Tricks bei der Kennzeichnung Wie die Lebensmittel-Industrie Zusatzstoffe tarnt

Farbstoffe, Aromen, Konservierungsmittel: In Lebensmitteln finden sich viele abschreckende Zutaten. Um Verbraucher nicht zu vergraulen, mogeln Hersteller die Stoffe unter anderen Namen in ihre Ware. Die Tricks in der Übersicht.

Ein Beitrag aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von Katrin Zeug

Lebensmittel im Supermarkt: Gefärbt, aromatisiert, gemischt
DPA

Lebensmittel im Supermarkt: Gefärbt, aromatisiert, gemischt


Fertiggerichte, cremige Lightprodukte, Instantsuppen, das ganze Jahr frisches Obst und vor allem: so günstige Nahrungsmittel - das alles gäbe es ohne Zusatzstoffe nicht. Seitdem mit Essen viel Geld zu verdienen ist, wird gefärbt, aromatisiert, gemischt.

Zum Beispiel beim Brot aus dem Supermarkt: Emulgatoren geben dem Teig Volumen und machen ihn gefügig für die Knetmaschinen. Phosphate bestimmen die Porengröße. Die Laibe werden weiß gebleicht, oder, sollen sie eine dunklere Kruste haben, braun gefärbt. Und dafür, dass das Brot riecht wie frisch gebacken, sorgen Aromen. Manche der eingesetzten Zusatzstoffe sind regelrechte Appetitverderber, wenn man sie genauer betrachtet: So geben Holzspäne Joghurt Geschmack, röten Explosivstoffe die Wurst oder frischen Hormone Obst und Gemüse auf.

Zugelassen werden müssen diese Stoffe bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in Parma, Italien. Dort reichen Hersteller Studien ein, die belegen sollen, ob und in welcher Menge der jeweilige Zusatz für einen Erwachsenen verträglich ist. Rund 320 Zulassungen wurden bisher vergeben - und mit ihnen die zugehörigen, berüchtigten E-Nummern.

Manche Zusatzstoffe sind so giftig, dass sie nur in bestimmten Mengen genutzt werden dürfen oder in einzelnen Lebensmitteln. Dazu zählen etwa die Konservierungsmittel Hexamethylentetramin (E 239) für den traditionellen Provolone-Käse oder Borsäure (E 284) für echten Kaviar. Der Farbstoff "Sunsetgelb FCF" (E 110), der Marmeladen, Puddings, Knabbereien oder Senf einfärbt, darf zwar breiter eingesetzt werden, allerdings nur mit dem Vermerk, dass er "die Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinträchtigen kann". Daneben haben auch unbedenkliche chemische Elemente E-Nummern wie Sauerstoff (E 948) oder Wasserstoff (E 949).

Weil Verbraucher zwar gerne haltbares, buntes und preisgünstiges Essen mögen, nicht aber E-Nummern, haben sich die Hersteller eine neue Verkaufslist ausgedacht: Die Zutaten auf den Etiketten sollen möglichst natürlich klingen, auch wenn sie es nicht sind. "Clean label" heißt das im Jargon der Branche. Geworben wird auf Verpackungen dann häufig damit, was alles nicht enthalten ist - und die alten, verpönten Zusatzstoffe werden durch ähnliche ersetzt, die aber nicht deklariert werden müssen.

Gefunden in
Tricks gibt es viele. Werden Zusatzstoffe zum Beispiel während der Produktion wieder herausgefiltert, müssen sie nicht angegeben werden. Das trifft auf Tausende chemische Substanzen zu - auch Alkohole, Konservierungs- und Desinfektionsmittel. Ein anderer Trick ist, Stoffe zu nutzen, die bei der EFSA nicht als Zusatzstoff definiert sind und nach harmlosen Hausmittelchen klingen wie "Hefe-" oder "Tomatenextrakt". Hier einige Beispiele von Werbeversprechen und was sich dahinter verbirgt.

  • "OHNE KONSERVIERUNGSMITTEL"

In einer Gesellschaft, in der nicht jeder sein Essen selbst anbaut und zubereitet, muss konserviert werden. Die Techniken haben sich im Laufe der Zeit immer wieder geändert - und viele davon müssen nicht angegeben werden. Zum Beispiel der Kaltentkeimer Dimethyldicarbonat (E 242): Da Getränke in Plastikflaschen nicht heiß und somit steril abgefüllt werden können, mischt man Apfelsaftschorlen oder Eistees diesen Stoff bei. Er zersetzt sich sofort und tötet dabei vorhandene Mikroorganismen, aber auch andere Inhaltsstoffe ab. Jedoch: Ein chemisch eng verwandter Stoff ist längst verboten.

Eine andere Methode: Wer die einzelnen Zutaten erst konserviert und dann zusammenmischt, umgeht ebenfalls die Pflicht zur Deklaration. Hinzu kommen Stoffe, die zwar konservierende Wirkung haben, die aber von der Lebensmittelbehörde nicht als solche ausgewiesen sind. Auf dem Etikett steht dann zum Beispiel: Antioxidations- und Säurungsmittel, Essigsäure, Frucht- und Gewürzextrakte, Senf, Essig, Zucker oder Rosmarinextrakt. Diese Substanzen sind meist im Labor optimiert - und zwar komplett bereinigt von den Merkmalen, die nicht der Funktion des Konservierens dienen.

  • "NUR NATÜRLICHE AROMEN"

Ob der Geschmack von Waffelteig, Whisky-Cola oder Wassermelone - so gut wie alles kann mit chemischen Verbindungen nachgebaut werden. Aromen simulieren Früchte, die nicht da sind, peppen fade Fertiggerichte auf oder garantieren den immer gleichen Geschmack, egal, wie die Ernte war. Und sie sparen viel Geld.

Um zum Beispiel 100 Kilogramm Joghurt ausreichend zu aromatisieren, bräuchte man nach Berechnungen des Deutschen Zusatzstoffmuseums frische Himbeeren im Wert von 31,50 Euro. Das geht auch für 3,75 Euro - mit "natürlichem Aroma". Doch die weltweit geernteten Himbeeren decken nicht einmal fünf Prozent des Bedarfs. Wie also kommt der Geschmack in das Joghurt? Ganz einfach: Der Ersatz wird aus Zedernholzspänen gewonnen. Mit Wasser, Alkohol und anderen Zutaten gemischt und eingekocht, schmecken sie fast wie Himbeeren. Und da Holz natürlichen Ursprungs ist, gilt, na klar, auch das Aroma als "natürlich".

Eine Untersuchung der Verbraucherzentralen zeigte, dass bei 70 Prozent der Produkte, die "nur natürliche Aromen" beinhalten, auf solche Art geschmacklich nachgeholfen wurde. "Natürlicher" Pfirsich- oder Kokosgeschmack kann aus Schimmelpilzkulturen gewonnen werden, für andere Noten dienen Bakterien oder Enzyme. Bei EU-Bio ist ihr Einsatz grundsätzlich erlaubt, viele Bio-Anbauverbände verzichten aber freiwillig darauf.

  • "OHNE FARBSTOFFE"

Als Kosmetika für Lebensmittel übertünchen Farbstoffe Verfärbungen nach dem Lagern und täuschen eine höhere Qualität vor. Sie machen Krabben orange, Saure Gurken grün, Käse gelb und rohe Oliven schwarz. Das Auge isst eben mit, und das machen sich die Produzenten zunutze: Unser Körper orientiert sich an Farbe, Geruch und Konsistenz, um seine Bedürfnisse nach den jeweiligen Nährstoffen zu stillen und um Frische zu erkennen. Künstliche Farbe führt dabei in die Irre.

Die Verbraucherzentralen haben Lebensmittel untersucht, die mit dem Versprechen "frei von Farbstoffen" beworben werden - satte 60 Prozent von ihnen waren eingefärbt. Das geht zum Beispiel mit Extrakten aus der Paprika, die als Aroma deklariert werden können - auch, wenn ihnen zuvor der Geschmack entzogen wurde. Insgesamt gelten Konzentrate aus Obst und Gemüse nicht als Farbstoff, obwohl etwa Rote-Bete-Saft im Kirschjoghurt einzig und allein zum Färben genutzt wird.

  • "OHNE GESCHMACKSVERSTÄRKENDE ZUSATZSTOFFE"

Geschmacksverstärker helfen, wenn an hochwertigen Zutaten gespart wurde oder bei Lagerung und Herstellung Aromen verloren gehen. Glutamat ist der wohl bekannteste. Auch wenn auf Packungen "Ohne den Zusatzstoff Geschmacksverstärker" oder auch "Ohne den Zusatzstoff Glutamat" steht, wird trotzdem gerne mit, genau, Glutamat nachgeholfen. Das ist laut Verbraucherzentralen bei 90 Prozent der so beworbenen Nahrungsmittel der Fall.

Auf der Zutatenliste stehen dann harmlos klingende Begriffe wie Hefe- oder Tomatenextrakt, Sojaprotein, Würze oder Trockenmilcherzeugnis. Sie alle beinhalten von Natur aus Glutamat, werden mal mehr, mal weniger komplex im Labor produziert und von ihrem eigenen Geschmack entbunden - beigemischt allein, um das Aroma des Endproduktes zu verstärken. Rein rechtlich fallen sie jedoch nicht in die Kategorie "Zusatzstoff" und müssen daher nicht als solche angegeben werden.

  • "OHNE ZUCKER"

Zucker gilt als ungesunder Dickmacher, Verbraucher greifen darum immer öfter zu Produkten "ohne" - süß soll es trotzdem schmecken. Aus dieser Zwickmühle helfen den Herstellern Süßstoffe wie Cyclamat oder Saccharin. Sie sind kalorienfrei und verursachen keine Karies. Nebenwirkungen haben sie trotzdem: Manche wirken abführend, andere erzeugen Blähungen; Cyclamat ist in den USA wegen des Verdachts, Krebs zu verursachen, sogar verboten. Außerdem regen diese Süßstoffe den Appetit an. Sie sind also indirekte Dickmacher - und werden daher gerne in der Schweinemast genutzt.

So vermeidet man Zusatzstoffe

1. Selber kochen statt Tütensuppe: Je häufiger ein Produkt weiterverarbeitet wird, desto mehr Zusatzstoffe braucht es.

2. Frisches oder Tiefgefrorenes kaufen: Je länger ein Produkt haltbar sein soll, desto mehr Konservierungsstoffe sind nötig.

3. Auf Mengen und Qualität achten: Packungsinhalte vergleichen mit dem, was man selbst beim Zubereiten verwenden würde. Sind Zutaten und Mengen in etwa gleich? Oder musste bei Geschmack und Farbe vielleicht getrickst werden?

4. Biolebensmittel kaufen: Vor allem die Anbauverbände verwenden weniger Zusatzstoffe als alle anderen.

Mehr Infos unter:
www.zusatzstoffmuseum.de
www.lebensmittelklarheit.de

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 205 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tylerdurdenvolland 09.08.2014
1. Bitte nicht vergessen....
Zitat von sysopDPAFarbstoffe, Aromen, Konservierungsmittel: In Lebensmitteln finden sich viele abschreckende Zutaten. Um Verbraucher nicht zu vergraulen, mogeln Hersteller die Stoffe unter anderen Namen in ihre Ware. Die Tricks in der Übersicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lebensmittelindustrie-werbetricks-mit-aromen-und-zusatzstoffen-a-982384.html
Immer auf die armen Konzerne draufhauen... so geht es ja nun wirklichnicht! Es war die vom Volke gewählte Regierung Merkel,die verhindert hat, dass eine sinnvolle Kennzeichnungspflicht in Deutschland eingeführt wird! Es ist alles völlig demokratisch und legitim...
melialhope 09.08.2014
2. Armes Europa
Die Qualität der Lebensmittel wird immer schlechter - aber das trägt ja zur Gewinnmaximierung bei! EU ist ein Vertreter der 50 größten Wirtschaftskonzerne in Europa, mehr nicht.
matala 09.08.2014
3. Was tun?
Das größte Hindernis, den Tricks zu entgehen, liegt in der Bequemlichkeit der Menschen begründet, einmal sich umzugewöhnen und zum Anderen, immer zu kontrollieren, was auf den Packungen steht und nachzuforschen, was das alles bedeutet. Da ist regelmäßige Aufklärung durch die Medien wohl das einzige brauchbare Mittel. Ich selbst habe mich schon viele Jahre auf´s Kochen frisch eingekaufter Lebensmittel umgestellt, war gar nicht so schwer wie zunächst vermutet und bedeutet für mich heute längst keine irgendwie geartete Einschränkung mehr. Zuletzt bin ich aufs Brotbacken umgestiegen. Auch das ist nach einiger Zeit der Gewöhnung zum selbstverständlichen Faktor geworden. Ich lasse mir das Brotmehl von einer guten Mühle schicken (auch das für den Kuchen mit erstaunlichen Unterschieden bei den Produkten im Vergleich zum Mehl aus dem Supermarktmehl). In das Brot kommt Wasser Mehl, etwas Hefe, fertig. Natürlich mache ich inzwischen auch Variationen. Und die schwere Arbeit nimmt mir die Haushaltsknetmaschine ab, die es sehr günstig überall gibt. Ich backe auch ein wenig Vorrat mit und friere diesen ein. Ich habe immer Brot, auch wenn der Bäcker geschlossen hat, und es schmeckt unvergleichlich besser als das fertig gekaufte, und: es macht satt!
f-rust 09.08.2014
4. danke Spon-Redaktion
danke für die aufklärung. sehr hilfreich. mehr solche "guten" nachrichten.
nos999 09.08.2014
5. hahaha...
und da wundert man sich noch, dass fast jeder 60 jaehrige schaeden am organsystem aufweist und krank ist. die lebenserwartung wird dann durch die medizin kuenstlich erhoeht. lieber gut, gesund und wenig essen...dann steigt das wohlbefinden und die lebensqualitaet. es ist ganz einfach.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.