Von Stefan Schultz
Hamburg - Die Stimmung könnte diffuser nicht sein. Da ist auf der einen Seite die weltweite Krise: Die Euro-Retter kämpfen um neue Hilfen für Griechenland; Neelie Kroes, die Vizechefin der EU-Kommission, hält inzwischen sogar den Staatsbankrott der Hellenen für denkbar. Europa schlittert am Rand einer Rezession entlang, die USA türmen enorme Schuldenberge auf.
Und da ist auf der anderen Seite die Börse. Hier steigen und steigen die Kurse. Gleich auf mehreren Kontinenten haben die Indizes Rekordstände erreicht.
Woher kommt der Boom?
Aus Sicht von Experten gibt es tatsächlich gute Gründe, derzeit auf Aktien zu setzen. So gibt es Hoffnung, dass sich die Konjunktur besser entwickelt als erwartet. Die Weltwirtschaft wird im laufenden Jahr voraussichtlich um drei Prozent wachsen. In der Bundesrepublik drehen Konjunkturindikatoren ins Plus, die deutschen Exporte haben im vergangenen Jahr erstmals die Eine-Billion-Euro-Marke geknackt. Für die Unternehmen sind das gute Aussichten - das lässt ihre Aktienkurse steigen.
Zudem gibt es kaum lohnende Alternativen zu Aktien. Schon jetzt liegen die Zinsen auf einem historisch extrem niedrigen Niveau, und die großen Zentralbanken erwägen schon neue Eingriffe, um die Konjunktur zu stützen: Die Europäische Notenbank dürfte die Leitzinsen demnächst senken; die US-Notenbank frisches Geld in den Markt pumpen. Zinsabhängige und zugleich als sicher wahrgenommene Anlagen wie Bundesanleihen oder Tagesgeldkonten werfen dadurch nur sehr mickrige Renditen ab. Oft liegen diese sogar unter der Inflation. Man verliert also unterm Strich Geld. "Immer mehr Anlegern wird klar, dass sichere Anleihen ihr Vermögen nicht schützen", sagt Philipp Vorndran, Anlageberater bei Flossbach von Storch. Anleger investierten daher verstärkt in Immobilien, Gold - und vor allem Aktien.
"Die Kombination aus niedrigen Zinsen und guten Konjunkturaussichten wirkt wie ein Turbo", sagt Reinwand von der Helaba. "Viele sind skeptisch ins neue Jahr gestartet und haben sich zunächst zurückgehalten. Der aktuelle Boom zeigt, dass diese Skepsis nun nachlässt."
Wie lange hält das Kursplus an?
Fragt sich nur: Wie lange hält die Euphorie an? Kommt nach dem wochenlangen Anstieg nicht irgendwann der Einbruch? Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet am Mittwoch schon über den "Gegenindikator Kleinanleger". Kleinanleger seien "emotionale Lemminge", heißt es in dem Artikel. Sie würden aktuellen Trends hinterherlaufen. Wenn Kleinanleger einsteigen, gelte das unter Profis als Warnsignal, dass es bald wieder bergab gehen könnte.
Doch im Moment sieht es eher nicht danach aus. "Wir sehen noch Luft nach oben", sagt Reinwand. "Es wird sich auf mittlere Sicht lohnen, auf Aktien zu setzen." Auch Vorndran sagt: "Die Aussichten für Gewinne auf dem Aktienmarkt sind auf längere Sicht gut."
Etwas skeptischer äußert sich ihr Kollege Robert Halver von der Baaderbank. "Ja, die Kurse haben das Potential, in den kommenden Monaten weiter zu steigen", sagt er. "Aber nur, wenn die Politik nicht alles zerstört."
Tatsächlich gibt es große Unsicherheitsfaktoren, beispielsweise die Drohung Irans, die Straße von Hormus zu blockieren, durch die ein großer Teil der weltweiten Öllieferungen fließt. Oder eine erneute Verschärfung der Euro-Krise, zum Beispiel durch eine Pleite Griechenlands. Beides würde das weltweite Wirtschaftswachstum abwürgen - und die Börsenkurse hinabziehen.
Doch derzeit scheint man am Markt eher damit zu rechnen, dass Griechenland ein neues Rettungspaket erhält. Und manche Experten glauben sogar, dass selbst eine Pleite Griechenlands die Aufwärtsentwicklung an der Börse nicht dauerhaft stoppen kann. "Anleger gehen davon aus, dass sich die Euro-Retter auf alle Eventualitäten vorbereitet haben und selbst für diesen Fall vorsorgen", sagt Reinwand. "Der Markt versucht, Griechenland abzuhaken", sagt Vorndran.
Wie profitiere ich vom Boom?
Die Voraussetzungen für einen Aktienkauf sind also günstig. "Wer Aktien kaufen möchte, sollte es jetzt tun", sagt Vorndran. Doch wie profitiert man als kleiner Anleger vom Boom? Vorndran empfiehlt, vor allem in Qualitätsaktien zu investieren. Sprich: Papiere von Unternehmen mit einem globalen, nachhaltigen Geschäftsmodell, die kleinen konjunkturellen Schwankungen trotzen. Beispiele seien Microsoft
, Nestlé oder Coca Cola
.
Halver hält es für möglich, dass die Kurse in absehbarer Zeit etwas nachgeben, weil Anleger einen Teil ihrer Aktienbestände abstoßen, um die bisher angefallenen Gewinne zu kassieren. "Kleinanleger sollten einen solchen Rücksetzer abwarten - und dann investieren, am besten regelmäßig, zum Beispiel in Form von Sparplänen", empfiehlt er. Bei diesem Modell investiert der Anleger zum Beispiel jeden Monat einen Betrag in ein oder mehrere Aktienfonds - Schwankungen beim Einstiegskurs werden so automatisch ausgeglichen.
Für Investitionen in Aktien gibt es übrigens noch einen guten Grund: Sie werfen selbst bei stagnierenden Kursen noch Gewinne ab, manche sogar bei leicht sinkenden Kursen. Grund ist die jährliche Gewinnausschüttung an Aktionäre, die Dividende. Einige Konzerne geben einen vergleichsweise großen Teil ihrer Gewinne an Aktionäre weiter. Bei der Allianz
etwa liegt die Dividendenrendite laut "Handelsblatt" bei 5,2 Prozent; beim französischen Medienkonzern Vivendi
sind es neun Prozent, bei der spanischen Telefonica
gar zwölf Prozent.
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