Riesiges Finanzpolster Gesetzliche Krankenkassen sitzen auf 21 Milliarden Euro

Deutschlands Krankenkassen haben gewaltige Rücklagen angehäuft - auf Kosten ihrer rund 56 Millionen Kunden.

Chirurg
DPA

Chirurg


Die Reserven der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland sind weiter gewachsen. Wie die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums berichtet, können die Kassen inzwischen auf eine Rücklage von 21 Milliarden Euro zurückgreifen.

Ende Juni hatten die Reserven erstmals die Marke von 20 Milliarden Euro überschritten. Das nachsehen haben die 56 Millionen Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung.

Besonders hoch fällt der Überschuss den Angaben zufolge bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen aus: Er liegt seit Januar bei rund 920 Millionen Euro. Bei den Ersatzkassen sind es 534 Millionen, bei den Betriebskrankenkassen 190 Millionen Euro.

Minister Jens Spahn (CDU) sagte der Zeitung: "Die Krankenkassen horten weiter das Geld der Beitragszahler. Sie haben inzwischen das Vierfache der Mindestreserven auf der hohen Kante. Das ist einfach zu viel."

Der Bundesrat hatte im November ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz passieren lassen, das unter anderem vorsieht, dass gesetzliche Kassen mit besonders großem Finanzpolster Reserven ab 2020 binnen drei Jahren abbauen müssen.

Bedingung ist aber, dass bis dahin eine Reform des komplizierten Finanzausgleichs unter den Kassen geschafft ist.

Zudem werden die Zusatzbeiträge der Kassen ab Januar 2019 zur Hälfte von den Arbeitgebern beziehungsweise der Rentenkasse übernommen werden, statt wie bislang allein von den Versicherten getragen zu werden. Für Kleinselbstständige soll der monatliche Mindestbeitrag zur Krankenkasse halbiert werden, auf dann 171 Euro.

ssu/dpa



insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bisi1 05.12.2018
1. Vielleicht mal das Gesundheitssystem sanieren?
Ich verstehe nicht diese dauerhafte Diskrepanz zwischen den immensen Einnahmen der Krankenkassen und unterbesetzten, maroden Krankenhäusern, überlasteten Kassenarzt-Praxen, usw. Wieso kann man das Geld, statt mir als Beitragszahler die popeligen 12,34€ monatlich zu erstatten, nicht einfach mal dafür aufwenden, dass ich nicht ein halbes Jahr auf einen Facharzttermin warten muss? Oder dass im Krankhaus mehr als ein völlig übermüdeter diensthabender Arzt für mehrere Stationen zur Verfügung steht?
Frank Klipp 05.12.2018
2. Großartig...
Und gleichzeitig müssen Krankenhäuser erhebliche Ressourcen in die Abrechnung stecken, damit ihre Rechnungen durch den MDK nicht zusammengestrichen werden. Dank Herrn Seehofer haben wir ein Abrechnungssystem, das extrem ineffizient ist und die medizinisch notwendige Leistung in keiner Weise fördert. Herr Spahn könnte sich nicht nur profilieren, sondern verdient machen, wenn er dies änderte.
cogitabilis 05.12.2018
3. In der Politik scheint es kein Gedächtnis zu geben
Es ist noch nicht so lange her, dass Politiker der gleichen Partei wie Herr Spahn und die gleichen Medien (Bild, FAZ, Der Spiegel u. a.) sich lautstark darüber beschwert haben, dass die gesetzlichen Krankenkassen es in guten Jahren versäumt haben Rücklagen zu bilden und dass aus dem Bundeshaushalt Zuschüsse zum Ausgleich von Defiziten fließen mussten. Jetzt bilden die gesetzlichen Krankenkassen diese Rücklagen, die einerseits für evtl. schlechtere Zeiten und andererseits zum Abfedern des demographischen Wandels notwendig sind, aber das zu erwartende Ergebnis ist nun auch wieder nicht richtig. Des weiteren ist es mehr als nur polemisch zu sagen, dass ein vierfaches der Mindestreserve zuviel ist, ohne darüber zu sprechen, ob diese Mindestreserve, die auch vor gar nicht so langer Zeit aus politischen Gründen abgesenkt wurde (um Zuschüsse zu sparen bzw. die Defizite nicht so hoch aussehen zu lassen) überhaupt ausreichend ist. Momentan ist die Mindestreserve auf ein Viertel der Monatsausgaben festgesetzt, dass bedeutet, dass die aktuellen Reserven ziemlich genau die Ausgaben eines Monats abdecken. Ich persönlich halte die Höhe der Reserven für nicht zu hoch, im Gegenteil sind sie meiner Meinung noch noch zu niedrig. Bei einer Rezession mit angenommenen 2 Millionen neuen Arbeitslosen (bei aktuell 44 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten) sind die vorhandenen Reserven - auch ohne Berücksichtigung des demographischen Wandels - in weniger als 18 Monaten aufgebraucht. Eine Krise, in der das Geld auf allen Ebenen meist fehlt, dauert oft um einiges länger. Mein Eindruck ist, unser Gesundheitsminister braucht wieder einmal eine Sau, die er durchs Dorf treiben kann, damit überhaupt über ihn gesprochen wird. Leistung und Ergebnisse hat er bisher ja wenige bis gar nicht vorzuweisen, über die gesprochen werden oder die mit ihm positiv in Verbindung gebracht werden könnten. Ein politisches Manöver auf Kosten der Krankenkassen und deren Versicherten und auf Kosten der Glaubwürdigkeit in die sozialen Sicherungssysteme. Hier wird versucht eine Neiddebatte zu starten, um politisches Kapital zu schöpfen. Ganz drastisch gesagt: "Zum Ko***n ist dieses Vorgehen, zum Ko***n sind die daran Beteiligten". Kein Wunder, dass nach solchen Aktionen Politik, "öffentliche" Organisationen und die darin Mitwirkenden unnötig und ungerechtfertigt immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren. Dies alles nur zum Nutzen eines Einzelnen - Herrn Spahns.
Freiheit_der_Entscheidung 05.12.2018
4. Überschüsse und kein Preiswettbewerb führen zu Ineffizienz
Die Überschüsse sollten unbedingt zurückgefahren werden. Bei den GKVs handelt es sich vom Prinzip als Körperschaften den Öffentlichen Rechts bereits um teils riesige "behördenartige" Gebilde bei denen die Produktivität erheblich unterhalb der von privaten Krankenversicherern liegen wird. Wenn dann zu mangelndem Preiswettbewerb (die kleinen Abweichungen beim Zusatzbeitrag ausgenommen), mangelnden Leistungwettbewerb (Leistungskatalog vorgegeben und die Bonbons welche als Zusatzleistungen angeboten werden ähneln sich ebenfalls) auch noch Überschüsse und Rücklagen in Milliardenhöhe dazu kommen ist der Misswirtschaft Tür und Tor geöffnet. Kein Vorwurf dabei an die Mitarbeiter oder Vorstände der GKV. Das ist in solchen Situationen kaum zu vermeiden. Es muss beständiger Kostendruck herrschen wenn es schon kaum Konkurrenzdruck gibt, sonst werden Beiträge verschwendet.
ruhepuls 05.12.2018
5. Mehr Geld nützt nichts...
Zitat von bisi1Ich verstehe nicht diese dauerhafte Diskrepanz zwischen den immensen Einnahmen der Krankenkassen und unterbesetzten, maroden Krankenhäusern, überlasteten Kassenarzt-Praxen, usw. Wieso kann man das Geld, statt mir als Beitragszahler die popeligen 12,34€ monatlich zu erstatten, nicht einfach mal dafür aufwenden, dass ich nicht ein halbes Jahr auf einen Facharzttermin warten muss? Oder dass im Krankhaus mehr als ein völlig übermüdeter diensthabender Arzt für mehrere Stationen zur Verfügung steht?
Wir hatten 1991 244.238 berufstätige Ärzte und 2016 378.607 Ärzte. Von einem Mangel an Ärzten kann man also nicht reden. Geändert hat sich allerdings das "Besuchsverhalten" der Patienten. Früher ging man zum Arzt, wenn man unbedingt musste - heute wegen jedem Wehwehchen. Hinzu kommt, dass ständig neue Therapien und Indikationen auf den Markt kommen, die verkauft werden (müssen), auch wenn deren Zusatznutzen marginal ist. Dafür sorgen dann schon die Medien, die gleich eine neue "Super-Therapie-Sau" durchs Dorf treiben. Und das macht die Wartezimmer und Terminpläne voll. Daran würden auch mehr Mittel nichts ändern. Die Deutschen gehören schon jetzt zur Spitzenklasse bei den Gesundheitsausgaben. Am Geldmangel liegt es also auch nicht. Allerdings gehören wir auch zur Spitzenklasse der Länder, in denen am meisten (unnötig) untersucht - und operiert wird. Außerdem ist den Kassen klar, dass es einfacher ist, jetzt Mittel für "schlechte" Zeiten (z.B. eine Rezession mit mehr Arbeitslosen) zu sparen, als später höhere Beiträge zu verlangen, weil es keine Rücklagen gibt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.