Kreative Abfallverwertung: Gib Müll eine Chance!

Von Katharina Finke

Weltweit wachsen die Müllberge, nachhaltige Entsorgung ist teuer. Das US-Unternehmen Terracycle geht einen anderen Weg: Es nutzt Abfall als Rohstoff für neue Produkte - die es jetzt auch in Deutschland gibt.

US-Unternehmen Terracycle: Müll als Rohstoff Fotos

Es riecht nach Benzin, doch die Straßen sind leer. Nur das Rauschen des Verkehrs auf dem nahen Highway ist zu hören. Hier am Rande von Trenton, der Hauptstadt von New Jersey, deren Einwohnerzahl schrumpft und die unter der steigenden Kriminalitätsrate leidet, verrosten unzählige Autowracks hinter hohen Drahtzäunen. Wacklige Strommasten lenken den Blick in den grauen Himmel. Der einzige grüne Lichtblick ist das leuchtende Graffiti auf der mit Einschusslöchern übersäten Betonfassade eines alten Fabrikgebäudes. "Terracycle - Outsmart your waste", "Upcycle" und "Zero Waste" steht dort an der Wand.

Gleich im Eingangsbereich des flachen Baus versteht man, was gemeint ist: Stühle aus alten Trinkpäckchen und Stehtische aus Autofelgen sind dort aufgestellt, der Boden ist mit dem Kunstrasen vom Sportplatz einer ehemaligen Universität ausgelegt. Alles in dieser Fabrik besteht aus wiederverwertetem Müll. Genau das ist das erklärte Ziel des Unternehmens Terracycle: "Wir wollen dem Abfall eine zweite Chance geben", sagt Tom Szaky.

Das Auftreten des Gründers und CEO ist betont leger: Dreitagebart, strubbelige braune Haare, dazu Turnschuhe, Jeans und Pulli. Er habe früh gewusst, dass er Geschäftsmann werden will, erzählt der gebürtige Ungar. Seine Familie zog nach Kanada, da war er noch ein Kind, und doch war er sofort von der nord amerikanischen Unternehmerkultur begeistert. Mit gerade einmal 14 gründete er eine Grafikdesignfirma. Dass Szaky einmal ein sogenannter Ecopreneur werden würde, war eher Zufall. Es begann, als er 2001 für ein BWL-Studium nach Princeton ging.

Am Anfang war der Wurmkotdünger

Damals bat Tom Szaky Freunde in Toronto, sich um seine Pflanzen zu kümmern. Weil die sensiblen Gewächse einzugehen drohten, fingen seine Freunde an, Würmer mit Haushaltsabfällen zu füttern und den Kot als Düngemittel zu nutzen. Als Szaky davon erfuhr, war er so begeistert, dass er die Idee übernahm und bei einem Business-Plan-Wettbewerb an seiner Uni einreichte. Aus Geldnot diente eine gebrauchte Plastikflasche als Verpackung - quasi das Urmodell eines aus Abfall gewonnenen Produkts seiner künftigen Firma.

Was mit der Idee begann, Wurmkotdünger in gebrauchten Plastikflaschen zu verkaufen, ist heute eines der am schnellsten wachsenden umweltfreundlichen Unternehmen der Welt. Terracycle sammelt nichtrecycelbare Abfälle, schafft daraus neue Produkte und unterstützt gemeinnützige Organisationen. Mehr als 23 Millionen Menschen haben inzwischen Müll für das Unternehmen gesammelt, fast drei Millionen US-Dollar sind für wohltätige Zwecke zusammengekommen.

Um das zu schaffen, braucht es eine große Portion Zielstrebigkeit. "Anfangs war es schon schwer, andere von dem Dünger aus Wurmkot zu überzeugen", sagt Tom Szaky. Nachdem er beim Business-Plan-Wettbewerb in Princeton nur den fünften Platz belegt hatte, plünderte er sein Konto, um den Dünger selbst herzustellen und zu vertreiben. Als sein Geld zur Neige ging, hielt er das Unternehmen mit Preisgeldern aus weiteren Wettbewerben über Wasser, später schossen erste Investoren kleine Beträge zu. 2003 beschloss Szaky, sein Studium abzubrechen, um sich voll und ganz Terracycle zu widmen.

Die Konzentration auf seine Firma zahlte sich aus: Die ersten größeren US-Warenhäuser verkauften den Wurmkot-Dünger, Terracycle wuchs. Im Sommer 2007 dann wandten sich drei Großunternehmen an Szaky: ob er ihre bislang nicht recycelbaren Joghurtbecher, Energieriegelverpackungen und Trinkpäckchen auch wiederverwerten könnte? Er bot den Firmen an, die Verpackungen zu sammeln und in umweltfreundliche Produkte zu verwandeln. Die Kosten machte Szaky vom Schwierigkeitsgrad der Entsorgung abhängig: Für die Abnahme aufwendiger Abfälle wie etwa Windeln sollten die Unternehmen bezahlen. Weniger schwierig zu verarbeitende Produkte wie Trinkpäckchen nahm er umsonst. Und Abfälle aus wertvollem Material wie Joghurtbecher kaufte er den Unternehmen sogar ab.

Gleichzeitig entwickelte er ein Programm, um die Verbraucher zu motivieren, an seinem Modell mitzuwirken. Sie sollten die entsorgten Produkte von Terracycles Partnerunternehmen sammeln und an ihn schicken. Als Belohnung wollte er den Sammlern zwei Cent pro Abfalleinheit gutschreiben, Geld, das sie an eine gemeinnützige Organisation oder Schule spenden sollten. Den Firmen gefiel das Konzept, sie fingen an, es finanziell zu unterstützen. "Durch Terracycle können wir positiver mit unseren Kunden kommunizieren und ihnen eine Recyclinglösung für unsere Produkte bieten", sagt zum Beispiel Kim Frankovich, Vizepräsidentin der Nachhaltigkeitsabteilung des US-Plastikbecherherstellers Solo Cup.

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1. Fuer die USA neu vielleicht
ofelas 07.01.2012
Zitat von sysopWeltweit wachsen die*Müllberge,*nachhaltige Entsorgung ist teuer. Das US-Unternehmen Terracycle geht einen anderen Weg: Es nutzt Abfall als Rohstoff für neue Produkte - die es jetzt auch in Deutschland gibt. Kreative Abfallverwertung: Gib Müll eine Chance! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,805304,00.html)
"Neu" das machen Millionen von Menschen in der dritten Welt taeglich, auch wenn es sich weniger um Elektronikartikel handelt.
2. so so
felisconcolor 07.01.2012
Zitat von sysopWeltweit wachsen die*Müllberge,*nachhaltige Entsorgung ist teuer. Das US-Unternehmen Terracycle geht einen anderen Weg: Es nutzt Abfall als Rohstoff für neue Produkte - die es jetzt auch in Deutschland gibt. Kreative Abfallverwertung: Gib Müll eine Chance! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,805304,00.html)
Taschen aus CapriSonne Tüten. Wieviele Resourcen gehen schon bei der Säuberung der Trinktütchen verloren. Wird ja wohl keiner eine Tasche haben wollen wo einen der Schimmel aus den Nähten anspringt. Wäre schöner wir würden wieder zu vernünftigen Verpackungen zurück finden. Axo war ja Amerika. Dann lasse alle Hoffnung fahren.
3. Umsetzung zweifelhaft
leepzscher 07.01.2012
Die Fotos zeigen Produkte, die m.E. niemls im Umlauf waren. Beispielsweise sind die Caprisonne-Packungen exakt ausgerichtet wie sie hergestellt wurden. Für mich hat der Hersteller einfach die Verpackungen fabrikfrisch und VOR der ersten Nutzung genommen und dann benutzt. Sich vorzustellen, die geknuellten und mit Fluessigkeitsresten versehenen Umverpackungen auszurichten und dann evtl erwaermten Packungen zuverschmelzen, das geht gar nicht. Auch bisher wurden gekennzeichnete Plastikartikel in Deuschland sortenrein getrennt, geschreddert und wiederververwertet. Pro Schule einen Sack mit 800 Stiften einzusammeln, zutransportieren klingt absolut unwirtschaftli h. Und dann beschaeftigt der umtriebige Ungar noch unter Tarif. Alles fake.Unser System gruener Punkt kann sicher verbessert werden und auf die Ruecknahme von Artikeln, nicht nur Verpackungen, ausgedehnt werden. Aber fuer jedes Produkt Stift, Saftpackungen usw. eine eigene Sammelstrecke auszubauen kann sich nicht rechnen, ist also nur Marketing.
4. Da lach ich mich jetzt wirklich kaputt !
ichlachmichkaputt 07.01.2012
Zitat von ofelas"Neu" das machen Millionen von Menschen in der dritten Welt taeglich, auch wenn es sich weniger um Elektronikartikel handelt.
So eine Tasche aus Capri-Sonne-Beuteln hat meine Frau schon vor 10 Jahren gekauft. Und das soll eine neue Idee sein? Noch nicht einmal die Idee mit gekauften Veröffentlichungen in einschlägigen Medien ist neu. Nur mal am Rande bemerkt: Müll ist Müll und bleibt Müll. Auch wenn eine kurzfristige Zwischlösung gefunden wurde, am Schluss landen diese lächerlichen Artikel alle auf dem Müllberg. Ein Lösungsansatz wäre Müllvermeidung, nicht Müllverwertung. Darüber sollte der Spiegel mal einen intelligenten Artikel schreiben.
5. Schwachsinn
opogog 07.01.2012
Hier werden aus Dingen mit kurzer Lebensdauer wieder Dinge mit ebenfalls kurzer Lebensdauer hergstellt. Der Einsatz von Energie dabei nicht zu verachten. Diese Energie kann man wesentlich Sinnvoller nutzen. Auch in Deutschland liegen tausende von Tonnen Rohstoffe und recyclingfähige Stoffe in geschlossenen und abgedeckten ehemaligen Mülldeponien. Bis zur Einführung von verordnetem Mülltrennen ist ja alles in eine Tonnen gewandert. Hier sollte angeriffen werden. Grade was Rohstoffe angeht ist Deutschland auf Importe angewiesen. Mit unserer Hochtechnologie und der damit einhergehendem Rohstoffbedarf am Edelmetallen und Seltenen Erden, aus denen wiederum Legierungen hergestellt werden ist enorm. Und die Preise auf dem Weltmarkt steigen und steigen. Mittlerweile sind die Preise so hoch, dass aus allen Bauteilen diese Materialien herraus recyclet werden. Und wie erwähnt über Jahrzente wurden solle Rohstoffe auf einen Haufen gekippt und irgendwann Erde drüber gekippt, war ja Müll und Müll will ich nicht sehen. Also alle Deponien aufmachen und abtragen.
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