Konsumgesellschaft: Wider den Wegwerf-Wahnsinn!

Von Katharina Pauli

Die Kartoffel ist zu groß, die Gurke zu krumm und das Brot zu trocken: Jährlich landen in Deutschland Millionen Tonnen Essen im Müll, weil viele Kunden nur makellose Lebensmittel kaufen. Doch es gibt Wege aus der Wegwerfgesellschaft.

Entsorgte Brote im Container: 250 Kilo Essen wirft jeder Deutsche jährlich in den Müll Zur Großansicht
dapd

Entsorgte Brote im Container: 250 Kilo Essen wirft jeder Deutsche jährlich in den Müll

Hamburg - Eigentlich ist der Käse noch vier Tage haltbar. Und die Trauben sind bis auf ein paar Ausnahmen auch ansehnlich. Doch die Kunden des Hamburger Edeka-Marktes möchten nur das Beste - nicht einwandfreie Kost lassen sie liegen. Eigentlich würde solches Essen im Müll landen. Wären da nicht die Ehrenamtlichen von der Hamburger Tafel, die täglich zig Stationen abfahren und die nicht ganz so makellosen Lebensmittel einsammeln.

"Die Leute erwarten eine große Auswahl und perfekte Qualität", sagt Claus Herda von der Tafel. "Gibt es die nicht, gehen sie in einen anderen Supermarkt." Das setzt einen Konsumteufelskreis in Gang: Immer besser, immer frischer und immer mehr - auch wenn es am Ende keiner kauft. Selbst die Tafeln können nicht verhindern, dass in Deutschland fast die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet.

Durchgehend bieten Supermärkte die ganze Warenpalette an: Noch am Abend liegt frisches Brot in den Regalen, zu jeder Jahreszeit gibt es Erdbeeren. Und alles muss perfekt aussehen: Ein welkes Salatblatt? Ein Riss in der Kartoffel, eine Delle im Apfel? Undenkbar. Solche Ware wird aussortiert.

Ein unhaltbarer Zustand zu Zeiten der Hungerkatastrophe in Ostafrika, zu Zeiten, in denen weltweit rund eine Milliarde Menschen an Hunger leiden. Und nicht nur das: Unser Verhalten beeinflusst die Nahrungspreise der ganzen Welt. Unser exzessiver Konsum treibt die Weltmarktpreise nach oben. Für viele Konsumenten in Entwicklungsländern, denen es wirtschaftlich ohnehin schon schlecht geht, werden Nahrungsmittel so unerträglich teuer.

Jede zweite Kartoffel wird aussortiert

Immer mehr Initiativen fordern darum ein Umdenken: Für seinen Dokumentarfilm "Taste the Waste" recherchierte Regisseur Valentin Thurn rund um den Globus zum Umgang mit Lebensmitteln - und präsentiert erschreckende Zahlen: Jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel wird aussortiert, jedes fünfte Brot bleibt liegen.

Die Gründe sind oft skurril, wie Thurn in seinem Film zeigt. In der Landwirtschaft etwa bleiben zu große Kartoffeln liegen, weil sie auf dem Massenmarkt unerwünscht sind. Gurken werden entsorgt, nur weil sie zu krumm sind und darum schlecht aneinandergereiht in Kartons passen.

Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen werden in den Industriestaaten jährlich mehr als 220 Millionen Tonnen Essen weggeworfen, rund 20 Millionen Tonnen sind es in Deutschland, etwa 250 Kilogramm pro Bundesbürger. Das Verbraucherministerium rechnet aus, dass jeder von uns im Jahr Lebensmittel im Wert von 330 Euro in den Müll wirft.

Doch nicht alle machen beim Wegwerf-Wahnsinn mit: Sogenanntes "Containering" oder "Dump diving" findet besonders in großen Städten immer mehr Anhänger. Aktivisten versuchen nachts, aus den Containern der Supermärkte noch essbare Produkte zu fischen. Populär wurde es vor etwa 15 Jahren in den USA. Die meisten Leute, die "containern", tun dies aus politischen Motiven. Leicht ist das nicht: Viele Ladenbesitzer verriegeln ihre Müllbehälter; sie lassen die Sachen lieber vergammeln als Bedürftige an sie heranzulassen. In Deutschland gilt die Wegnahme von Abfall aus Mülltonnen rechtlich als Diebstahl.

So werden viele Produkte entsorgt, bevor sie überhaupt beim Kunden landen - oft originalverpackt, mit noch gültigem Mindesthaltbarkeitsdatum. Denn meist ist es für die Ladenbesitzer günstiger, die Sachen wegzuwerfen, als damit ihre Lagerflächen zu füllen.

Energie aus alten Broten

Doch es gibt auch positive Beispiele: Weil in einer Bäckereikette nahe Düsseldorf jeden Monat bis zu zwölf Tonnen unverkaufte Backwaren in den Regalen liegen bleiben, legte sich Inhaber Roland Schüren spezielle Brennmaschinen zu. Diese wandeln den Großteil des trockenen Brotes in Energie um und treiben so die Backöfen an. "Würden alle Bäckereien es so ähnlich machen wie wir", sagt Schüren in Thurns Film, "könnte man sich ein Atomkraftwerk sparen."

Kleine Schritte, die zusammengenommen viel bewegen könnten: Würden wir unsere Lebensmittelverschwendung um die Hälfte reduzieren, hätte das laut Thurn den gleichen Effekt auf das Weltklima, als würden wir auf jedes zweite Auto verzichten. Doch das liegt letztlich an uns selbst. An unserem Konsumverhalten. Nur wenn wir dieses ändern, lässt sich die Wegwerfgesellschaft überwinden.

Einige Tipps, wie man der Lebensmittelverschwendung vorbeugt.

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Umgang mit Lebensmitteln: Tipps gegen das Wegwerfen

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    Seite 1    
1. zeit fuer armut?!
sosatt! 17.10.2011
vielleicht wird es mal zeit fuer uns alle wieder so richtig arm zu sein und hungern zu muessen. anscheinend sind wir nur dann faehig nahrung zu wertschaetzen und hoeren endlich auf auf werbung und lobby zu hoeren. da wird man sowieso nur eingeschlaefert und oft belogen um des lieben profit willens.
2. .
Haio Forler 17.10.2011
Unter der Artikelüberschrift "Einige Tipps, wie man der Lebensmittelverschwendung vorbeugt." folgt kein Text.
3. sinnvolle Entsorgung
baur tc 17.10.2011
Warum fehlt in dem Artikel völlig die Erwähnung von energetischer Verwendung dieser "Lebensmittel" durch die Erzeugung von Biogas? Zumindest läßt sich aus einem Großteil dieser Produkte via Fermentation Energie gewinnen, so der Verkäufer sie denn wirklich nicht kauft.
4. Verschwendung von Rohstoffen
timewalk 17.10.2011
Zitat von sysopDie Kartoffel ist zu groß, die Gurke zu krumm und das Brot zu trocken: Jährlich landen in Deutschland Millionen Tonnen Essen im Müll, weil viele*Kunden nur makellose*Lebensmittel kaufen. Doch es gibt Wege aus der Wegwerfgesellschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,790090,00.html
Bei der Verpackung kann man gleich weiter machen. Plastik als Lebensmittelverpackung gehört verboten.
5. ohne
calido46 17.10.2011
Eigentlich sind die Verbraucher daran schuld. Natürlich ist es toll, unter 30 Joghurtsorten wählen zu können, aber brauchen wir die wirklich? Muß es abends um 19.30 Uhr noch 10 Sorten Brot geben? Und ist ein Kopf Salat wirklich ungenießbar, wenn er eine braune Stelle hat? Wie dekadent ist eine Gesellschaft, die solche Mengen an Nahrungsmitteln vernichtet, nur weil sie „nicht schön genug“ aussehen oder nicht die richtige Größe haben (wer legt die denn fest, wenn nicht der Verbraucher mit seinem Konsumverhalten?) .
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