Sexistische Preise Warum Frauen mehr zahlen müssen als Männer

In Deutschlands Drogerien herrscht die Ungerechtigkeit: Ob Rasierer oder Deo - gerade Kosmetikartikel für Frauen sind oft deutlich teurer als vergleichbare Produkte für Männer. Die Politik scheint dagegen machtlos.

Drogerieecke in einem Supermarkt (Archivbild)
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Drogerieecke in einem Supermarkt (Archivbild)

Von Ann-Kathrin Terfurth


Kleidung, Kosmetik, Kinderspielzeug - für viele Produkte zahlen Frauen mehr als Männer. Der Grund dafür liegt schlichtweg in der Farbe: Frauenprodukte fallen oft durch ein knalliges Pink auf, Männerprodukte sind dagegen oft blau oder schwarz. Der Zusatzpreis, den Frauen zahlen müssen, ist deshalb auch als Pink Tax bekannt, zu deutsch: Pink-Steuer.

Das Phänomen ist nicht neu. Schon 1995 machte der kalifornische Staat auf den Zustand aufmerksam. Für identische Dienstleistungen wie einen Friseurbesuch oder die Textilreinigung zahlten Frauen damals etwa 1351 Dollar pro Jahr mehr als Männer. Das ist 21 Jahre her, aber geändert hat kaum etwas.

Im Gegenteil: Bis zu 200 Prozent Aufschlag fordern Hersteller und Handel heutzutage in Deutschland für Produkte, die sich speziell an Frauen richten, wie die Verbraucherzentrale Hamburg in einer aktuellen Erhebung herausgefunden hat. Vor allem für Kosmetikprodukte müssen Konsumentinnen demnach tiefer in die Tasche greifen.

Ein Beispiel: Bei der Rossmann-Eigenmarke Isana unterscheiden sich der blaue Einwegrasierer und die pinke Version nur marginal, unter anderen durch verschiedene Farbstoffe für den Gleitstreifen am Rasierer. Anzahl der Klingen, Form und Material sind identisch. Doch die pinke Version, die in der Regel von Frauen gekauft wird, kostet 33 Prozent mehr. Zwar könnte eine mögliche Erklärung sein, dass Männerrasierer in einer höheren Stückzahl produziert und verkauft werden, auffällig ist der Preisunterschied dennoch.

Noch schwerer fällt es, eine Erklärung dafür zu finden, warum ein rosafarbener Fahrradhelm in den USA 27 Dollar, die blaue Version dagegen nur 14 Dollar kosten soll.

Sieben Prozent Preisaufschlag sind üblich, wenn sich das Design von Kinderspielzeug an Mädchen richtet statt an Jungen. Zu diesem Ergebnis kam eine kürzlich veröffentlichte Studie der Stadt New York. Auch Kleidung ist für Frauen demnach im Schnitt acht Prozent teurer als für Männer. Größenvorteile bei der Produktion können hier wohl kaum als Begründung herhalten.

Hinzu kommt, dass Frauen durchschnittlich 21 Prozent weniger verdienen als Männer, worauf jüngst Politik und Frauenrechtlerinnen beim Equal Pay Day hinwiesen. So steht Frauen weniger Geld zur Verfügung und sie müssen für viele Produkte mehr zahlen. Das klingt doppelt unfair.

Natürlich wird keine Frau dazu gezwungen, den pinken statt den blauen Rasierer zu kaufen. Doch vielen Konsumentinnen ist der preisliche Unterschied gar nicht bewusst. Außerdem ist die preisliche Diskriminierung oft erst auf den zweiten Blick erkennbar. Eine Packung blaue Isana Einwegrasierer etwa kostet 1,49 Euro, die pinke dagegen nur 99 Cent - sie enthält jedoch nur halb so viele Rasierer wie die Männer-Version. "Die Vergleichbarkeit ist extrem schwierig, besonders weil Frauen- und Männerprodukte in den Drogeriemärkten teilweise räumlich getrennt voneinander präsentiert werden", bestätigte Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Andere Länder haben die preisliche Diskriminierung von Frauen bereits auf der politischen Agenda. In den amerikanischen Bundesstaaten New York und Kalifornien ist es verboten, für Dienstleistungen verschiedene Preise je nach Geschlecht zu verlangen.

Auch in Frankreich machte eine Gruppe von Aktivistinnen mit einer Homepage auf die Pink Tax aufmerksam, sodass sich nun das Frauenministerium damit beschäftigt. In Großbritannien gab es im Februar dazu eine Parlamentsdebatte.

"In Deutschland ist das Thema noch nicht in der Politik angekommen", klagt dagegen Verbraucherschützer Valet. Die Politik müsse das Problem stärker thematisieren. Rechtliche Regulierungsmaßnahmen seien jedoch schwierig. "Die Politik muss mit Herstellern und Händlern Kontakt aufnehmen und sie fragen, warum sie so handeln", sagt Valet.

Die Bundesregierung sieht allerdings wenig Spielraum, gegen die Preisdiskriminierung vorzugehen. Wenn Frauen für vergleichbare Produkte mehr bezahlten als Männer, dann sei dies die Auswirkung gezielten Marketings, sagte ein Sprecher des Bundesjustiz- und Verbraucherschutzministeriums auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Dem könne man begegnen, "indem man entgegen der Marketing-Strategie der Anbieter einfach das günstigere blaue Produkt kauft". Die Sensibilisierung der Verbraucher für unterschiedliche Preise sei jedenfalls der "vielversprechendere Weg", als bloße Aufforderungen an den Handel.



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