Studie: Konzerne kassieren Verbraucher bei Strompreis ab

Energiekonzerne führen den Atomausstieg als Grund für höhere Strompreise an. Doch nach einer von den Grünen in Auftrag gegebenen Studie sind die Kosten für die Unternehmen sogar gefallen. Sie kassieren demnach von den Verbrauchern allein in diesem Jahr drei Milliarden Euro zu viel.

Hochspannungsleitungen: Strompreis ist schwer zu durchschauen Zur Großansicht
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Hochspannungsleitungen: Strompreis ist schwer zu durchschauen

Berlin - Ausnahmeregelungen und komplizierte Fördergesetze machen den Strommarkt intransparent. Offenbar nutzen Energiekonzerne diese Unübersichtlichkeit aus. Denn laut einer Studie des Energieexperten Gunnar Harms kassieren die Versorger allein in diesem Jahr beim Strompreis bis zu drei Milliarden Euro zu viel von den deutschen Verbrauchern.

Die Studie wurde von der Grünen-Bundestagsfraktion in Auftrag gegeben und liegt der "Saarbrücker Zeitung" und der Nachrichtenagentur dpa vor. "Der Atomausstieg hat nicht zu den befürchteten Preissteigerungen geführt", heißt es in der Studie. Demnach sind die Preise im Stromeinkauf 2011 um 10 bis 20 Prozent gefallen. "Aktuell müsste der Strompreis zwei Cent die Kilowattstunde niedriger liegen, wenn die Versorger die gesunkenen Einkaufspreise der Vergangenheit entsprechend weitergereicht hätten", schreibt Harms.

Seiner Berechnung habe er den privaten Jahresverbrauch in Deutschland von 140 Milliarden Kilowattstunden zugrunde gelegt. "In den letzten fünf Jahren zeigt sich, dass gestiegene Einkaufspreise stets unverzüglich weitergegeben wurden, Preissenkungen hingegen nicht, zumindest nicht an das Kundensegment der Haushaltskunden", schreibt der Energieexperte. Die Preise für Industriekunden seien in den vergangenen Jahren um drei Prozent gesunken, "während gleichzeitig private Endkunden seit 2008 rund 20 Prozent mehr für den Strom bezahlen müssen". Der Verbraucher würde von den Konzernen ausgenutzt, "um höhere Gewinne zu realisieren".

Energiebranche widerspricht den Vorwürfen

Bei einem Vier-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden fallen mehr als 900 Euro pro Jahr an Stromkosten an. Insgesamt machen staatliche Steuern und Abgaben wie Stromsteuer, Ökostrom-Umlage, Mehrwertsteuer und Konzessionsabgabe bereits 45 Prozent des Preises aus.

Einen Haushalt mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden kostet die Ökostrom-Förderung demnach jährlich 125 Euro, davon zahle er 31 Euro nur für die Industrieentlastungen. Die energieintensive Branche betont, nicht die Ausnahmen trieben die Kosten, sondern die Förderung erneuerbarer Energien. 2011 wurden 16,4 Milliarden Euro Vergütungen an die Produzenten von Öko-Energie gezahlt.

Die Grünen kritisieren, dass es für energieintensive Unternehmen zu viele Ausnahmen bei den Netzentgelten und den Kosten zur Förderung erneuerbaren Energien gebe, dadurch müssten die Verbraucher beim Strompreis erhebliche Mehrkosten schultern. Die stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion, Bärbel Höhn, sagte der "Saarbrücker Zeitung", letztlich sei auch die Bundesregierung für den unaufhaltsamen Anstieg der Strompreise verantwortlich. Sie lade die Kosten der Energiewende bei den Verbrauchern ab, indem sie die Unternehmen umfassend entlaste.

Die Energiebranche widersprach den Ergebnissen der Studie. Bestimmte Komponenten bei der Strombeschaffung seien nicht berücksichtigt worden, kritisierte der Bundesverband der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). "So kommen Beschaffungspreise von rund fünf Cent pro Kilowattstunde zustande, die in der Praxis für Stromvertriebe nicht zu erreichen sind", hieß es. Außerdem seien Beschaffungskosten für Regel- und Ausgleichsenergie gar nicht berücksichtigt worden.

Umweltminister rechnet mit weiterer Preissteigerung

Bundesumweltminister Peter Altmaier stellt sich bereits auf einen weiteren Anstieg der Strompreise ein. "Die Preise legt die Energiewirtschaft fest", sagte der CDU-Politiker der "Rheinischen Post". "Experten erwarten aber fünf Prozent." Altmaier will die Förderung der Solarenergie schon früher beenden als bisher geplant. "Die Förderung des Solarstroms wird ganz auslaufen, wenn wir das Ziel von 52 Gigawatt an Leistungskapazität erreicht haben. Das ist für 2020 vorgesehen. Falls wir das Ziel früher schaffen, läuft die Förderung entsprechend früher aus", sagte er.

mmq/dpa

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insgesamt 288 Beiträge
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1. Ökostrom = sogar billiger
Martin OL 24.08.2012
Ich bin seit 2008 bei einem der reinen Ökostromanbieter (ohne Zertifikatschwindel) und mein Strompreis steigt nicht.
2. Hui
Zathras 24.08.2012
Wir leben schon in einer dollen Marktwirtschaft, ein Produkt wird für "Produzenten" billiger und der Preis des Kunden steigt. 10 % verlangt er mehr, der fünftgrößte Energiekonzern Deutschlands. Aber ich habe wahrscheinlich keine Ahnung von den betriebswirtschaftlichen Gründen. Ist ja genau wie beim Benzinpreis. Der Dollar geht nach unten, der Preis steigt, der Dollar geht nach oben, der Preis steigt, es wird Ostern, der Preis steigt (egal wann Ostern ist). Ich hab da was grundsätzliches überlesen, das war ja ein grünes Institut... Ja dann, die wollen eh nur meinem Essen das Essen klauen
3. Unbequeme Wahrheit
bigboom 24.08.2012
Zitat von Martin OLIch bin seit 2008 bei einem der reinen Ökostromanbieter (ohne Zertifikatschwindel) und mein Strompreis steigt nicht.
Ja, man kann auch mit Ökostrom glücklich sein und das Land wird nicht in einer Kostensteigerung ersticken, wie uns so oft suggeriert wird. Leider haben noch viel zu wenig leute begriffen, dass ein Wechsel zu Ökostrom ganz leicht ist, der Strom genauso lecker schmeckt, wie vorher und weiterhin ununterbrochen aus der Steckdose kommt. Man kann dabei sogar Geld sparen, vor Allem wenn man gerade in einem Grundversorgungstarif steckt, in den man womöglich nach der "Liberalisierung" automatisch reingerutscht ist.
4. Schon wieder
otto_iii 24.08.2012
eine Studie der Grünen, mit der sie die deutsche Bevölkerung für dumm verkaufen und durch allerlei Zahlenspielerei den Eindruck erwecken wollen, dass die hohen Strompreise in D rein garnichts mit Ökosteuer, Atomausstieg und EE-Subventionierung zu tun haben, sondern auschließlich der Gewinnsucht der großen bösen Stromversorger geschuldet sind. Der Wahrheitsgehalt dieser Studien lässt sich leicht überprüfen: Man rechne alle Gewinne der Stromkonzerne zusammen (wieviel das ist läßt sich leicht nachvollziehen, es sind ja alles AGs) und ziehe sie vom Umsatz, also den von den Stromkunden zu zahlenden Entgelten ab. Dann setzt man das ins Verhältnis zu den produzierten KWh. Die gleiche Methode wenden wir auf die französische Stromversorgung an. Es wird sich erweisen, dass die französischen Strompreise auch dann weitaus günstiger wären, wenn die Versorger ohne Gewinn arbeiteten. Die Gründe dafür kann man sich an fünf Fingern abzählen.
5. Der Staat ist nicht unschuldig
regensommer 24.08.2012
an den steigenden Kosten kassiert der Staat kräftig mit. Alleine die MwSt von 19% schlägt kräftig zu. Während Hundefutter einen verminderten Steuersatz hat, hat Strom der lebensnotwendig ist, den vollen Satz. Mit der Energiewende wieder eine Konzernstruktur zu schaffen ist der größte Blödsinn.
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