Finanzpolster Krankenkassen bunkern Rekordreserve von 21,8 Milliarden Euro

Diese Zahl dürfte die Debatte über die Finanzlage der Krankenkassen befeuern: Deren Reserven sind auf 21,8 Milliarden Euro gestiegen. Allein im ersten Halbjahr 2012 sparten die Kassen 2,7 Milliarden Euro an. Gesundheitsminister Bahr forderte, das Geld teilweise den Versicherten zurückzugeben.

Krankenkassenkarten: Nur ein Teil des Überschusses als Pflichtreserve gebunden
DPA

Krankenkassenkarten: Nur ein Teil des Überschusses als Pflichtreserve gebunden


Berlin - Die Nachricht dürfte den Honorarstreit zwischen Ärzten und Krankenkassen befeuern: Wie das Bundesgesundheitsministerium mitteilt, hat die gesetzliche Krankenversicherung eine Rekordreserve von 21,8 Milliarden Euro angespart.

Demnach teilen sich die Überschüsse so auf: Die Krankenkassen selbst haben ein Polster von 12,8 Milliarden Euro erwirtschaftet, der Gesundheitsfonds hat 9 Milliarden Euro gesammelt. Nur ein Teil des Geldes ist als Pflichtreserve gebunden.

Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres betrug der Überschuss der Kassen 2,7 Milliarden Euro, bei Einnahmen von rund 94,8 Milliarden. Die Einnahmen stiegen im Vorjahresvergleich infolge gestiegener Löhne und Renten um 3,1 Milliarden Euro, die Ausgaben sanken um 2,8 Milliarden Euro.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) rief die besonders gut ausgestatteten Kassen auf, Geld an die Versicherten zurückzugeben. Diese sollten durch Leistungsverbesserungen und Prämienausschüttungen profitieren. "Krankenkassen sind keine Sparkassen", sagte Bahr. Im zweiten Halbjahr dürfte der Überschuss der Kassen nach Erwartung des Ministeriums deutlich geringer ausfallen.

Immer mehr Kassen hätten Finanzreserven erheblich über der zulässigen Obergrenze von 1,5 Monatsausgaben. Von Prämienauszahlungen profitierten derzeit gerade einmal rund 700.000 der mehr als 70 Millionen Versicherten.

Die Zahlen dürften den Streit der niedergelassenen Ärzte mit den Krankenkassen über höhere Honorare befeuern. Am Dienstag drohte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery mit einer Protestwelle. "Wenn die Kassen nicht einlenken, werden sie einen heißen Herbst erleben", sagte Montgomery. Der Druck werde Schritt für Schritt erhöht, geplant sei eine "Eskalationsstrategie", eine Notfallversorgung für die Patienten solle aber sichergestellt werden.

Die freien Ärzteverbände haben unterdessen mit der Urabstimmung unter ihren Mitgliedern über Warnstreiks und Praxisschließungen begonnen. Diese sind für die letzte Septemberwoche angepeilt. Beim Hartmannbund etwa können sich die Mitglieder auf der Homepage zu den von den Kassen mit Hilfe der Schlichter durchgesetzten Honorarerhöhung um 270 Millionen Euro im nächsten Jahr äußern. Die ersten Rückläufe ließen erkennen, dass die Ärzte zu Kampfmaßnahmen bereit seien, sollten die Kassen nicht doch noch einlenken.

nck/dpa

insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
nettermensch 05.09.2012
1. ...
Ganz toll, dafür darf sich dann die kleine Rentnerin von nebenan überlegen, ob sie sich etwas zum Essen leistet, oder in der Apotheke ihre Medikamente holt. Das nenne ich mal Misanthropie at its best !
trick66 05.09.2012
2. Praxisgebühr
Bitte ja nicht die Praxisgebühr abschaffen, dieses urdeutsche Bürokratiemonster. Wo kämen wir denn hin, wenn auch mal die Versicherten entlastet würden? Lieber noch ein paar schicke Zentralen bauen oder eine Gehaltserhöhung für den Vorstand.
heinz.mann 05.09.2012
3. Das Geld wird demnächst verteilt
an notleidende Ärzte in Deutschland.
realist29 05.09.2012
4.
Das Gesundheitssystem wurde im vergangenen Jahrzehnt deutlich zurückgeschraubt. Viele notwendige Behandlungen, z.B. im Zahnbereich werden nicht mehr übernommen, was häufig zu Langzeitarbeitslosigkeit führt. Zuzahlungen sind für die stetig größere Zahl der Niedriglohnempfänger kaum zu leisten. Hierfür sollten die Reserven verwendet werden. Die Praxisgebühr, welche ebenfalls kleine Einkommen überproportional belastet und keinerlei Lenkungsfunktion aufweist, sollte endlich wieder abgeschafft werden. Wenn man das Geld den Versicherten zurückgibt bleiben Leute unbehandelt zurück und die die sowieso schon genügend Geld haben erhalten noch mehr.
aliaxe 05.09.2012
5.
Keine Angst, die Reserven werden bald verrauchen. Spätestens dann, wenn die Pharmaindustrie die Preise für Medikamente verhandelt wird der Fleischtopf verteilt. Wetten, dass von den Milliarden bald nichts mehr übrig ist?
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