Produktwerbung Die süßen Versprechen der Lebensmittelkonzerne

Ob "Verringert die Müdigkeit" oder "für gesundes Wachstum": Gesundheitswerbung ist auf süßen und fettigen Lebensmitteln erlaubt - wenn Vitamine zugesetzt wurden. Einer Umfrage zufolge lehnen Verbraucher das ab.

Foodwatch

Glaubt wirklich jemand, dass Kakaopulver, Salami oder Schoko-Frühstücksflocken gesunde Lebensmittel sind? Wer sich nicht auskennt, wird durch die Versprechungen auf den Packungen jedenfalls nicht schlauer. Denn Lebensmittelhersteller dürfen bisher selbst Süßigkeiten oder zuckrige Getränke mit Gesundheitsversprechen vermarkten - wenn sie einfach Vitamine oder Mineralstoffe künstlich zusetzen.

Foodwatch kritisiert die Lebensmittelindustrie seit Langem für falsche Versprechen. Jetzt hat die Verbraucherschutzorganisation eine repräsentative Emnid-Umfrage veröffentlicht, die zeigt: Auch Verbraucher wollen die Irreführung nicht.

Demnach lehnen 82 Prozent der Verbraucher in Deutschland Gesundheitswerbung für ungesunde Lebensmittel ab. Der Aussage "Verarbeitete Lebensmittel mit sehr viel Zucker, Fett oder Salz sollten nicht als gesund beworben werden" stimmten 57 Prozent "sehr zu", 25 Prozent stimmten ihr "eher zu". 17 Prozent lehnten die Forderung ab.

Foodwatch forderte die Hersteller auf, die irreführende Werbung für ihre Produkte zu stoppen, startete eine entsprechende E-Mail-Protestaktion. "Mit ihren Werbelügen torpedieren die Hersteller das Bemühen der Menschen, sich gesund zu ernähren", sagte Sophie Unger von Foodwatch.

Zwar müssen sich Lebensmittelhersteller gesundheitsbezogene Werbeaussagen seit 2012 durch die Europäische Union (EU) genehmigen lassen - erlaubt sind derzeit rund 250 dieser sogenannten "Health Claims". Doch welche Produkte die Hersteller mit dieser Werbung schmücken dürfen, ist bislang nicht geregelt.

EU-Regeln verzögern sich

Eigentlich hätte die EU schon 2009 sogenannte Nährwertprofile mit Mindestanforderungen an die Nährwertzusammensetzung vorlegen müssen. Doch das ist bis heute nicht passiert. Laut Foodwatch sollen die Nährwertprofile jetzt sogar ganz aus der Verordnung zu den Health Claims gestrichen werden. Die EU-Kommission plant, ihre Entscheidung im Laufe dieses Jahres zu fällen.

Foodwatch fordert, das Nährwertmodell der Weltgesundheitsorganisation (WHO) umzusetzen: Demnach sollten nur Produkte, welche die Kriterien für ausgewogene Lebensmittel der Weltgesundheitsorganisation erfüllen, künftig mit Vitaminwerbung vermarktet werden dürfen.

Das WHO-Regionalbüro für Europa hatte Anfang 2015 konkrete Vorgaben für ernährungsphysiologisch ausgewogene Produkte definiert. Dabei spielen unter anderem die Anteile von Fett, Zucker und Salz, aber auch der Kaloriengehalt oder zugefügte Süßstoffe eine Rolle.

Die WHO hat das Modell ursprünglich für die Beschränkung von Kindermarketing entwickelt, empfiehlt den Einsatz von Nährwertprofilen jedoch auch in anderen Zusammenhängen zur Förderung einer gesunden Ernährung.

nck



insgesamt 36 Beiträge
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Sibylle1969 12.04.2017
1.
Es ist wirklich unfassbar, aber auch im Jahr 2017 gibt es noch die Werbung, die Eltern suggeriert, sehr süßer Joghurt sei "so gesund wie ein kleines Steak", oder dass zuckerhaltige Bonbons gesund seien, wenn sie nur mit Vitamin C angereichert seien, oder dass in einem Schokoriegel (süß und fettig) das beste aus einem viertel Liter Milch sei. Oder dass zuckerhaltige Getränke gesunde Durstlöscher seien. Wenn die Werbung ehrlich wäre, müsste es heißen: "Dieses Produkt ist in Mengen gegessen ungesund für Ihr Kind. Geben Sie ihm diese Süßigkeit nur in sehr kleinen Maßen". Kalorien-, Fett- und Zuckermengen werden bei der Nährwertangabe auch gerne durch Angabe von unrealistisch kleinen Portionen beschönigt.
bernteone 12.04.2017
2. Das Werk der Lobbyisten
Und die Politiker leben ganz gut davon . In anderen Ländern nennt man das Kind beim Namen - Korruption !
dreamrohr2 12.04.2017
3.
Ich habe ein Produkt, NIEMALS wegen der Werbung und schon gar nicht wegen irgendwelchen "Versprechen" aus dieser gekauft, sondern nur weil ich Bock darauf hatte. Werbung ist reine Verdummung, Lüg und Betrug! Finanziert sich selbst über die im Preis bereits eingerechnete Beträge, man kann dieser Vergewaltigung nicht ausweichen. Selbst wenn man die Werbung wegzappt, hat sich diese beim Kauf eines jeden Artikels, bezahlt gemacht. Ich raffe es nicht, wieso man nicht in der Lage ist, diese Massenverdummung und Vergewaltigung des Verbrauchers, abzuschaffen.
bunterepublik 12.04.2017
4. Zucker gibt Kraft
Zucker gibt Power und macht Müde munter. Der Verbraucher sollte eigentlich mündig genug sein; er sollte wissen was gut ist und was nicht. Das Verbieten von Werbung, Anpreisungen etc. entmündigt den Verbraucher noch mehr. Anstatt bei Lebensmitteln Verbraucherrechte zu stärken, sollten diese dort gestärkt werden, wo es nötig ist und diese regelmäßig ausgehebelt werden, insbesondere in der Versicherungs- und Finanzbranche. Dass Schokolade, Süßigkeiten und gezuckertes Joghurt in rauen Mengen schlecht ist, müsste eigentlich dem Dümmsten einleuchten.
neotom 12.04.2017
5. Die Wahrheit steht auf der Rückseite
Dass Werbung meistens nicht die ganze Wahrheit erzählt, kann man in einer kapitalistischen Welt wie der unseren nicht früh genug lernen. Und auf der Vorderseite der Packung steht eben viel Werbung, die man ignorieren sollte. Relevanz haben nur die Nährwertangaben auf der Packungsrückseite. Hier steht die ganze Wahrheit. Natürlich ist es mühsam, sich mit Kohlenhydraten, Proteinen etc. auseinanderzusetzen, aber Wissen bildet. Und macht, richtig angewendet, auch schlank.
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