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Kostensteigerung seit Januar: Zocker treiben Benzinpreis um 14 Cent nach oben

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Der Ölpreis steigt seit Monaten - daran sind laut einer Studie auch Banken und Hedgefonds Schuld: Sie kaufen Öl, das noch gar nicht gefördert wurde, und erzeugen einen künstlichen Nachfrage-Boom. Ohne die Spekulanten könnte Benzin rund 14 Cent billiger sein.

Tankstelle an Ostern: Spekulanten treiben den Spritspreis Zur Großansicht
dpa

Tankstelle an Ostern: Spekulanten treiben den Spritspreis

Hamburg - Die hohen Rohstoffpreise entwickeln sich immer stärker zur Belastung für die Verbraucher. Der Ölpreis hat sich seit Januar 2009 mehr als verdoppelt - von knapp über 40 auf gegenwärtig 85 Dollar je Fass. Mittelfristig treibt das die Heizkosten und die Herstellungskosten vieler Produkte hoch - und damit letztlich die Verbraucherpreise. Auch der Benzinpreis hat kräftig angezogen: Um die Ostertage riss er an einigen Orten gar die 1,50-Euro-Marke.

Ein Gutachten des Hamburger Ölexperten Steffen Bukold zeigt nun: Die satten Preiszuschläge gehen zu einem erheblichen Teil auf Spekulationen zurück. "Traditionelle Erklärungen, die nur auf den physischen Ölmarkt schauen, sind nicht hilfreich", heißt es in der Studie, die Bukold im Auftrag der Grünen erstellt hat. "Ein Überangebot an Rohöl, schwache Nachfrage und überquellende Lager hätten zu sinkenden, bestenfalls stagnierenden Rohölpreisen führen müssen."

Die Erklärung liegt im starken Engagement von Finanzinvestoren, die an Terminbörsen im großen Stil sogenannte Öllieferkontrakte kaufen. Das sind Dokumente, die sie, vereinfacht gesagt, auf dem Papier zum Besitzer einer bestimmten Menge Öl machen, die in Zukunft erst noch gefördert werden muss.

Ursprünglich dienten solche Kontrakte dazu, Unternehmen Planungssicherheit bei der Ölversorgung zu geben, doch die Papiere lassen sich auch vortrefflich als Spekulationsobjekte einsetzen: Man kann beispielsweise auf steigende Ölpreise wetten, also auf dem Papier eine gewisse Menge Öl günstig einkaufen - und den Kontrakt, sobald der Preis gestiegen ist, gewinnbringend weiterverkaufen.

Öl könnte ohne Spekulation bis zu 35 Prozent billiger sein

Bukold zufolge ist der Handel mit Ölkontrakten bedenklich angeschwollen. An den großen Ölbörsen - insbesondere an der Nymex in New York und der ICE in London - würden inzwischen an einem durchschnittlichen Handelstag 1,1 Milliarden Barrel im Wert von 93 Milliarden Dollar "umgeschlagen". Dieses Handelsvolumen sei 13-mal größer als die Menge Erdöl, die tatsächlich physisch gefördert werde.

Das treibe den Ölpreis massiv: "Nach unserer Analyse werden die Rohölpreise im Moment durch eine kurzfristige Spekulationswelle um 8 bis 12 Dollar pro Barrel und durch langfristige Spekulationswellen um zusätzliche 17 bis 23 Dollar pro Barrel erhöht", schreibt Bukold in der Studie. Der Rohölpreis von derzeit 85 Dollar pro Barrel erhalte dadurch eine Spekulationsprämie von rund 30 Dollar pro Barrel. Öl könnte dieser Rechnung zufolge ohne Spekulation rund 35 Prozent billiger sein.

Auf den Spritpreis hat das laut Bukold ebenfalls eine große Wirkung. Die Benzin- und Dieselpreise seien im Schnitt um 0,14 Euro je Liter noch oben verzerrt, heißt es in der Studie. "Deutsche Autofahrer werden dadurch bei einer Tankfüllung von 50 Litern mit sieben Euro zusätzlich belastet", heißt es in der Studie. Auf ein Jahr hochgerechnet seien das - bei 13.000 km Fahrleistung und einem durchschnittlichen Verbrauch von 7,5 Litern - 136 Euro Mehrkosten pro Fahrzeug. Addiere man die Belastung aller Autos in deutschen Privathaushalten, ergäben sich Mehrkosten von fünf Milliarden Euro.

Benzinpreis von zwei Euro pro Liter möglich

Und das ist noch nicht alles. Bukold geht davon aus, dass die Kosten in den kommenden Monaten noch kräftig steigen werden. Die globale Nachfrage nach Öl ziehe in diesem Jahr an, parallel dazu schrumpften die Reservekapazitäten der Opec-Staaten. Eine mittelfristige Angebotsverknappung sei unausweichlich. Gleichzeitig versorgten die Zentralbanken durch ihre Niedrigzinspolitik auch Spekulanten mit billigem Geld. Das alles spreche für steil steigende Ölpreise. Rekordpreise von mehr als 150 Dollar pro Fass und Benzinpreise von mehr als zwei Euro pro Liter seien "wahrscheinlich".

In der Grünen-Fraktion sorgen solche Ausblicke für Verärgerung. Die Spekulation von Banken und Hedgefonds richte einen immensen Schaden an, sagt Bärbel Höhn, stellvertretende Fraktionschefin der Grünen, SPIEGEL ONLINE. Besonders für die Mobilitätsfähigkeit von unteren Einkommensschichten habe die Ölspekulation weitreichende negative Folgen.

Direkte Abhilfe sei nicht einfach, da die Hebel zur Eindämmung der Spekulation bei der amerikanischen und britischen Regierungen lägen - und die zierten sich, ihre Finanzplätze zu reformieren. "Die Bundesregierung muss über die EU Druck aufbauen", fordert Höhn. Gefragt sei mehr Transparenz und eine Einschränkung der Spekulationsmöglichkeiten. Auch eine Steuer auf Transaktionen wäre denkbar, um ausufernde Spekulationen zu erschweren.

Die Branche selbst sieht die Zusammenhänge anders. Nicht Zocker bestimmten die Preise, sondern das Kartell der erdölproduzierenden Staaten (Opec). "Die Erhöhung des Ölpreises lässt sich nur durch gezielte Produktionsverknappung der Opec erklären", sagte Christoph Rühl, Chefökonom des britischen Mineralölkonzerns BP, der "Süddeutschen Zeitung". "Finanzinvestoren können existierende Entwicklungen verstärken, sie können sie aber nicht auslösen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 178 Beiträge
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1. was ist daran neu?
ergoprox 08.04.2010
Zitat von sysopDer Ölpreis hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt - daran sind laut einer Studie auch Banken und Hedgefonds Schuld: Sie kaufen Öl, das noch gar nicht gefördert wurde, und erzeugen einen künstlichen Nachfrage-Boom. Ohne die Spekulanten könnte Benzin rund 14 Cent billiger sein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,687834,00.html
Wen wundert das?
2. aw
kdshp 08.04.2010
Zitat von sysopDer Ölpreis hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt - daran sind laut einer Studie auch Banken und Hedgefonds Schuld: Sie kaufen Öl, das noch gar nicht gefördert wurde, und erzeugen einen künstlichen Nachfrage-Boom. Ohne die Spekulanten könnte Benzin rund 14 Cent billiger sein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,687834,00.html
Hallo, das nennt man dann MARKT-wirtschaft! Ja sorry dachte im ernst wer dran das die zockerei aufhört?
3. Sinnvolle Spekulation
rs-depot.de 08.04.2010
Gut dass es Spekulanten gibt, die ihre Zukunftserwartung bezüglich der Entwicklung von z.B. Öl in den aktuellen Marktpreis einbringen. Das sorgt dafür, dass wir immer noch mindestens für 50 Jahre Rohöl haben (bei aber immer höheren Rohölpreisen) und damit genügend Zeit für eine Anpassung an intelligentere Energiequellen. Ohne Spekulation läge der Rohölpreis immer noch bei sagen wir 20 Dollar (statt wie derzeit bei über 80) und jeder würde sich wundern, dass im Mai 2010 der letzte Tropfen Öl gefördert wird und keiner was gesagt hat.
4. .
martinius26 08.04.2010
Zitat von sysopDer Ölpreis hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt - daran sind laut einer Studie auch Banken und Hedgefonds Schuld: Sie kaufen Öl, das noch gar nicht gefördert wurde, und erzeugen einen künstlichen Nachfrage-Boom. Ohne die Spekulanten könnte Benzin rund 14 Cent billiger sein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,687834,00.html
Wird Zeit das man diesen Drecksäcken von Banken und Hedgefonds endlich einen Riegel vorschiebt. Mehr kann man dazu nicht sagen.
5. wer
toskana2 08.04.2010
Zitat von sysopDer Ölpreis hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt - daran sind laut einer Studie auch Banken und Hedgefonds Schuld: Sie kaufen Öl, das noch gar nicht gefördert wurde, und erzeugen einen künstlichen Nachfrage-Boom. Ohne die Spekulanten könnte Benzin rund 14 Cent billiger sein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,687834,00.html
Dreimal darf man raten: Wer regiert die Welt? Na wer, die Finanzspekulanten! - und die Regierungen starren dazu wie dass Kaninchen auf die Schlange!
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