Seniorenzuschlag bei der Kfz-Versicherung Mit 66 Jahren wird das Leben teuer

Kaum einer weiß es: Bei Fahrern im Rentenalter kassieren viele Kfz-Versicherer höhere Beiträge. Mit dem Unfallrisiko hat das wenig zu tun - eher schon mit der Gutmütigkeit vieler Senioren. Doch die können sich wehren.

Rentner am Steuer: Versicherer verlangen höhere Beiträge bei älteren Autofahrern
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Rentner am Steuer: Versicherer verlangen höhere Beiträge bei älteren Autofahrern


Eltern werden im Alter wieder zu Kindern, lautet eine Lebensweisheit. Für die Kfz-Versicherer werden ältere Menschen zwar nicht zu Kindern, aber doch zu jugendlichen Verkehrsrowdys - jedenfalls gemessen an den hohen Beiträgen, die Senioren bei Kfz-Haftpflicht und -Kasko abverlangt werden. Erste Anzeichen für Altersrowdytum sehen manche Versicherungsunternehmen bereits bei Menschen ab 60 Jahren.

Die Recherche startete wie so oft mit einem Einzelfall. Die Mutter einer Bekannten, knapp 70 und seit Jahren unfallfrei, sollte bei ihrem Versicherer mehr als 1.000 Euro für Haftpflicht und Vollkasko zahlen. Eine Stunde Arbeit beim Vergleichen förderte ein qualitativ ähnliches Angebot eines anderen Versicherers zutage und brachte eine Einsparung von rund 600 Euro. Und dann noch eine Überraschung: Ist nicht die Mama als Hauptfahrerin des Wagens bei der Versicherung eingetragen, sondern die Tochter, kostet das Versichern von Mamas Auto beim selben Unternehmen noch einmal 30 Euro weniger. Sollte etwa das relativ hohe Alter der Mutter für die Mehrkosten verantwortlich sein?

Wir setzten einen kleinen Test auf. Zwei Autos, ein Golf VI und ein Mercedes C160, sollen von Fahrern versichert werden, die bereits die höchste Schadenfreiheitsklasse 35 erreicht hatten, also lange Jahre unfallfrei gefahren sind. Das Alter der Fahrer haben wir von 55 bis 75 Jahren in Fünf-Jahres-Schritten variiert.

Das verblüffende Ergebnis: Langjährig unfallfreie 75-jährige Fahrer bezahlen in unseren Modellfällen oft ein Drittel mehr als 55-jährige - bei gleichem Schutz. Schon 70-Jährige zahlen 20 Prozent mehr, 65-Jährige in unserem Beispielfall zumindest bei den Kfz-Versicherern Huk-Coburg und Directline noch mehr als zehn Prozent mehr. Und bei Directline und Allianz sind schon für 60-Jährige die Preise ein wenig höher als für 55-Jährige.

Mindestens 13 Millionen Führerscheininhaber in Deutschland sind älter als 65 Jahre. Versichern die Senioren ihr Auto selbst, werden sie offenbar extra zur Kasse gebeten.

Die Versicherer gehen dabei sehr unterschiedlich vor. Der Direktversicherer R+V24 zum Beispiel verlangt in unserem Modellfall vom 65-jährigen Fahrer, der 35 Jahre unfallfrei ist, nicht mehr Geld als von einem 55-Jährigen. Ist er hingegen 75, soll ein solcher Fahrer beim Unternehmen der Genossenschaftsgruppe stolze 37 Prozent mehr zahlen. Bei der Allianz zahlt schon der 60-Jährige zwei Prozent mehr, mit 75 sogar 24 Prozent. Allerdings ist die Allianz auch für 75-Jährige noch mehr als 300 Euro teurer als die R+V24.

Sind Ältere wirklich Rowdys, bauen sie signifikant mehr Unfälle? Statistisch gesehen erst einmal nicht. Sie sind weniger an Unfällen im Straßenverkehr beteiligt, als ihr Bevölkerungsanteil vermuten lassen würde, sagt das Statistische Bundesamt. Auch die Unfallforscher der Versicherungsbranche gehen erst jenseits des 75. Lebensjahrs von einem statistisch signifikant erhöhten Unfallrisiko aus.

Wenn es die Zahl der Unfälle nicht ist, wie kommen die Versicherer dann dazu, so viel mehr Geld zu verlangen? Nutzen sie einfach nur die Tariftreue der älteren Kundschaft aus? Tatsächlich wechseln ältere Kunden weniger oft ihre Autoversicherung als jüngere. Ältere Fahrer erinnern sich vermutlich vor allem an ihre lange Jahre fallenden Versicherungsbeiträge wegen der immer besser werdenden Schadenfreiheitsklasse - und kommen seltener auf die Idee, die aktuelle Beitragshöhe zu kontrollieren.

Wie wehrt man sich gegen solchen Beitragsnepp? Ganz einfach.

  • Kontrollieren Sie den Beitrag, den Sie für die Autoversicherung bezahlen und vergleichen Sie - jedes Jahr wieder. In unserem Golf-Musterfall waren schon für den 60-Jährigen gut 340 Euro Ersparnis drin, wenn er von der Allianz zur R+V24 wechselt. Für den 75-Jährigen stieg die Ersparnis auf fast 400 Euro bei einem Wechsel von der Allianz zur Europa.

  • Prüfen Sie auch die Zahl der Kilometer, die Sie bei der Versicherung angegeben haben. Im Alter sinkt die Fahrleistung oft beträchtlich. Wer nur noch 10.000 statt 20.000 Kilometer unterwegs ist, konnte in unserem Beispiel bei einzelnen Versichern bis zu 200 Euro im Jahr sparen.

  • Im Zweifel tauschen Sie die Rollen: Früher sind Ihre Kinder bei von den Eltern angemeldeten Autos als Zweitfahrer mitgefahren. Jetzt sollten Sie prüfen, ob Ihre Kinder als Erstfahrer in Ihrem Vertrag die Versicherung billiger machen. Oder ob Sie sogar preiswerter mit einem Auto fahren, das Ihre Kinder angemeldet haben.

Überprüfen Sie das alles und lassen Sie den Versicherer im Zweifel Ihre Verärgerung über zu hohe Beiträge wissen. Die Unternehmen können rechnen. Und sie wissen, dass das Gewinnen eines neuen Kunden viel teurer ist als die Zufriedenheit eines alten Kunden. Wenn Sie Ihrem Versicherer Bescheid geben, dass Sie den Tarif zu teuer finden, überrascht der Sie zur Kündigungssaison im November ja vielleicht mit einem günstigeren Angebot.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.



insgesamt 141 Beiträge
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gis 15.08.2015
1. Meiner Erfahrung nach
muss man KFZ Versicherungen öfter mal wechseln. Man wird mit einem günstigen Angebot gelockt und dann steigen die Prämien rasant.
tegele 15.08.2015
2. Bodenlose
Frechheit von den Versicherungen , sollten lieber dafür sorgen das alle 3 jahre ein Gesundheitszeugnis vorliegt von jeden versicherungspflichtigen
scythe 15.08.2015
3. Statistikspielerei
Ältere verursachen deshalb weniger Unfälle als sie im Bevölkerungsschnitt vertreten sind, weil sie weniger auf der Straße unterwegs sind. Das wird aber über Nachlässe wegen geringerer Fahrleistung rückvergütet. Das Statistische Bundesamt hat Erhebungen gemacht, nach denen Senioren dann, wenn sie in einen Unfall verwickelt sind, häufig auch Verursacher sind. Wer mit Statistiken argumentiert, sollte sie zunächst verstehen.
empörteuch! 15.08.2015
4. Wow
... ein sehr informativer Artikel - Danke!
dr. kaos 15.08.2015
5. Gilt auch für junge Fahrer!
Habe grade meinen Sohn (19) und FS- Anfänger auf meinem Vertrag (SF25, 35%) dazu gebucht. Ergebnis: Beitrag ist UM 200% gestiegen, also auf das Dreifache von vorher. (Europago Versicherung. )
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