Kampf gegen Etikettenschwindel Die neue Macht der Verbraucher

Die Lebensmittelindustrie gerät unter Druck: Verbraucherschützer organisieren im Internet den geballten Protest gegen Werbelügen und Etikettenschwindel. Totschweigen geht nicht mehr - die Hersteller suchen nach einer neuen Strategie.

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Hamburg - Danone versucht es jetzt mit Humor: Der Joghurthersteller hat die Web-Seite " Ausgelöffelt.de" gestartet. Und will so seinen Hauptkritiker mit den eigenen Waffen schlagen. Denn Design und Schriftbild kopiert Danone von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Oder besser gesagt: deren Kampagnenseite "Abgespeist.de".

Auf der Foodwatch-Klonseite verteidigen Danones PR-Leute ihren Joghurt Activia, preisen ihn "als schmackhaften Bestandteil einer gesunden Ernährung" und versuchen, die Kritik der Verbraucherschützer zu kontern: "Wir stehen zu unserer Mission." Gemeint ist damit das selbstgesetzte Ziel, gesunde Produkte anzubieten.

Der Hintergrund: Foodwatch wirft Danone vor, mit Activia die "fast perfekte Werbelüge" geschaffen zu haben. Der Joghurt sei für die Verdauung nicht besser als Backpflaumen oder ein Spaziergang - werde aber in der Werbung wie ein Wundermittel angepriesen. Bereits zum zweiten Mal ist Danone für die Wahl zur dreistesten Werbelüge nominiert. Vor zwei Jahren kürte Foodwatch den Trinkjoghurt Actimel zum "Goldenen Windbeutel".

Dass Danone nun öffentlich zurückschlägt, zeigt: Die Zeiten, in denen Lebensmittelhersteller ihre Kritiker ignorieren konnten, sind vorbei. Verbraucherschützer befeuern und koordinieren den Protest im Internet. Zehntausende Nutzer beteiligen sich, schicken den Hersteller Protestmails und melden den Organisationen neue Tricks.

Und der Industrie droht schon neuer Ärger: Die Verbraucherzentralen starten im Juli das Portal "Klarheit und Wahrheit" - mit der Unterstützung von CSU-Ministerin Ilse Aigner. Auch auf dieser Web-Seite sollen Werbetricks und Etikettenschwindel Thema sein. Und das sogar, wenn die Firmen nicht gegen das Gesetz verstoßen, sondern im Graubereich tricksen.

Hersteller versprechen, Produkte zu ändern

Schon jetzt, sechs Wochen bevor das Portal online geht, spürt der Projektleiter Hartmut König, wie viel Angst die Hersteller haben. "Wir haben einige Firmen bereits mit Beschwerden konfrontiert - und gleich mehrfach wurde versprochen, das Produkt oder die Verpackung zu ändern."

Dabei ging es laut König um:

  • Frischmilchprodukte, bei denen die Kennzeichnung unverständlich war. So bestand ein Käse laut Hersteller "zu 100 Prozent aus Ziegenkäse". Direkt unter diesem Versprechen gab es allerdings den Hinweis: "In diesem Betrieb wird Kuhmilch verarbeitet".
  • Schokolade, bei denen die Verpackung einen falschen Eindruck vermittelte. So wurde damit geworben, das Produkt enthalte Früchte, es waren aber nur Fruchtaromen.
  • Kaffee, der einen Zuckerersatz enthielt, die Verpackung dies aber nicht ausreichend kenntlich machte. Weil kaum jemand erwartet, dass Kaffee Zucker enthält, fordern Verbraucherschützer, dass dies stets deutlich gemacht werden muss.

Wenn sich früher ein Kunde etwa über den letztgenannten Fall beschwert hat, "schickte das Unternehmen ihm höchstens ein Pfund Umsonst-Kaffee und machte halbgare Versprechen", sagt König, der für die Verbraucherzentrale Hessen arbeitet. "Doch nun ist der Ablauf einer Beschwerde transparent. Jeder kann die Reaktion des Herstellers verfolgen, ob er sich tot stellt, Schutzbehauptungen anführt oder zu einem Dialog bereit ist."

Die neue Macht der Verbraucher - sie äußert sich vor allem im Internet. Foodwatch hat vor dreieinhalb Jahren den Anfang gemacht und systematisch Etikettenschwindel an konkreten Beispielen aufgedeckt. Einzelne Verbraucherzentralen, vor allem in Hamburg und Nordrhein-Westfalen, zogen nach. Und nun auch noch "Klarheit und Wahrheit".

Lobbyisten wünschen sich Produkt-Dummys

Bei den Herstellern sorgt das Portal schon vor seinem Start für großen Ärger: Man fürchte, dass einzelne Unternehmen "für eine rechtmäßige branchenweite Praxis in Stellvertreterhaftung genommen werden", sagt Marcus Ginau, Geschäftsführer des Lobbyverbandes Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL). Die Industrie fordert, statt den echten Produkten Dummys einzusetzen - also Platzhalter, mit denen die Kritik abstrakt thematisiert werden könne.

Verbraucherschützer König lehnt das ab: "Wenn es darum geht, konkrete Irreführung zu thematisieren, werden wir die Produkte auch zeigen." Experten raunten daher immer wieder, dass die Firmen gegen das Portal klagen werden. Ob das stimmt, will der BLL nicht bestätigen. Ein Klagerecht für den Verband gibt es ohnehin nicht - einzelne Unternehmen hingegen könnten durchaus vor Gericht ziehen.

Wie die Verbraucherzentralen verzeichnet auch Foodwatch einen neuen Trend: "Als wir Ende 2007 anfingen, den systematischen Etikettenschwindel anhand konkreter Beispiele zu zeigen, haben das viele Hersteller ignoriert", sagt Anne Markwardt, Leiterin der Kampagne "Abgespeist". Das leiste sich eigentlich kein Unternehmen mehr. "Verbraucher haben die Hersteller zu Änderungen von Produkten oder Werbestrategien gezwungen und einige Mogelpackungen vom Markt gefegt", so Markwardt. Sie zählt gleich mehrere Beispiele auf, bei der die Foodwatch-Kampagnen Wirkung gezeigt haben:

  • Gutfried-Kinder-Produkte: Im Februar 2011 kritisierte Foodwatch die Mini-Würstchen des Herstellers - wegen des hohen Salzgehalts und der Werbung, die sich speziell an Kinder richtete. Gutfried reagierte prompt und kündigte an, die Junior-Produkte vom Markt zu nehmen. Begründung: Die Marktforschung habe ergeben, dass Kinder ohnehin das klassische Gutfried-Sortiment bevorzugen würden.
  • Carlsbergs Beo Heimat: Die Brauerei bot das Getränk als Bio-Produkt an, obwohl nur 5,5 Prozent der Zutaten wirklich bio waren (Zucker und Malzextrakt). Das Getränk wurde 2010 für den "Goldenen Windbeutel" nominiert und landete auf Platz vier. Im Herbst 2010 nahm Carlsberg das Getränk vom Markt.
  • Champignon Creme-Suppe von Escoffier: Auch dieses Produkt war 2010 für den "Goldenen Windbeutel" nominiert (Platz drei). Laut Foodwatch haben sich mehr als 4000 Verbraucher bei dem Hersteller der Fertigsuppe beschwert, die von Sternekoch Alfons Schuhbeck beworben wird. Daraufhin veränderte Escoffier die Rezeptur und verzichtet auf Zusatzstoffe. Das Aroma stammt laut Unternehmensangaben nun ausschließlich aus Gewürzen. Zwar sei das Produkt immer noch eine Fertigsuppe, sagt Foodwatch. "Aber immerhin haben sich die Qualität des Fonds und des Pulvers nachvollziehbar verbessert."

Es ist wohl übertrieben, von einem echten Bewusstseinswandel bei den Lebensmittelherstellern zu sprechen. Nach wie vor tricksen sie und versuchen, an die Grenzen des gesetzlich Erlaubten zu gehen. Doch eines hat sich tatsächlich verändert: Die Verbraucherschützer werden ernster genommen.



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hans.jo 04.06.2011
1. Naja
Der Kampf gewisser Gruppen gegen Irreführung mag ja ehrenhaft sein und oft auch berechtigt. Mitunter artet es aber in Verbraucherbevormundung und vor allem Verbraucherbeleidigung aus. Mir wird von diesen Leuten ja regelmäßig unterstellt, daß ich zu blöd wäre um vieles zu bemerken, obwohl es sogar auf der Packung steht. Ein Paradebeispiel sind die Seiten der Verbraucherzentrale Hamburg, wo unter anderem auf Surimi-Produkten herumgeritten wird oder sich beklagt wird, daß eine Hähnchenschnitte nunja, ich weiß auch nicht so genau, jedenfalls meint man dort, daß der Name nicht passen würde.
vita, 04.06.2011
2. Gerade Danone ist ein tolles Beispiel...
Zuerst die unglaubliche Werbung, die uns erzählen will, dass ein Joghurt eine Art Medizin ist und dann eine Zusammenarbeit mit der Frauenzeitschrift Brigitte, die mit positiven Worten begonnen wurde. Als das dann in deren Forum Wellen schlug und nach 14 Tagen und Sperrung wie auch Löschung von unliebsamen Einträgen gestoppt wurde, war es nur noch lächerlich. Nun mit Humor in die nächste Runde, in der die Verbraucher weiterhin wie auch bei vielen anderen Produkten für dumm verkauft werden soll. Ich sage den Kindern immer: Alles für das Werbung gemacht wird, braucht ihr nicht, ist ungesund, einbach nur unnütz und wenn man es dennoch konsumieren möchte, gibt es ein gleiches Produkt auch günstiger ohne bunte Bilder, Werbung oder im Beipack Spielzeug. Sinn oder Unsinn der Werbelügen konnte mir bis heute noch niemand erklären, denn es kommt doch ohnehin raus und wird mittlerweile auch sehr schnell bekannt gemacht. Weiterso Foodwatch und viele andere.
UnitedEurope 04.06.2011
3.
Zwar ist im Endeffekt jeder Verbraucher selber verantwortlich, was er wie viel isst. Aber man muss auch sagen, dass kaum jemand versucht, es einfach und durchsichtig zu präsentieren. Ob die Ampel die Erlösung für alle wäre, sei mal dahingestellt. Aber es kann nicht sein, dass man Produkte mit "100% Ziegenmilch" bewirbt, und dann klein drunter schreibt "Hier wird Kuhmilch verarbeitet".
tolle_Sache 04.06.2011
4. Fragt sich nur, wie "neutral" denn Organisationen wie Foodwatch sind...
Wie "neutral" die hier genannten Organisationen sind und welche Interessen sie im einzelnen vertreten, das ist schon einer spannende Frage. Es entbeht zum Beispiel nicht einer gewissen "Komik", das Foodwatch bei Gründung eine Anschub-Finanzierung des Süßwaren-Herstellers Alfred Ritter in Höhe von 250.000 Euro erhalten hat. Da kann man sich schon mal fragen, wie neutral so eine Organisation dann noch sein kann. Insbesondere wird sich das wohl ein Produzent wie Storck fragen, der direkter Wettbewerber von Ritter ist. Ein Blick auf die foodwatch-Seite fördert auch keine Produkte von Ritter zu tage - so ein Zufall aber auch... Letztlich geht es auch hier nur vordergründig um die Gesundheit der Verbraucher. Foodwatch ist genau so Profit-orientiert wie die Lebensmittelhersteller und Herr Bode lebt sicherlich von den Tantiemen seiner Bücher nicht sooo schlecht. Man munkelt von einen Jahreseinkommen von 100.000 Euro, während die Foodwatch-Mitarbeiter unter Tarf bezahlt werden. Insofern darf man auch hier sicherlich unterstellen, dass von Seiten Foodwatch reichlich Populismus und Bauernfängerei betrieben wird. Genau das wirft Foodwatch aber auch der Industrie vor. Komisch irgendwie. ;-) Auch ist es ganz natürlich, dass Herr Bode mit seiner Organisation jetzt nochmal reichlich PR-Wind veranstaltet - wenn in nächster Zeit mit der Plattform "Klarheit und Wahrheit" ein Projekt ans Netz geht, dass vom BMELV gefördert wird. Das gräbt somit deutlich am "Geschäftsmodell" von Foodwatch. Schlecht für die Bücherverkäufe und Tantiemen von Herrn Bode, aber vielleicht gut für eine etwas objektivere Sicht. Man darf gespannt sein. Auch und insbesondere, ob z.B. Foodwatch von den Medien mal kritisch hinterfragt wird. Das scheint irgendwie nicht "vorgesehen" zu sein. Auch hier bei SPON nicht. Schade eigentlich.
weltbetrachter 04.06.2011
5. Inhalte
Manchmal wundert man sich schon, was da angeblich alles für Inhalte in unserem Essen ist. Ich habe mal gehört, das in Erdbeeryoghurt u.a. Baumrinde enthalten sein soll. Und die E-Nummern auf den Verpackungen stehen auch wohl nur dort, weil die verständlichen Bezeichnungen die Verbraucher ehr abschrecken als informieren würden.
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