Schwein geht vor Schmidts Hack-Ordnung

Agrarminister Schmidt wirbt für Schweinefleisch und will Fleischnamen für vegetarische Ersatzprodukte verbieten. Das ist dreist - bei anderen Lebensmitteln mutet er deutlich mehr Eigenständigkeit zu.

Christian Schmidt auf der grünen Woche
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Christian Schmidt auf der grünen Woche

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Wäre also auch das geklärt: Bei Christian Schmidt gab es zu Weihnachten Rinderbraten. Das erzählte der Bundesagrarminister der "Bild"-Zeitung. Zugleich wärmte der CSU-Politiker Forderungen nach einer "Schweinefleischpflicht" an Schulen wieder auf und kündigte ein Verbot von Fleischnamen für vegetarische Ersatzprodukte an. Damit auch ja keine Zweifel an seiner karnivoren Gesinnung aufkommen, ließ sich Schmidt schließlich noch mit Kotelett und Speckböhnchen fotografieren.

Auch ich habe über die Feiertage reichlich Fleisch gegessen, Speckböhnchen inklusive. Um die Sojaskulpturen des kürzlich in meiner Nachbarschaft eröffneten "Vegetarischen Metzgers" mache ich bislang einen Bogen. Doch auch als Fleischesser finde ich Schmidts Äußerungen ziemlich dreist. Denn offensichtlicher kann sich ein Politiker kaum zum Lobbyisten einer Branche machen.

Derselbe Schmidt, der nun so offensiv für den Fleischkonsum wirbt, fand vor wenigen Monaten noch, der Staat dürfe "nicht in die Kochtöpfe der Verbraucher hineinregieren". Damals ging es freilich nicht um Fleisch, sondern um die sogenannte Lebensmittelampel.

Das dreifarbige Kennzeichnungssystem würde auf einen Blick deutlich machen, ob Produkte wenig, durchschnittlich oder viel Fett, Zucker oder Salz enthalten. Verbraucherschützer fordern die Ampel seit Langem, und auch bei den Bürgern könnte sie sich auf eine breite Mehrheit stützen. In einer aktuellen Umfrage gaben 68,8 Prozent an, sich durch Verzehrempfehlungen auf der Verpackung nicht bevormundet zu fühlen.

Schmidt aber lehnt die Ampel als "unzulässige Vereinfachung" ab. Anhand der seit Dezember EU-weit vorgeschriebenen Nährwerttabellen könne ja "jeder sehen, was in dem Produkt drinsteckt". Eine ziemlich hohe Erwartung an Verbraucher, die beim Großeinkauf kaum jede Verpackung studieren dürften und zudem häufig mit irreführenden Produktangaben konfrontiert sind.

Das Vertrauen in den mündigen Konsumenten lässt schlagartig nach, wenn es ums Fleisch geht. Begriffe wie "vegetarisches Schnitzel" oder "vegane Currywurst" sind Schmidt zufolge "komplett irreführend und überfordern den Verbraucher". Dieser kann also offenbar ausgiebig Nährwerttabellen analysieren, zum Verständnis der Begriffe vegan und vegetarisch aber reicht es leider nicht.

Die Lebensmittelampel lehnte Schmidt auch mit den Worten ab, er könne "nicht per Verordnung dafür sorgen, dass die Menschen mehr Spinat und weniger Chips essen". Von einer Braten-Verordnung sieht der Minister zwar gerade noch ab, aber er wirbt mit der Autorität seines Amts ausdrücklich für dessen Verzehr. Dabei ist der in seinen heutigen Ausmaßen sowohl aus klimapolitischer als auch gesundheitlicher Sicht bedenklich.

Natürlich sollte es grundsätzlich dem Einzelnen überlassen werden, wie er sich ernährt. Falls Schweinefleisch allein aus Sorge vor religiösen Verstimmungen vom Speiseplan genommen wird, ist das bedenklich. Doch dass dessen Verzehr seit Jahren zurückgeht, scheint einen anderen Grund zu haben: Auch unter Schülern wächst die Zahl jener, die wenig oder gar kein Fleisch essen. Mittlerweile ernährt sich nahezu jeder Zehnte in Deutschland vegetarisch. Mehr als 14 Millionen Haushalte haben im vergangenen Jahr mindestens einmal pflanzliche Brotaufstriche oder andere Fleischersatzprodukte gekauft.

Diese Entwicklung kann der deutschen Fleischbranche nicht gefallen, doch sie beruht auf der Entscheidung von Verbrauchern. Wenn Schmidt den Bürgern bei anderen Lebensmitteln so viel Urteilskraft zutraut, dann sollte er sie sich auch ihr eigenes Urteil zum Fleisch bilden lassen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 148 Beiträge
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wörther 28.12.2016
1. Purer Lobyismus
Die christlichen Landwirtschaftsminister hatten nie das Gemeinwohl im Sinn sondern verstanden sich immer als reine Lobyisten. Und zwar nicht für die Kleinbauern sondern für die großen Massentierhalter.
thrashmail 28.12.2016
2.
Schmidt hätte natürlich nicht sagen dürfen " Schweinefleisch Pflicht". Die Zeiten der "Pflicht" sind zum Glück schon lange vorbei. Andererseits sprechen wir hier von Deutschland. Eine Statistik würde helfen zu erfahren ob zum Beispiel im Schnitt 1 x pro Woche zu Hause Schweinefleisch auf den Tisch kommt. von Kotelett bis Gemischt-Hack Buletten. Ich schätze mal bei mindestens 50% Haushalten. 1 x die Woche Schweinefleisch an deutschen Schulen ? Mir ist kein plausibler Grund bekannt, warum nicht. Und, wie gesagt, immer mit dem Hinweise: Es gibt keine Pflicht irgendetwas zu essen was man nicht mag.
Mieze Schindler 28.12.2016
3. So lange keine Pflicht besteht, Schweinefleisch zu essen, bin ich beruhigt.
Fragt sich nur, wie lang man/frau bei solcher Art an Minister noch Veganer bleiben darf oder ob das dann auch verboten wird.
santoku03 28.12.2016
4.
"Jeder zehnte vegetarisch..:", "14 Mio mindestens einmal im Jahr...", und das sollte es rechtfertigen, Schweinefleisch vom Speiseplan in Schulen zu streichen?
littletruth 28.12.2016
5. Aufgeklärt schmeckts besser
Die Sorgen von Schmidt hätte ich gerne. Und wieder voll voran mit Halbwahrheiten und "beiseite lassen". Als Lobbyist kann und will er wohl nicht anders. Sollten in seine gepflegten Ohren je die Begriffe Massentierhaltung, chemische Zusatzstoffe, gnadenlose Tiertransporte, Schlachtmethoden oder gar gesunde Ernährung Einlass gefunden haben (was ich bezweifle), würde er seinen Blödsinn nicht öffentlich verzapfen. Vor solchen Politikern graust es mich nur.
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