Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Trotz Verbots: Lebensmittelindustrie wirbt in Schulen für Junk-Food

Von

Lebensmittel: Junk-Food-Werbung in Schulen Fotos
Dr. Oetker

Werbung in Schulen ist in den meisten Bundesländern untersagt. Doch laut der Verbraucherorganisation Foodwatch umgehen viele Lebensmittelfirmen das Verbot. Die Hersteller verbreiten Unterrichtsmaterialien, unterstützen Sportveranstaltungen und verschenken Proben an Kitas.

Hamburg - Rezepthefte von Dr. Oetker, Schwimmabzeichen von Capri-Sonne und T-Shirts von Funny-frisch: Zahlreiche Lebensmittelkonzerne werben laut der Verbraucherorganisation Foodwatch in Schulen und Kitas für ihre Produkte. Die Hersteller geben Unterrichtsmaterialien heraus und treten als Sponsor für Sportveranstaltungen auf. So umgehen die Firmen Foodwatch zufolge das offizielle Werbeverbot, das in den meisten Bundesländern gilt.

Hinter dem Rücken der Eltern bedränge die Lebensmittelindustrie Kinder, "möglichst viele Süßigkeiten, Snacks und Softdrinks zu konsumieren", sagt Foodwatch-Mitarbeiter Oliver Huizinga SPIEGEL ONLINE. Er fordert: "Gerade in der Obhut staatlicher Lehrer und Erzieher müssen Kinder vor Vermarktungsinteressen geschützt werden - Schulen und Kindergärten müssen endlich werbe- und suggestionsfreie Räume werden."

Nach wie vor gebe es viele Möglichkeiten für Unternehmen, mit ihren Logos und Marken an Schulen und Kitas präsent zu sein. In Kindergärten würden häufig sogar direkt Produktproben verteilt. Foodwatch kürt derzeit die "dreisteste Werbemasche". Bis zum 15. Mai können Verbraucher auf der Website abstimmen, wer prämiert werden soll.

Nominiert ist zum Beispiel der Pudding Paula von Dr. Oetker. Das Unternehmen hat bereits angekündigt, seine Arbeitsblätter mit Markenlogos und Paula-Kühen für die 1. bis 3. Klasse künftig nicht mehr anzubieten. Dr. Oetker bietet aber weiterhin Arbeitsmaterialien für Erzieher und Lehrer an. Diese sollen Kindern "spielerisch Wissen über Lebensmittel und gesunde Ernährung" vermitteln, heißt es. Die Kritik von Foodwatch: Dr. Oetker setze in den Unterrichtsmaterialien gezielt eigenes Logo und eigene Marken ein. Ein Beispiel: Bei einem Rührteig-Rezept sind Zutaten wie Butter und Zucker als Zeichnungen abgebildet. Bei Vanillinearoma und Backpulver sind hingegen Oetker-Produkte zu sehen.

Dr. Oetker wies die Vorwürfe auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zurück. Die Materialien hätten "nicht den Anspruch, bestimmte Produktmarken zu bewerben". Das Logo sei "lediglich an den Seitenenden der Arbeitsmappen eingebunden" und könne "vor dem Kopieren und der Aushändigung an die Kinder einfach abgedeckt werden". Produkte seien "äußerst vereinzelt in den Unterlagen eingebunden".

Capri-Sonne an der Basis der Ernährungspyramide

Auch Capri-Sonne bietet Unterrichtsmaterialien an. Eine Mappe für Grundschulen trägt den Titel "Fit, fair und schlau". Auf Seite sieben ist eine Ernährungspyramide abgebildet - mit Capri-Sonne in der Rubrik "Getränke". Die Empfehlung: "viel verzehren". Nach den Kriterien des aid-Infodienstes, der von der Bundesregierung gefördert wird, gehört Capri-Sonne (Zuckergehalt: zehn Prozent) als Softdrink in die Kategorie "Süßigkeiten und Fett" - die Empfehlung: "sparsam verzehren".

Der Hersteller Deutsche SiSi-Werke teilte auf Anfrage mit, die "Fit, fair und schlau"-Materialien würden "nicht mehr aktiv eingesetzt". Seit Anfang 2012 könnten die Unterlagen nicht mehr auf der Capri-Sonne-Website angefordert werden. Allerdings kann die Mappe nach wie vor auf der Seite des Partneranbieters Care-Line heruntergeladen werden. Darauf angesprochen, teilte das Unternehmen mit, man habe Care-Line mittlerweile gebeten, "die Broschüre von der Seite zu nehmen".

Eine weitere Möglichkeit, die Unternehmen in Schulen nutzen, sind Wettbewerbe und Sportveranstaltungen. Nestlé etwa beteiligte sich an den Wettbewerben "Unsere Klasse is(s)t klasse" und "Unser cleveres Esszimmer". In diesem Rahmen wurden Fotos mit Schulklassen vor dem Nestlé-Logo verbreitet. Nestlé teilte auf Anfrage mit, "kein Marketing an Schulen oder in Kindertagesstätten" zu machen. Die Programme würden von unabhängigen Partnern durchgeführt. Der Konzern wolle vielmehr "auf bewusst neutrale Art und Weise zu einer besseren Ernährungsbildung beitragen".

Funny-frisch, beim "Goldenen Windbeutel" mit der Marke Pom-Bär im Rennen, hat in den vergangenen zehn Jahren an mehr als 1700 Schulen Sportprojekte gefördert. Dabei werden etwa T-Shirts mit dem Funny-frisch-Logo verteilt. Den Vorwurf, Werbung an Schulen zu machen, weist der Hersteller Intersnack zurück. Man engagiere sich "immer auf ausdrücklichen Wunsch und im Einverständnis mit der jeweiligen Einrichtung".

Für Foodwatch-Mitarbeiter Huizinga zeigen die Beispiele dagegen, dass das Werbeverbot an Schulen in der Realität nicht durchgesetzt wird. Mittlerweile gebe es sogar Agenturen, die auf "Education-Marketing" spezialisiert seien. Diese verteilten etwa Produktpakete mit Keksen und Schmelzkäse an Kindergärten. In der Eigenwerbung der Agentur Spread blue heißt es beispielsweise: "Rund drei Millionen Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren besuchen tagsüber Kindergärten, Horte und Kindertagesstätten. Es gibt kaum einen anderen Ort, in dem Sie die Kinder und junge Familien konzentrierter vorfinden oder ansprechen können." Auf Nachfrage teilte Spread blue mit, Aktionen seien "immer mit den jeweiligen Einrichtungen abgestimmt".

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
glen13 07.05.2013
Zitat von sysopfoodwatchWerbung in Schulen ist in den meisten Bundesländern untersagt. Doch laut der Verbraucherorganisation Foodwatch umgehen viele Lebensmittelfirmen das Verbot. Die Hersteller verbreiten Unterrichtsmaterialien, unterstützen Sportveranstaltungen und verschenken Proben an Kitas. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lebensmittelindustrie-wirbt-in-schulen-fuer-junkfood-a-898260.html
Solche "Verbote" werden halt so formuliert, dass immer einige Lücken bleiben. Dafür ist die Lobbyarbeit ja da und wirkt bei unseren volksfreundlichen, unbestechlichen Politikern einwandfrei.
2. Alter Dealertrick,
Mo2 07.05.2013
die nächsten Süchtigen in der Schule anzuwerben. Zeit für drastische Sanktionen, aber die sind ja politisch nicht gewollt. Auf die nächte Generation Fettkinder!
3. Schön und gut
desireless 07.05.2013
Gut, dass man versucht, Kinder wenigstens an Schulen vor solchen Krankmachern zu schützen. Aber wer schützt Kinder vor ihren Eltern, die diese Produkte dann kaufen? Eine Junk-Food Steuer ist überfällig.
4.
wschwarz 07.05.2013
Zitat von sysopfoodwatchWerbung in Schulen ist in den meisten Bundesländern untersagt. Doch laut der Verbraucherorganisation Foodwatch umgehen viele Lebensmittelfirmen das Verbot. Die Hersteller verbreiten Unterrichtsmaterialien, unterstützen Sportveranstaltungen und verschenken Proben an Kitas. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lebensmittelindustrie-wirbt-in-schulen-fuer-junkfood-a-898260.html
Na und? Stehen die lebensmittelhersteller jetzt auf einer Stufe wie Drogendealer? Wenn sich kein anderer Sponsor findet, der eine Sportveranstaltung unterstützt, dann sollen es ebn die Lebensmittelhersteller sein. Ein kostenloses Chipstütchen macht Kindern Spaß. Sie werden nicht direkt angefixt.
5. Und unsere Ilse Aigner macht
dani216 07.05.2013
Zitat von sysopfoodwatchWerbung in Schulen ist in den meisten Bundesländern untersagt. Doch laut der Verbraucherorganisation Foodwatch umgehen viele Lebensmittelfirmen das Verbot. Die Hersteller verbreiten Unterrichtsmaterialien, unterstützen Sportveranstaltungen und verschenken Proben an Kitas. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lebensmittelindustrie-wirbt-in-schulen-fuer-junkfood-a-898260.html
das, was sie am besten kann - nichts.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Fotostrecke: Werbemaschen für Kinderlebensmittel

Nährwertkennzeichnung
Zwischen Industrie, Politik, Gesundheitsexperten und Verbraucherschützern wird seit langem erbittert über die Nährwertkennzeichnung gestritten: Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen fordern eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Mit den Farben grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) soll dem Verbraucher einfach und schnell signalisiert werden, was er isst. Die Lebensmittelindustrie lehnt dieses System jedoch ab - weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere. Sie hat sich stattdessen auf das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount) verständigt, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt. Die aber sind laut Kritikern so willkürlich gewählt, dass sie den Vergleich schwierig machen. Außerdem geht das GDA-System von unrealistischen Portionsgrößen aus: So empfehlen sie etwa eine halbe Tiefkühlpizza oder eine winzige Handvoll von 25 Gramm bei Erdnüssen. Im Juni 2010 hat das EU-Parlament die Einführung einer europaweiten Ampelkennzeichnung abgelehnt.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: