Von Katharina Finke
Es riecht nach Benzin, doch die Straßen sind leer. Nur das Rauschen des Verkehrs auf dem nahen Highway ist zu hören. Hier am Rande von Trenton, der Hauptstadt von New Jersey, deren Einwohnerzahl schrumpft und die unter der steigenden Kriminalitätsrate leidet, verrosten unzählige Autowracks hinter hohen Drahtzäunen. Wacklige Strommasten lenken den Blick in den grauen Himmel. Der einzige grüne Lichtblick ist das leuchtende Graffiti auf der mit Einschusslöchern übersäten Betonfassade eines alten Fabrikgebäudes. "Terracycle - Outsmart your waste", "Upcycle" und "Zero Waste" steht dort an der Wand.
Gleich im Eingangsbereich des flachen Baus versteht man, was gemeint ist: Stühle aus alten Trinkpäckchen und Stehtische aus Autofelgen sind dort aufgestellt, der Boden ist mit dem Kunstrasen vom Sportplatz einer ehemaligen Universität ausgelegt. Alles in dieser Fabrik besteht aus wiederverwertetem Müll. Genau das ist das erklärte Ziel des Unternehmens Terracycle: "Wir wollen dem Abfall eine zweite Chance geben", sagt Tom Szaky.
Das Auftreten des Gründers und CEO ist betont leger: Dreitagebart, strubbelige braune Haare, dazu Turnschuhe, Jeans und Pulli. Er habe früh gewusst, dass er Geschäftsmann werden will, erzählt der gebürtige Ungar. Seine Familie zog nach Kanada, da war er noch ein Kind, und doch war er sofort von der nord amerikanischen Unternehmerkultur begeistert. Mit gerade einmal 14 gründete er eine Grafikdesignfirma. Dass Szaky einmal ein sogenannter Ecopreneur werden würde, war eher Zufall. Es begann, als er 2001 für ein BWL-Studium nach Princeton ging.
Am Anfang war der Wurmkotdünger
Damals bat Tom Szaky Freunde in Toronto, sich um seine Pflanzen zu kümmern. Weil die sensiblen Gewächse einzugehen drohten, fingen seine Freunde an, Würmer mit Haushaltsabfällen zu füttern und den Kot als Düngemittel zu nutzen. Als Szaky davon erfuhr, war er so begeistert, dass er die Idee übernahm und bei einem Business-Plan-Wettbewerb an seiner Uni einreichte. Aus Geldnot diente eine gebrauchte Plastikflasche als Verpackung - quasi das Urmodell eines aus Abfall gewonnenen Produkts seiner künftigen Firma.
Was mit der Idee begann, Wurmkotdünger in gebrauchten Plastikflaschen zu verkaufen, ist heute eines der am schnellsten wachsenden umweltfreundlichen Unternehmen der Welt. Terracycle sammelt nichtrecycelbare Abfälle, schafft daraus neue Produkte und unterstützt gemeinnützige Organisationen. Mehr als 23 Millionen Menschen haben inzwischen Müll für das Unternehmen gesammelt, fast drei Millionen US-Dollar sind für wohltätige Zwecke zusammengekommen.
Um das zu schaffen, braucht es eine große Portion Zielstrebigkeit. "Anfangs war es schon schwer, andere von dem Dünger aus Wurmkot zu überzeugen", sagt Tom Szaky. Nachdem er beim Business-Plan-Wettbewerb in Princeton nur den fünften Platz belegt hatte, plünderte er sein Konto, um den Dünger selbst herzustellen und zu vertreiben. Als sein Geld zur Neige ging, hielt er das Unternehmen mit Preisgeldern aus weiteren Wettbewerben über Wasser, später schossen erste Investoren kleine Beträge zu. 2003 beschloss Szaky, sein Studium abzubrechen, um sich voll und ganz Terracycle zu widmen.
Die Konzentration auf seine Firma zahlte sich aus: Die ersten größeren US-Warenhäuser verkauften den Wurmkot-Dünger, Terracycle wuchs. Im Sommer 2007 dann wandten sich drei Großunternehmen an Szaky: ob er ihre bislang nicht recycelbaren Joghurtbecher, Energieriegelverpackungen und Trinkpäckchen auch wiederverwerten könnte? Er bot den Firmen an, die Verpackungen zu sammeln und in umweltfreundliche Produkte zu verwandeln. Die Kosten machte Szaky vom Schwierigkeitsgrad der Entsorgung abhängig: Für die Abnahme aufwendiger Abfälle wie etwa Windeln sollten die Unternehmen bezahlen. Weniger schwierig zu verarbeitende Produkte wie Trinkpäckchen nahm er umsonst. Und Abfälle aus wertvollem Material wie Joghurtbecher kaufte er den Unternehmen sogar ab.
Gleichzeitig entwickelte er ein Programm, um die Verbraucher zu motivieren, an seinem Modell mitzuwirken. Sie sollten die entsorgten Produkte von Terracycles Partnerunternehmen sammeln und an ihn schicken. Als Belohnung wollte er den Sammlern zwei Cent pro Abfalleinheit gutschreiben, Geld, das sie an eine gemeinnützige Organisation oder Schule spenden sollten. Den Firmen gefiel das Konzept, sie fingen an, es finanziell zu unterstützen. "Durch Terracycle können wir positiver mit unseren Kunden kommunizieren und ihnen eine Recyclinglösung für unsere Produkte bieten", sagt zum Beispiel Kim Frankovich, Vizepräsidentin der Nachhaltigkeitsabteilung des US-Plastikbecherherstellers Solo Cup.
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