München - Verbraucherschützer raten Stromkunden seit Jahren, Preise zu vergleichen und mit dem Wechsel zu einem günstigeren Anbieter die Versorger unter Druck zu setzen. Jetzt hat auch der oberste Wettbewerbshüter in Deutschland, der Chef des Bundeskartellamts, Verbraucher zum Wechseln aufgerufen: "Auch wenn viele Stromversorger nun Kosten der Energiewende an die Verbraucher weitergeben, kann ein Anbieterwechsel in vielen Fällen zu erheblichen Einsparungen führen", sagte Kartellamtspräsident Andreas Mundt der "Süddeutschen Zeitung".
Rund drei Viertel der Verbraucher werden im kommenden Jahr mehr für ihren Strom zahlen müssen, mehr als 600 Versorger haben zum 1. Januar Preiserhöhungen von durchschnittlich zwölf Prozent angekündigt. Wehren können sich die Kunden mit dem Wechsel, sagte Mundt der "SZ": "Man kann gar nicht eindringlich genug an die Verbraucher appellieren, Preise zu vergleichen und von ihren Wechselmöglichkeiten Gebrauch zu machen."
Ähnlich äußerte sich Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). "Ein Blick ins Internet lohnt immer", sagte er dem Blatt. "Wer Anbieter und Strompreise vergleicht, kann oft Geld sparen." In den vergangenen Tagen haben Millionen Haushalte Briefe von ihren Versorgern bekommen, in denen Strompreiserhöhungen zum Jahresanfang angekündigt werden. Als Hauptgrund nennen sie den massiven Anstieg der Ökostromumlage.
Nach Einschätzung des Bundes der Energieverbraucher sind die Aufschläge der Stromkonzerne allerdings deutlich zu hoch: "Strompreiserhöhungen von zwölf Prozent sind sicher nicht gerechtfertigt", sagte Verbraucherbundschef Aribert Peters der "Passauer Neuen Presse". Berechtigt wären "Preiserhöhungen in der Größenordnung von 1,8 Cent pro kWh. Das würde etwa eine Steigerung von sechs bis acht Prozent ausmachen." Zahlreiche Stromkonzerne haben für das kommende Jahr Preiserhöhungen in der Spitze bis zu 32 Prozent angekündigt.
Die Bundesregierung habe einen Großteil der Industrie von der Ökostromumlage und höheren Kosten befreit und den normalen Stromkunden aufgebürdet. "Der Mittelstand und der einfache Verbraucher sind die Dummen", sagte Verbraucherschützer Peters. Die Energiekonzerne machen seiner Ansicht nach gezielt Politik gegen die Energiewende.
Peters rät Stromkunden, sich gegen unangemessene Preissteigerungen zu wehren. "Die Kunden sollten entweder die Preiserhöhung zurückweisen oder dem Anbieter mitteilen, dass sie den neuen Preis nicht zahlen, sondern weiter den alten." In der Regel sei weder im Liefervertrag ein gültiges Preisänderungsrecht vereinbart noch entspräche die Preiserhöhung dem Grundsatz der Billigkeit. Sein Verband biete auf seiner Homepage dazu Musterbriefe an. Eine weitere Möglichkeit wäre, den Stromanbieter zu wechseln.
Vom kommenden Jahr an steigt die Umlage für die Förderung der erneuerbaren Energien, die EEG-Umlage, von derzeit 3,59 Cent pro Kilowattstunde auf 5,28 Cent. Sie macht rund 14 Prozent des Strompreises aus. Auch das Netznutzungsentgelt, rund 20 Prozent des Strompreises, wird im kommenden Jahr voraussichtlich steigen. Neu dazu kommt eine Haftungsumlage für den Anschluss von Offshore-Windenergieanlagen.
nck/AFP/dpa
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