Kritik von Verbraucherschützern Banken tricksen mit teuren Dispokrediten

Die deutschen Geldinstitute geraten in die Kritik: Verbraucherschützer werfen den Banken vor, ihre Kunden beim Kampf gegen Schulden falsch zu beraten. Wer einen teuren Dispokredit in einen günstigen Ratenkredit umwandeln will, bekommt oft eine Abfuhr - mit fadenscheinigen Argumenten.

Beratung bei der Bank: Umschuldungswünsche der Kunden werden oft ignoriert
Corbis

Beratung bei der Bank: Umschuldungswünsche der Kunden werden oft ignoriert


Hamburg - Wer sein Konto dauerhaft überzieht, muss dafür hohe Gebühren zahlen: Rund zwölf Prozent Zinsen nehmen die meisten Banken für Dispositionskredite. Eigentlich soll der Dispo helfen, kleinere finanzielle Engpässe zu überbrücken. Doch laut einer aktuellen Studie des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) geben die befragten Schuldnerberater an, dass über 90 Prozent der Ratsuchenden ihr Girokonto länger als zwölf Monate überziehen. Und nicht nur um Kleckerbeträge: Vier von zehn Betroffenen sind mit 3000 Euro und mehr im Minus.

Um nicht an horrenden Zinsen zu ersticken, könnten die Schuldner auf günstigere Ratenkredite umschulden - theoretisch. Praktisch funktioniert das aber selten: Die Verbraucherzentrale bemängelt, dass in 70 Prozent der untersuchten Fälle die Banken die Umschuldungswünsche ihrer Kunden ignorieren oder ablehnen.

Als Begründung geben sie häufig ein zu niedriges Einkommen oder fehlende Kreditwürdigkeit an. "Das ist ein Ablenkungsmanöver, denn der Dispokredit wurde ja bereits eingeräumt", sagt Andrea Heyer, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Sachsen. Ein näherliegender Grund sei das Eigeninteresse der Bank, die am Dispokredit demnach doppelt so viel verdient wie am Ratenkredit.

20 Milliarden Verluste durch Falschberatung

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage: Gelingt der Wechsel in einen Ratenkredit doch, stehen viele Schuldner noch schlechter da - in drei von vier Fällen, so die Verbraucherschützer. Der Grund: Die Banken verkaufen den Kunden bei der Umschuldung gern teure Zusatzverträge, vor allem Restschuldversicherungen, die die Kredite aufblähen. Besonders Banken, die bevorzugt Restschuldversicherungen verkaufen, seien oftmals zur Umschuldung bereit. Die Verbraucherzentrale fordert eine gesetzliche Pflicht für Banken, Kunden eine Umschuldung in einen zinsgünstigeren Ratenkredit anzubieten, wenn sie ihren Dispokredit länger als zwölf Monate voll ausschöpfen.

In Deutschland sind zwischen drei und vier Millionen Haushalte verschuldet. Viele von ihnen suchen Rat bei rund 1000 behördlich anerkannten Schuldnerberatungsstellen. 59 davon befragte die Verbraucherzentrale.

Den Zeitpunkt für die Untersuchung haben die Verbraucher gut gewählt: Am Mittwoch diskutieren die Abgeordneten auf einen Antrag der Grünen die Einführung eines Finanzmarktwächters - einer Interessenvertretung für Verbraucher auf den Finanzmärkten. Das ist laut einer Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bitter nötig: Sie hat ergeben, dass den Verbrauchern jährlich rund 20 Milliarden Euro Verluste durch falsche Finanzberatung entstehen.

kpa

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Yogial 20.09.2011
1. Binsenweisheit
Im Umgang mit Banken muss man das Wort beraten in seine für den Bankenbereich typischen Silben zerlegen. BERATEN setzt sich zusammen aus BEtrügen und verRATEN. Allein innerhalb der der letzten 7 Tage sind zwei Fälle in meinem Bekanntenkreis aufgetaucht. Ein als sichere Anlage verkaufter Schiffsfond, den die Bank jetzt großzügigerweise für 10% seines ehemaligen Wertes zurückkaufen würde und die Verweigerung einer Kreditübertragung, um eine Vorfälligkeitsentschädigung kassieren zu können. Und das alles mit alten Leuten, die sich nicht wehren können.
Phoeni, 20.09.2011
2. ...
Mich würde auch einmal interessieren, wie es sein kann, das Dispozins, bzw. der noch teurere Überziehungszins trotz historischer Niedrigszinsen für die Banken quasi konstant geblieben ist. Im gleichen Zug sind Habenzinsen nur noch in Homöopathischen Dosen zu haben...
Ex-Kölner 20.09.2011
3. Wessen Konto dauerhaft in den Miesen ist...
...dessen drängendstes Problem ist nicht der Zinssatz. Vielmehr sollte man oder Frau sich überlegen, wie man es schafft, daß das Geld nicht vor dem Monat zu Ende ist.
Peter Schweizer 20.09.2011
4. Keine Bank ist dein Freund …
ich kann das aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Meine Hausbank hätte mich per Dispo über kurz oder lang in den Ruin getrieben – wenn ich nicht rechtzeitig gegen gesteuert und mich gewehrt hätte. Beratung in diesem Fall gleich Null, von Seiten der Bank ist kein Interesse da, einem Kunden aus diesem Teufelskreis zu helfen, wieso auch?
Munku 20.09.2011
5. Verhandlung
Was ist das denn für eine Nullmeldung ? Wer einen Ratenkredit braucht sollte den mit der Bank verhandeln, _bevor_ er in den Dispo rutscht. Was glaubt der Autor wohl, warum die Banken hohe Zinsen für den Dispo verlangen ? Weil ein Dispo entweder sehr kurzfristig ist, und für langfristige Anspruchnahmen der Schuldner wohl nicht sehr kreditwürdig ist (ansonsten würde er den teuren Dispo ja abbezahlen/umschulden).
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