Neues Gesetz Warum sich eine Lebensversicherung kaum noch lohnt

Im Eilverfahren reformiert die Bundesregierung die Lebensversicherung. Das Gesetz hilft den Unternehmen, ihr Überleben zu sichern. Doch für die Kunden wird das Produkt noch unattraktiver, als es ohnehin schon ist.

Vorsorge fürs Alter (Archivbild): Die Lebensversicherung taugt nur noch bedingt
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Vorsorge fürs Alter (Archivbild): Die Lebensversicherung taugt nur noch bedingt

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Für die Bundesregierung könnte der Termin kaum günstiger sein: Mitten während der Fußball-Weltmeisterschaft, wenige Stunden vor dem Viertelfinalspiel Frankreich gegen Deutschland, winkt der Bundestag eine weitreichende Reform der Lebensversicherung durch - weitgehend unbemerkt von der Schland-begeisterten Bevölkerung.

Zu anderen Zeiten hätte die Reform womöglich einen Aufschrei verursachen können. Schließlich ist die Lebensversicherung so etwas wie der Deutschen liebste Altersvorsorge: Rund 88 Millionen Verträge haben sie abgeschlossen - damit gibt es hierzulande mehr Policen als Einwohner. Und das, obwohl der Ruf der Lebensversicherung in den vergangenen Jahren doch arg gelitten hat.

Zum einen fiel Ende 2004 das sogenannte Steuerprivileg weg, das bis dahin die Erträge aus langlaufenden Policen steuerfrei gestellt hatte. Zum anderen sank der sogenannte Garantiezins dramatisch: Versprachen die Unternehmen ihren Neukunden bis zum Jahr 2000 meist noch sichere vier Prozent, sind es mittlerweile nur noch 1,75 Prozent. Durch die neue Reform soll der Satz ab 2015 auf gerade mal 1,25 Prozent sinken.

Vielen Versicherern drohen Finanzprobleme

Der Abschluss eines neuen Vertrags wird also noch einmal deutlich unattraktiver. Auf dem Papier werben die Versicherer zwar immer noch mit Zinsen von drei oder vier Prozent - die sie bisher auch noch erwirtschaften. Wirklich garantiert sind für die Zukunft aber nur noch 1,25 Prozent. Und zumindest für einige finanzschwächere Anbieter dürfte es angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase auch schwer werden, deutlich höhere Erträge für ihre Kunden rauszuholen.

Das liegt besonders daran, dass die Versicherer die Beiträge ihrer Kunden zum großen Teil in Staatsanleihen investieren - und die werfen bereits seit längerer Zeit kaum mehr Zinsen ab. Bisher kommen die meisten Versicherer noch gut über die Runden, weil sie noch viele alte, hochverzinste Anleihen in ihren Anlagebüchern halten. Doch diese Wertpapiere laufen irgendwann aus - und wenn sich das Zinsniveau bis dahin nicht verbessert hat, droht einigen der Unternehmen ein arges Finanzproblem.

Mit dem neuen Gesetz will die Bundesregierung den Versicherern helfen. Doch die Pläne bergen nicht nur für Neukunden Nachteile, sondern auch für einen Teil derer, die schon eine Police haben:

  • Das liegt vor allem daran, dass die sogenannten Bewertungsreserven bei Kündigung oder Ablauf der Versicherung künftig nicht mehr wie bisher zur Hälfte an die Versicherten ausgeschüttet werden, sondern dem Unternehmen zufließen. Die Reserven sind Gewinne auf dem Papier. Sie entstehen, wenn in Zeiten niedriger Zinsen der Wert der alten, höher verzinsten Anleihen in den Anlageportfolios der Versicherer steigt. Statt diese Gewinne an die ausscheidenden Versicherten auszuschütten, soll das Geld nun die Versicherer vor finanziellen Schieflagen schützen. Vor allem für Kunden, deren Verträge bald auslaufen, bedeutet das erhebliche Einbußen von bis zu zehn Prozent der Auszahlungssumme.
  • Kompensiert werden soll diese Benachteiligung einiger Kunden durch eine höhere Beteiligung an den sogenannten Risikoüberschüssen. Die entstehen dann, wenn die Versicherungen besonders vorsichtig kalkuliert und zum Beispiel die Lebenserwartung ihrer Kunden höher angesetzt haben, als sie tatsächlich ist. Anders gesagt: Sterben die Versicherten früher, steigen die Risikoüberschüsse - und von denen müssen die Kunden künftig 90 statt bisher 75 Prozent erhalten. Ob das die Nachteile der Reform wirklich aufwiegt, ist umstritten. Für einige Versicherte wird die Änderung ein Minusgeschäft bleiben.

Hinzu kommt, dass die Bundesregierung nach Ansicht ihrer Kritiker eine Chance vergibt, das Produkt Lebensversicherung endlich transparenter zu machen. Für normale Versicherte bleibt undurchsichtig, was sie wirklich für ihre Beiträge bekommen. Vor allem in den ersten Jahren geht nämlich ein großer Teil davon für Provisionen und andere Abschlusskosten drauf - ohne dass die meisten Kunden etwas davon mitkriegen.

Die Provisionen lassen die Rendite schmelzen

Auch die Verzinsung, die die Versicherer garantieren, ist nicht das, wonach sie aussieht. Denn die Angaben beziehen sich nicht auf die gesamten eingezahlten Prämien, sondern lediglich auf den sogenannten Sparanteil, also den Anteil nach Abzug der Kosten. So können aus garantierten 1,25 Prozent Rendite schnell 0,5 Prozent oder noch weniger werden.

Im ersten Entwurf des nun verabschiedeten Gesetzes war noch vorgesehen, dass künftig die Provisionen der Versicherungsvermittler offengelegt werden. Doch im letzten Moment knickte die Bundesregierung vor der Lobby ein. Nun sollen stattdessen die sogenannten Effektivkosten angegeben werden - eine Zahl, die nach Ansicht von Experten allerdings leicht in die Irre führt, weil sie die Kosten auf die gesamte vermutete Vertragslaufzeit streckt und dadurch geringer erscheinen lässt. "Das ist nicht das, was faktisch fließt", sagt Gerhard Schick, Finanzexperte der Grünen-Fraktion. Trotz einiger Verbesserungen zieht er ein enttäuschendes Fazit der Reform: "Die Versicherungswirtschaft bleibt eine Branche, die vor allem für die Anbieter attraktiv ist."

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gisela.schwan 04.07.2014
1. Das eben der Preis des Euro, der sollte uns nicht zu hoch sein
Und überhaupt hat Deutschland am meisten vom Euro profitiert und soll sich nicht so anstellen, nur weil die Renten später mal mickrig ausfallen. So eine Kleinlichkeit. Außerdem hat jeder in der EU die Möglichkeit protugiesischer oder griechischer Beamter zu werden. Deren einkommen werden von den jeweiligen Verfassungsgerichten garantiert.
peterparca 04.07.2014
2. Verwundert
bleibt der Bürger nach der Wahl der "Volksvertreter" zurück. Warum schafft deutsche Politik zuvorderst gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft anstatt als Vertreter des Volkes zu agieren? Wer darf nach Ablauf der Legislaturperiode auf die Sessel der Versicherer wechseln? Diese und ähnliche Abläufe und Entscheidungen werden über kurz oder lang für eine Radikalisierung der Parteienlandschaft und der Bevölkerung führen. Gerade als politikinteressierter Bürger ist das Chuzpe der herrschenden Klasse ein Schlag ins Gesicht. Die veränderten Informations- und Organisationsmöglichkeiten der "neuländischen" Zeit werden dafür sorgen, dass ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden wird.
wurzer 04.07.2014
3. Lebensversicherungen
Mit diesem Bericht sieht man wieder einmal Ihre negative Berichterstattung. Begründung: Ich selbst war 46 Jahre im Versicherungsgewerbe tätig. Wie oft habe ich erlebt wie froh eine Familie war, als der Versorger starb oder durch Unfall umkam, dass dieser vorher eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte. Schon nach einem Beitrag war nämlich die gesamte Leistung fällig. Dass heute die Rendite so niedrig ist, liegt doch nicht an den Lebensversicherern, sondern an der weltweiten Geldmafia.
nschlichtmann 04.07.2014
4.
In meinen Augen ist dieser Beitrag völliger Blödsinn. Natürlich ist es richtig, dass der garantierte Zins auf ein sehr niedriges Niveau gesetzt wurde. Bis wir allerdings zu dem Punkt kommen, an dem ein Versicherer nur noch den Garantiezins zahlt werden entweder noch viele Jahre vergehen, und die Zinsen haben sich wieder berappelt, oder es gehen reihenweise Versicherer pleite, was doch sehr unrealistisch ist. Fakt ist, es wird zur Zeit ein durchschnittlicher Gewinnzins von 3,5% gezahlt, das bietet kein Tagesgeld oder Festgeldkonto, vom herkömmlichen Girokonto ganz zu schweigen.
lexus1234 04.07.2014
5. Spiegel spült den Skandal weich
Zitat von sysopDPAIm Eilverfahren reformiert die Bundesregierung die Lebensversicherung. Das Gesetz hilft den Unternehmen, ihr Überleben zu sichern. Doch für die Kunden wird das Produkt noch unattraktiver, als es ohnehin schon ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lebensversicherung-bundestag-beschliesst-reform-zinsen-sinken-a-979276.html
Oh liebe Spiegel-Schreiber! Nennt das Kind doch bitte beim Namen und verdummt das Volk nicht. Was hier passiert ist, ist Enteignung. Was soll dieser Quatsch mit "Produkten" und "unattraktiv"? Soll suggeriert werden, daß es hier nur um die Änderung einiger AGB geht? Allein dieser Satz dürfte von den meisten nicht verstanden werden: Hier wird in bestehende Vertragsverhältnisse eingegriffen! Das ist illegal und gegen die Verfassung! Aber das schert unsere Mächtigen ja schon lang nicht mehr. Kein Wunder. Der dumme Deutsche wählt ja am Ende doch wieder rot-schwarz. Man muß ihm nur mit "unabsehbaren Konsequenzen" drohen, wenn nicht. Erklärungen braucht keiner. Und überhaupt, uns geht's doch gut, gell? ...und das ist, na? Enteignung!!! Das Geld, das den Versicherten gehörte, wird nun per Gesetz den Versicherungen geschenkt. Im Nachhinein. Der Grundsatz "pacta sunt servanda" (für Nichtlateiner: Verträge müssen gehalten werden) gilt in Deutschland nicht mehr. Oh Spiegel. Versteht denn keiner, welche Tragweite solche Gesetze haben? Der Rechtsstaat löst sich gerade auf. Und keiner findet das schlimm. Im Nachhinein kann es nicht wundern, daß Hitler in Deutschland so erfolgreich sein konnte.
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