Bücherlieferung von Amazon verschwunden? Zalando-Schuhpaket überfällig? Das ist ärgerlich, aber verkraftbar. Doch was tun, wenn man etwas so Wertvolles wie einen Ehering verschicken will? Die Antwort: Man lässt es am besten bleiben.
Meine Frau hat ihren Ehering verloren. Tagelang haben wir die Wohnung auf den Kopf gestellt, aber er ist und bleibt verschwunden. Unsere Ringe waren einzigartig, mit eingravierten mongolischen Schriftzeichen, ein Hamburger Goldschmied hat sie angefertigt.
Ihn rufe ich an, damit er ein Duplikat erstellt.
"Dazu brauche ich aber den verblieben Ring", sagt er. "Foto reicht nicht."
"Ich wohne jetzt aber in München", antworte ich.
"Wenn du ihn nicht vorbeibringen kannst", sagt der Goldschmied seufzend, "dann muss es wohl per Post gehen."
Er klingt unglücklich, als er das sagt. Tja, damit wären wir schon zu zweit. Wer häufig Pakete bekommt, weiß, dass auf dem Weg von A nach B eine Menge schief gehen kann: Sendungen verschwinden spurlos, werden wildfremden Kioskbesitzern zugestellt oder kommen zerlöchert an.
Der UPS-Mann hat kein Kleingeld
Normalerweise ist mir das egal. Schwund ist schließlich überall. Aber wenn der verbleibende Ring flöten ginge, wäre das eine Katastrophe. Denn zu den geschätzten 1500 Euro Materialwert kommen der kaum zu bemessende ideelle Wert - und der Umstand, dass eine Rekonstruktion des ersten Ringes bei Verlust des zweiten unmöglich wäre.
"Bloß nicht mit der Post", sagt der Goldschmied. "UPS ist ganz gut."
Als ich auf der Webseite von UPS versuche, eine Sendung in Auftrag zu geben, kommen mir erste Zweifel an dieser Aussage. Das Nutzer-Interface scheint seit dem Zusammenbruch des Neuen Markts nicht mehr modernisiert worden zu sein. Und die nächste Dependance befindet laut Online-Filialfinder angeblich in Kempten.
Nach circa 20 Minuten gelingt es mir, ein üppig versichertes Overnight-Kurierpaket für knapp 60 Euro zu ordern, das sogar abgeholt wird.
Ich warte den ganzen Tag. Gegen 17 Uhr rufe ich bei UPS an.
"Der Kurier hat vermerkt, Sie seien nicht da gewesen."
Gar nicht wahr. Ich bitte die Service-Dame, noch einmal jemanden vorbeizuschicken.
"Okay. Um was für eine Lieferung ging es denn genau, Herr König? Hier im System steht nichts mehr."
Ich merke, wie mir fröstelt. Den genauen Pakettarif weiß ich leider nicht mehr. Ich kann den Auftrag auch nirgendwo nachschauen, weil das UPS-Onlinesystem mir keine Bestätigungsmail geschickt hat. Also alles neu.
Eine Stunde später kommt ein UPS-Mann. Ich halte ihm Paket und Kreditkarte hin.
"Nee, Karte geht nicht."
"Ich hatte aber ausdrücklich mit Kartenzahlung geordert."
"Sorry, nur Bargeld."
Ich hole zwei Fuffziger und halte sie ihm hin.
"Nee, sie müssen mir das auf den Cent abgezählt geben. Ich habe kein Wechselgeld."
Kann ich nicht, und inzwischen will ich auch nicht mehr. Denn mir drängt sich der Eindruck auf, dass diese UPS-Typen vollauf damit ausgelastet sind, ihre Hosen hochzuhalten. Ob dieser Eindruck stimmt, werde ich nie erfahren, denn das Unternehmen reagierte nicht auf Bitte um Stellungnahme. Aber soviel ist sicher: Nie im Leben werde ich denen meinen kostbaren Ring aushändigen.
Die Post kann zumindest Paketannahme
Am nächsten Tag versuche ich es bei der örtlichen Postfiliale. Auch hier kann man versicherte Expresssendungen aufgeben, die nur gegen Unterschrift zugestellt werden. Dauert aber. "Das hat noch nie jemand bestellt", sagt die Schalterdame entschuldigend. Aber 15 Minuten und etwa 20 Euro später ist die Sache erledigt.
Am Tag darauf ruft mich der Goldschmied an. "Ist angekommen. Hast du das als normales Päckchen geschickt?
"Nein, per Superduper-Kurier, wieso?", frage ich.
"Lag einfach so im Flur rum. Glück gehabt."
Als der neue Ring sechs Wochen später fertig ist, teilt mir der Goldschmied mit, er schicke ein Paket los, natürlich wieder per Express-Handzustellung. Nun ist das Kuvert doppelt soviel wert wie auf dem Hinweg.
Kommt aber kein Kurier. Als ich am Mittag aus dem Haus gehe, finde ich den Umschlag mit meinen Eheringen im Flur. Irgendwie ist der DHL-Mann offenbar ins Haus gelangt, aber zum Klingeln hat es dann doch nicht gereicht. Immerhin, die Post regiert auf eine Anfrage: "Der Fehler liegt ganz offensichtlich bei dem Kurier", der hätte die Sendung gegen Unterschrift zustellen und gegebenenfalls eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten stecken müssen.
Wir leben in seltsamen Zeiten, denke ich mir, als ich meinen Ring anstecke. Wir können eine Mail in Sekundenbruchteilen um den ganzen Planeten jagen, in einer Stunde von Hamburg nach München fliegen und im Dezember erntefrische Mangos essen. Aber ein Paket sicher von A nach B zu befördern, das ist anscheinend ein Ding der Unmöglichkeit. Einerseits.
Andererseits lehrt uns diese Episode an das Gute im Menschen allgemein und im Nachbarn im Besonderen zu glauben. Denn trotz reichlich Gelegenheit hat immerhin niemand meine Ringe gestohlen. Für diese vorweihnachtliche Erkenntnis gebühren Post und UPS uneingeschränkter Dank.
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH