Kreditwürdigkeit Wie faires Scoring aussehen könnte

Auskunfteien wie die Schufa sagen, ob wir kreditwürdig sind - Fehler in den Daten haben unangenehme Folgen für uns. Kritiker fordern deshalb mehr Transparenz bei der Bewertung. Andere Länder machen es vor.

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Beim Onlinekauf, bei der Suche nach einer Mietwohnung oder wenn wir eine Finanzierung benötigen - fast überall wird unsere Kreditwürdigkeit abgefragt. Wurde die Bonität von Verbrauchern früher vor allem geprüft, wenn sie einen Kredit oder eine Ratenzahlung im Möbelhaus beantragt haben, wird inzwischen bei nahezu jedem Onlinekauf die Möglichkeit eines Zahlungsausfalls abgefragt. Die Händler wenden sich dazu an Auskunfteien wie die Schufa, Creditreform Boniversum oder Arvato Infoscore.

Und bei fast jedem Vertrag, den wir abschließen, liefern wir ein Puzzleteil für das sogenannte Scoring, die Bewertung unserer Kreditwürdigkeit. Die Schufa beispielsweise sammelt als einflussreichste Auskunftei Deutschlands Daten von mehr als 67 Millionen Verbraucherinnen und Verbrauchern. Daraus trifft sie Vorhersagen über die Zahlungssicherheit.

Wenn die Datenbasis allerdings falsch oder unvollständig ist, kann das verheerende Folgen für die Betroffenen habe. So werden Kredite verweigert oder Bestellungen abgelehnt. Auch wer die falsche Adresse hat, kann unter Umständen eine negative Bewertung bekommen. Alter und Geschlecht können sich ebenfalls auf die Risikobewertung auswirken.

So weit, so unfair. Doch wie könnte ein faires Scoring aussehen?

Wie genau die Schufa ihr Scoring erstellt, ist geheim. An diesem Punkt setzen Kritiker an. "Ein faires Scoring ist ein transparentes Scoring", sagt beispielsweise der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Gert Wagner, der Mitglied im Sachverständigenrat für Verbraucherfragen (SVRV) ist und das Verbraucherschutzministerium berät.

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Nur Transparenz stelle sicher, dass das Scoring auch wirklich misst, was es zu messen vorgibt. Als Beispiel nennt der Experte den Fico-Score in den USA, der deutlich transparenter sei. Damit wird die Kreditwürdigkeit von Bankkunden bemessen.

In die Fico-Bewertung gehen folgende Faktoren ein:

  • die Zahlungshistorie mit 35 Prozent
  • die Schuldenlast mit 30 Prozent
  • die Länge der Kreditgeschichte wird mit 15 Prozent bemessen
  • die Arten der Kredite machen zehn Prozent aus
  • die jüngsten Kreditanfragen fließen ebenfalls mit zehn Prozent ein.

Nicola Jentzsch, die das Arbeitsgebiet "Datenökonomie" bei der Stiftung Neue Verantwortung leitet, setzt ebenfalls auf Transparenz. Sie fordert beispielsweise, dass Auskunfteien künftig vierteljährlich Bericht an die Behörden erstatten sollten, "und zwar über den Umfang der Datensammlung, die eingesetzten Modelltypen, die Qualität der Modelle und die Qualität der Datenbasis".

Als positives Beispiel führt auch sie die USA an, wo Scoring-Unternehmen in den sogenannten Facta-Reports Bericht erstatten müssen. Doch auch anderswo gibt es laut Jentzsch Vorbilder: "In Südafrika gibt es beispielsweise den Credit Bureau Monitor, der positiv aufgenommen wurde, obwohl sich die Industrie vor dessen Einführung stark dagegen gewehrt hatte."

Zudem sollten die Unternehmen fünf bis zehn Einflussfaktoren auf den Score, die verschiedenen Datenquellen, sowie die Einordnung in die unterschiedlichen Risikoklassen veröffentlichen, um das Scoring gegenüber Betroffenen transparenter zu machen, fordert Jentzsch. "Wir verbessern damit auch die Qualität der Daten."

Verzicht auf diskriminierende Merkmale

Regierungsberater Wagner vom SVRV will den Verbrauchern mehr Macht geben. "Sie sollten das Recht erhalten zu verstehen und im Detail prüfen zu können, wie ihr Score zustande kommt", sagt er. Autoversicherungen und Krankenkassen würden dies bei ihren Bonusprogrammen bereits erfüllen.

Neben Transparenz fordert Wagner für ein faires Scoring einen Verzicht auf Merkmale wie die Wohngegend, die nicht ursächlich für Zahlungsverhalten ist, oder Angaben zu Alter oder Geschlecht, wenn die Gesellschaft das als diskriminierend bewertet. Welche Merkmale in ein Scoring eingehen sollten, könne grundsätzlich nicht wissenschaftlich entschieden werden, sondern nur gesellschaftlich, sagt Wagner.

Auch Jentzsch von der Stiftung Neue Verantwortung sieht bei der Frage, welche Daten für das Scoring verwendet werden dürfen, Regulierungsbedarf. So müsste geprüft werden, ob der Wohnort von Personen den Score negativ beeinflusst. In den USA ist das als 'redlining' verboten.

"Wir brauchen auch eine gesellschaftliche Diskussion darüber, inwiefern es gerecht ist, unabänderliche Merkmale zu scoren wie beispielsweise das Geschlecht", sagt die Expertin. Außerdem sollten Personen, die temporäre Zahlungsprobleme aufgrund von unvorhergesehenen Lebensereignissen wie Scheidungen oder Krankheiten haben, nicht abgestraft werden.

Zusätzlich sollten die Behörden Jentzsch zufolge in größerem Umfang als bisher die Anbieter überprüfen. Diese Audits sollten mit Experten aus Statistikbehörden oder Forschungsinstituten durchgeführt werden. Ein wichtiger Schritt zu einem gerechten Scoring wäre auch, das Fehlen von Daten nicht negativ zu bewerten, sagt Jentzsch.

Widerstand ist möglich

"Es gibt auch Länder wie Frankreich und Belgien, die das Scoring komplett in die öffentliche Hand legen und keine privatwirtschaftlichen Akteure im Land erlauben", sagt Jentzsch. Dafür gebe es sowohl Vorteile, beispielsweise für die Privatsphäre, als auch Nachteile: "Innovationen in dem Bereich Scoring sind wahrscheinlich eher im Wettbewerbsmodell zu erwarten".

Regierungsberater Wagner spricht noch einen weiteren Punkt an: "Zu einem fairen Scoringprozess gehört auch, dass sich die Betroffenen rechtlich dagegen zur Wehr setzen können." Als Beispiel führt er die Benotung an Schulen oder die Punkte in der sogenannten Verkehrssünderkartei in Flensburg an. "Man kann sich auch gegen die Schufa wehren, das ist nur zu kompliziert", sagt er.

Offenlegung: Der Schufa-Mitbewerber Arvato gehört zum Bertelsmann-Konzern. Dessen Tochter, der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, ist mit 25,5 Prozent am SPIEGEL-Verlag beteiligt. Der SPIEGEL berichtet ungeachtet dessen redaktionell unabhängig.


Zusammengefasst: Die Scoringprozesse von Unternehmen wie Schufa oder Creditreform sind umstritten: Falsche Angaben oder fehlende Daten können für betroffene Verbraucher schwerwiegende Folgen haben. Kritiker bemängeln bei den Anbietern fehlende Transparenz und die Verwendung von Merkmalen wie Alter, Geschlecht oder Wohnort. Neben einer gesellschaftlichen Diskussion darüber fordern Experten eine stärkere Überprüfung der Auskunfteien und mehr Rechte für Verbraucher.



insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 01.12.2018
1.
Das System Schufa muss unbedingt transparenter werden. Denn erstens beeinflusst es massiv unser Leben (Mietwohnung suchen mit schlechtem Schufascore?), und man weiß nicht, wie der Score berechnet wird. Ich würde es begrüßen, wenn die Schufa jedem einmal pro Jahr automatisch eine Auskunft erteilen müsste, welche Daten über einen gespeichert sind und wie sich der Score errechnet hat. Dass in Zeiten der DSGVO die Schufa derart geheimniskrämerisch sein darf, gehört dringend per Gesetz geändert.
Igelnatz 01.12.2018
2. personenbezogene Daten
muss die Schufa nicht meine Daten löschen, wenn ich sie dazu auffordere? Wer kann dazu etwas beitragen?
Mehrleser 01.12.2018
3.
Zitat von Igelnatzmuss die Schufa nicht meine Daten löschen, wenn ich sie dazu auffordere? Wer kann dazu etwas beitragen?
Siehe https://finanzmarktwelt.de/dsgvo-schufa-daten-loeschen-lassen-das-ist-die-reaktion-der-datenkrake-91854/ Aber: Schufa-Daten löschen ist gut und schön, wenn man per Vorkasse bestellt. Dann werden sich die Versender die (kostenpflichtige) Schufa-Abfrage sparen. Wenn ich aber einen Kredit möchte oder es um einen Mietvertrag geht, dann klappt das nur mit einer positiven Schufa-Auskunft, keine Schufa-Daten entspräche dann einer schlechten Schufa-Auskunft. Daher halte ich es für sinnvoller, jährlich kostenlos die eigenen Daten abzufragen und auf Löschung alter oder unrichtiger Daten zu bestehen. Macht der Schufa auch mehr Arbeit.
whitewisent 01.12.2018
4.
Die Diskussion geht von völlig falschen Voraussetzungen aus! Eine neue "Risikobewertung", welche vor allem Überschuldete, Insolvente und Mietnomaden unterstützt, und Wirtschaftsunternehmen schwächt, kann nicht im Interesse der Gesellschaft sein! Niemanden wird allein wegen der PLZ in der er wohnt ein Kredit verweigert. Dazu gehören immer auch andere Fakten, und es betrachtet ja auch bei der PKW-Versicherung jeder als völlig normal, daß eine Datenflut erfasst wird, um das Risiko entsprechend dem Wohnort, Fahrverhalten und Beruf von verschiedenen Menschen anhand der Erfahrung mit anderen Menschen ermittelt werden. Übrigens heißt ein mieser Schufawert ja auch noch nicht, daß man keine Verträge bekommt, nur weiß dann der Vertragspartner um das Risiko, was sich eben ggf. in anderen Preiskonditionen auswirkt. Auch das Prinzip hält man bei der Ermittlung von Kreditzinzen oder einer seriösen Mietkalkulation für völlig normal. Wenn statt 1% der Mieter 10% ein Ausfallrisiko darstellen, müssen halt alle anderen Mieter dieses Risiko in Zukunft mittragen durch einen höheren Mietzins. Nicht weil der Vermieter so böse ist, sondern weil das wiederum seine finanzierenden Banken von ihm erwarten. Wer etwas Anderes will, und sowas ausblendet ist blind für die Realität, wonach schon 7 Mil. Menschen überschuldet sind, klar, daß man mit denen nur noch Bargeldgeschäfte macht, denn sie sind finanziell höchst unzuverlässig. In Berlin und Bremen sind das jeder Siebente! Wer will da Unternehmen zumuten, mit ihrem Kapital Lotto zu spielen, nur weil sich diese Menschen nicht entsprechend verhalten können? Man würde ja auch keiner GmbH Vorkasse geben, welche als finanziell unseriös bekannt ist.
desktopper 01.12.2018
5. Realismus ist manchmal hart
Ich sehe das intransparente Scoring-System der Schufa durchaus kritisch. Adresse, Alter und Geschlecht dürfen keine Rolle spielen, das wäre diskriminierend, weil es für den Betreffenden im wesentlichen nicht veränderliche Kriterien sind. Adresse, ist "veränderbar" aber es ist völlig unrealistisch, dass jemand umziehen "muss", nur damit er einen Handyvertrag bekommt. Zudem ist absolut unklar, warum und ob diese Kriterien überhaupt einen Einfluss auf die Kreditwürdigkeit haben. Bei Arbeitslosigkeit, Scheidung, strafrechtlicher Verurteilung und ja auch Krankheit (darüber kann man jetzt - moralisch - streiten) sehe ich ganz klar den erheblichen Einfluss auf die zu erwartende verlässliche Zahlungs(un)fähigkeit. Aus Sicht der möglichen Gläubiger kann dies durchaus wesentlich und im Extremfall sogar existenzwichtig sein. Auch diese Perspektive gilt es zu beachten.
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