besseres kommt, können Sie das heute Gute immer noch gegen das dann Bessere austauschen.
  • Gemeinsame Krankenversicherung: Bei der privaten Krankenversicherung gibt es Bewegung. Der Stadtstaat Hamburg hat vor Kurzen erstmals Regelungen geschaffen, die es auch für manche Beamte finanziell vernünftig erscheinen lassen, sich gesetzlich zu versichern. Aktuell ist für die meisten Beamten die private Vollversicherung immer noch wirtschaftlich alternativlos. Aber alle anderen müssen in den kommenden Jahren noch schärfer kalkulieren, ob sie gute Verträge mit hohen Leistungen auch im Alter noch zahlen können. Denn nur um die kann es gehen. Wer Zweifel hat, sollte bis zum 55. Geburtstag den Rückweg in die gesetzliche Krankenversicherung antreten.
Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.


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Seite 1
mundusvultdecipi 30.09.2017
1. Entschuldigen Sie Herr Tenhagen..
..aber bzgl.des EEG schreiben Sie Unsinn.Als wenn die Wirtschaftliberalen die Befreigungen von energieintensiven Betrieben von der EEg Umlage abschaffenh würden.Die Union und FDP werden darauf drängen das gesamte EEG abzuschaffen(in seiner jetzigen Form)Wen die Grünen das mit machen,werden sie in der Versenkung verschwinden.
Lebonk 30.09.2017
2.
Statt der Mietpreisbremse, die das Vertragsrecht einschränkt und Schnüffeleien ( verheriger Mietpreis) gängelnd vorschreiben soll, sollte über die Einschränkung der Nebenkosten gesprochen werden : Grundsteuer, Müllentsorgungskosten, Wasser etc. und vor allem Stromkosten als Folge einer gescheiterten überstürzten Engeriewende gesprochen werden. Die Mietpreisbremse ist ein ordnungspolitischer Fehltritt, die Strompreisbremse wäre die richtige Entscheidung.
Ökofred 30.09.2017
3. Eeg
Zitat von mundusvultdecipi..aber bzgl.des EEG schreiben Sie Unsinn.Als wenn die Wirtschaftliberalen die Befreigungen von energieintensiven Betrieben von der EEg Umlage abschaffenh würden.Die Union und FDP werden darauf drängen das gesamte EEG abzuschaffen(in seiner jetzigen Form)Wen die Grünen das mit machen,werden sie in der Versenkung verschwinden.
Das EEG abschaffen ist beihnahe unmöglich, denn das wäre ja nur rückwirkend "sinnvoll" (eigentlich auch das nicht) - aber rückwirkend geht das ja so wie so nicht. Aber hier ist auch eine Chance für FDP/GrÜNE. Der Strompreis finanziert haufenweise merkwürdige Steuern und "Umlagen", die EEG Umlage macht davon ja nur 25% aus! Die FDP hat schon angedeutet, dass sie lieber die CO2 Zertifikate verteuert, das würde die sinnlose Kohleverstromung begrenzen und die EEG Umlage reduzieren. An weitere Kosten im Strompreis muss man gemeinsam die Axt legen.
halbstark 30.09.2017
4.
Zitat von mundusvultdecipi..aber bzgl.des EEG schreiben Sie Unsinn.Als wenn die Wirtschaftliberalen die Befreigungen von energieintensiven Betrieben von der EEg Umlage abschaffenh würden.Die Union und FDP werden darauf drängen das gesamte EEG abzuschaffen(in seiner jetzigen Form)Wen die Grünen das mit machen,werden sie in der Versenkung verschwinden.
Die Grünen glauben zum einen, das Deutschland Einfluss auf das Welt(!)klima habe. Außerdem glauben sie, dass Umweltretterei nur dann geht, wenn man Autofahrer gängelt und der Bürger möglichst viel Geld bezahlt. Dank Atomausstieg ist der CO2 Ausstoß übrigens massiv gestiegen, der Zufallsstrom aus Wind und Sonne ist nun mal nicht grundlastfähig, also müssen Kohlekraftwerke den Job machen. So viel zum Thema EEG.
ansv 30.09.2017
5. Marktwirtschaft für Anfänger
Warum sollte man dem Wohnunsmarkt nicht mit Neubauten begegnen können? Weil es für die Regierenden so herrlich bequem ist? Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, immer und überall. Und wenn man Entwicklungen so lange verschlafen hat, genügt es einfach nicht mehr, mit dem Finger auf andere vermeintlich Verantwortl
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