Luxus-Lautsprecher Boom des Bummbumm

Wozu braucht ein Jachtbesitzer Lautsprecher für mehrere Hunderttausend Euro? Zum Karaoke-Singen natürlich! Asiaten und Russen reißen sich um Luxus-Boxen made in Germany. Die Deutschen selbst mögen es etwas günstiger.

Burmester

Von Kevin Schrein


Als Jörn Janczak das Modell T1 präsentierte, war er überzeugt, mehr werde ein Kunde nie für einen Stereo-Lautsprecher bezahlen. Ein T1-Lautsprecherpaar kostet so viel wie drei 911er von Porsche: rund 300.000 Euro.

Doch nach einigen Wochen klingelten bei Janczaks Firma Tidal die Telefone. Die immer gleiche Frage: Geht noch mehr? Janczak nistete sich in seiner Werkstatt in Hürth ein und entwickelte die LaAssoluta. Preis: 700.000 Euro. In diesem Jahr kommt das Stereopaar auf den Markt. "Die ersten Lautsprecher sind schon verkauft", sagt Janczak.

Nach dem Surround-Boom Anfang des Jahrtausends feiert nun die Stereowiedergabe ihr Comeback. Kunden aus Asien, Russland und Südamerika reißen sich um große und teure Stereolautsprecher made in Germany.

Viele deutsche Hersteller sind stark im Export. Sie profitieren vom Wirtschaftswachstum in Asien, das viele Millionäre hervorgebracht hat. "Rund 70 Prozent unserer Lautsprecher verkaufen wir nach Hongkong, China, Vietnam und Südkorea", sagt Tidal-Geschäftsführer Janczak. Der Rest entfällt auf Russland und Europa.

Kürzlich installierte er Stereolautsprecher für mehrere Hunderttausend Euro in der Jacht eines reichen Russen. Dieser schloss daraufhin seine Karaokeanlage an. "Klar, für einige unserer Kunden sind das reine Statussymbole", sagt Janczak. "Aber es sind auch viele Musikliebhaber darunter."

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Janczak gründete seine Firma vor 16 Jahren. Der Anfang sei schwer gewesen, sagt er. Hi-Fi-Firmen leben von ihrem Ruf, ihrer Tradition. Das ist ihr Kapital. Mittlerweile ist Tidal bekannt, der Umsatz wuchs seit 2010 Jahr für Jahr um jeweils 40 Prozent. Aber auch Traditionsfirmen spüren die Nachfrage nach deutschen Stereosystemen.

Dieter Burmester betreibt seit 40 Jahren in Berlin die Burmester Audiosysteme GmbH. Er war einer der ersten Hersteller, die in Hongkong verkauften und später nach China lieferten. 2014 feierte er das beste Jahr der Firmengeschichte. Der Umsatz wuchs um rund zehn Prozent. Ein Ende des Booms ist vorerst nicht in Sicht. Weitere Länder kommen zu Wohlstand: "Brasilien ist interessant, Chile auch", sagt Burmester.

Die Rasenmäher unter den Boxen

In Deutschland dominieren Hersteller aus dem mittleren Preissegment den Markt, Unternehmen wie Canton oder der Direktversender Nubert. Auch sie bieten hochwertigen Klang - allerdings eher für den Preis eines guten Aufsitzrasenmähers. Der Surround-Boom ist vorbei, das merken sie.

Die Kunden fragen nach hochwertigen Lautsprechern, die sie an Smartphone, Tablet oder Laptop klemmen, besser noch via Bluetooth ansteuern können. Beliebt sind kompakte Schallwandler, laut Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) vor allem Soundbars: breite, aber flache Lautsprecher, die unter dem Flatscreen Platz finden. Die meisten spielen klassisch in Stereo aus, einige bieten auch einen simulierten Surround-Sound. Reine Mehrkanal-Anlagen haben ihre beste Zeit hinter sich. "Der Markt für klassische Heimkinosysteme in Deutschland ist 2014 um 16 Prozent im Umsatz eingebrochen", sagt Bettina Steinbrenner von der GfK.

Nubert hat seit ein paar Jahren Aktivboxen im Sortiment, seit ein paar Monaten auch eine Soundbar. "Wir haben uns für eine Version entschieden, die in Stereo ausspielt und auf vorgegaukelten Surround-Sound verzichtet", sagt Roland Spiegler, Geschäftsführer im Bereich Marketing und Vertrieb. Die Nachfrage ist groß, die erste Ladung Soundbars ausverkauft.

Der Hi-Fi-Markt hat seine eigenen Gesetze: Krisen können in der Branche entstehen, wenn neue Erfindungen den Markt umkrempeln, wie der Trend hin von den Trägermedien CD und DVD hin zu Streaming-Diensten. Wirtschaftskrisen hingegen lassen die Hersteller kalt. Wenn die Wirtschaft brummt, geben die Menschen Geld für Audiotechnik aus - wenn Krise ist, auch.

"2008 und 2009 ging bei uns ohne Einbußen vorüber", sagt Dieter Burmester. "Ich hatte den Eindruck, die Menschen denken: 'Draußen ist Krise, ich kaufe mir eine gute Stereoanlage und verziehe mich in mein Wohnzimmer'."



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nadja_romanowa 14.03.2015
1. Was richtig feines gibt es bei denen.
Vor 20 Jahren war ich in Geithain. Da gibt es eine Firma, die Musikelectronic heißt. Die bauen richtig gute Boxen. Das einzige, was nach dem Hörgenuss schmerzt, ist der Blick in die Preisliste. Ansonsten: High End in Reinform.
marimba 14.03.2015
2. Die ideale Schallquelle ist bekanntlich ...
... punktförmig und hat nicht die Ausmasse eines Sarges. Sowohl bei manchen Herstellern als auch einer gewissen Klientel geht es v.a. ums Protzen (man betrachte das Äussere von Verstärkern in der Preisklasse ab ca. €5000). Heutzutage verfügt jeder Verstärker der Einstiegsklasse über einen hervorragenden DSP, der mit Leichtigkeit hohe und tiefe Frequenzen auftrennen kann. Dies gibt einem die Opportunität, zwei eher kleine Boxen für mittlere und hohe Frequenzen zu verwenden und die tiefen einem freundlichen Subwoofer zu überlassen (es dürfen auch zwei Subwoofer sein). Dieser Ansatz hat nur Vorteile: die Auswahl an Lautsprechern ist gigantisch, man braucht relativ wenig Platz und man kann die Technologie wählen (z.B. Bändchen-Hochtöner), die einem am meisten zusagt. Auch eine Ergänzung zum Surround-System ist möglich, wenn man das haben will.
Maverlized 14.03.2015
3. Deutscher Hang zur Perfektion ...
... ist noch immer das Image von uns im Ausland. Das zieht! Das SIEHT man dann auch am Produkt. Wenn es um (unsichtbaren) Sound geht, haben jedoch die pragmatischen Dänen schon immer die Nase vorn, wie man feststellt, wenn man in die Studios und Konzertsäle der Welt schaut. Und das für einen Gegenwert an Geld, der für Wohlklang im doppelten Sinn sorgt. Aber so ist er halt der Mensch: Oberflächlich im wahrsten Wortsinn.
Maverlized 14.03.2015
4. Instrumente ...
Zitat von marimba... punktförmig und hat nicht die Ausmasse eines Sarges. Sowohl bei manchen Herstellern als auch einer gewissen Klientel geht es v.a. ums Protzen (man betrachte das Äussere von Verstärkern in der Preisklasse ab ca. €5000). Heutzutage verfügt jeder Verstärker der Einstiegsklasse über einen hervorragenden DSP, der mit Leichtigkeit hohe und tiefe Frequenzen auftrennen kann. Dies gibt einem die Opportunität, zwei eher kleine Boxen für mittlere und hohe Frequenzen zu verwenden und die tiefen einem freundlichen Subwoofer zu überlassen (es dürfen auch zwei Subwoofer sein). Dieser Ansatz hat nur Vorteile: die Auswahl an Lautsprechern ist gigantisch, man braucht relativ wenig Platz und man kann die Technologie wählen (z.B. Bändchen-Hochtöner), die einem am meisten zusagt. Auch eine Ergänzung zum Surround-System ist möglich, wenn man das haben will.
... sind bekanntlich keine Punktquellen! Warum wohl? Beim Auto sagt man: "Hubraum ist durch nichts zu ersetzten - außer durch noch mehr Hubraum!" Das gilt bei Akustik auch für Schallquellen (Lautsprecherboxen). Dass man dann die aktiven Elemente so klein wie möglich machen sollte, liegt schon allein an der Tatsache, dass die bewegte Masse klein sein soll, um den hohen Fouriertransformierten jedes Tones auch ideal folgen zu können. Ein wenig Physik könnte Ihnen nicht schaden. Im Prinzip verstehe ich aber, worauf Sie hinaus wollen. Da stimme ich mit Ihnen überein: Die meisten Superreichen wollen nur protzen und mehr Schein als Sein. Das sieht man z.T. auch an den gewählten Materialien, die akustisch die Tränen in die Augen treiben!
tangshode 14.03.2015
5. Lasst es uns ihnen gönnen!
Die Produkte sind zwar mit ihren Phantasiepreisen maßlos überteuert, aber solange die Nachfrage das Angebot erreicht oder gar übersteigt ist doch alles prima. Hersteller ist glücklich. Kunde ist glücklich. Die Schallwandler und Verstärker sehen meist richtig schmuck aus und klingen ja nun wirklich nicht schlecht. Haben unsere Hersteller es eigentlich inzwischen geschafft, absolut lineare Frequenzgänge bei Verstärkung und Schallwandlung (bei Originalschallpegel ) zu erreichen?
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