Zwangswechsel bei Lebensversicherungen Der Fluch der langen Laufzeiten

Zwei große deutsche Lebensversicherer wollen ihre Policen verkaufen - den Kunden droht ein Zwangswechsel. Was müssen Betroffene tun? Drei Tipps.

Zentrale der Ergo Versicherungsgruppe in Düsseldorf
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Zentrale der Ergo Versicherungsgruppe in Düsseldorf

Eine Kolumne von


Das Signal ist eindeutig, und es ist beunruhigend. Zwei der zehn größten deutschen Lebensversicherer wollen ihre Kunden loswerden. Ergo und Generali glauben offenbar nicht mehr, dass sie mit den über Jahrzehnten gewonnenen Kunden in Zukunft ordentlich Geld verdienen können. Generali hat in einem ersten Schritt eine eigene Tochter im Konzern gegründet, die zunächst die Bestände verwalten und die dann auch verkauft werden könnte.

In anderen Märkten wäre das nicht weiter schlimm. Schließlich gibt es Konkurrenz, und Millionen ungeliebte Kunden könnten woanders hingehen, wo sie willkommen sind.

Aber der Markt der Lebensversicherer ist kein normaler Markt. Zum ersten haben die Versicherungen ihren Kunden Versprechen gegeben, die sich über Jahrzehnte erstrecken. Und seit den Neunzigerjahren versprechen Lebensversicherer Gelderhalt und Renditen schwerpunktmäßig nicht nur 15 Jahre lang für eine Lebensversicherung, sondern 50 Jahre lang für eine Rentenversicherung.

Zum zweiten ist der Markt eben wegen dieser langlaufenden Versprechen stark reguliert: sowohl die Erträge für die Unternehmen als auch der Garantiezins, der rechtlichen Absicherung eines Rendite-Versprechens für die Kunden. Kunden von Lebensversicherern genießen hier besondere Sicherheit. Ihr Geld und auch die vertraglichen Ansprüche auf künftige garantierte Renditen sind geschützt, so die Idee staatlicher Aufsicht.

Kostenproblem für die verbleibenden Kunden

Wenn also die Firmen ihre Verträge loswerden wollen und gleichzeitig die Aufsicht das Geld der Kunden absichern will, ergeben sich zwei Fragen:

  • Wer um Himmels willen soll diese ungeliebten Kunden mit ihren Renditegarantien haben wollen, und wie sollen die neuen Unternehmen der Kunden damit Geld verdienen?
  • Wie will die deutsche Versicherungsaufsicht diese neuen Dienstleister ernsthaft überwachen?

Beide Fragen sind unbeantwortet, und das könnte die neun Millionen Lebensversicherungskunden der Ergo und Generali wirklich beunruhigen. Bei der Ergo dreht es sich um 4,9 Millionen Verträge, bei der Generali um 4,4 Millionen Verträge. Schließlich geht es um rund hundert Milliarden Euro an Kundengeldern.

Bislang gibt es zwar noch keine Käufer, aber um mehr Geld zu verdienen als die frustrierten Versicherungskonzerne, müssen die Neuen anders arbeiten. Statt neue Kunden zu gewinnen und die Zukunft ihrer Kundenbasis zu sichern, könnten die Anbieter auf solche Anstrengungen verzichten und sich aufs Geldanlegen konzentrieren. Das würde wahrscheinlich viel Personal und damit Geld sparen.

Von dieser Ersparnis und einer möglichen höheren Rendite müssten die neuen Unternehmen ihren Kunden unter deutschen Regeln aber einen großen Teil abgeben. Dann wäre der Wechsel der Vertragspartner für die Kunden vorläufig kein Problem.

Erst später, wenn die Kundenbasis schrumpft, weil die Kunden ihre Lebens- und Rentenversicherungen ausgezahlt bekommen, würde das Kostenproblem wieder auftauchen - für die verbleibenden Kunden. Das heißt insbesondere für die, die erst nach der Jahrtausendwende einen Rentenversicherungsvertrag abgeschlossen haben. Von ihren 50 oder mehr Jahren Vertragslaufzeit sind ja dann noch Jahrzehnte übrig. Für immer weniger Kunden müssen die Geldverwalter einen Apparat erhalten. Und jeder einzelne von diesen Kunden wird dann mehr von den Kosten dieses Apparats tragen müssen.

Finanzaufsicht hat vorgebaut

Schwierig ist die Situation auch für die Versicherungsaufsicht. Sie muss aufpassen, dass beim Übergang den Kunden kein Leid geschieht und in der Folge, dass die rund hundert Milliarden Euro an Kundengeldern tatsächlich den Kunden vorbehalten bleiben und nicht etwa über Umwege in anderen Taschen landen. Aus politischen Gründen muss sie zudem ein besonderes Auge auf die Riester- und Rürup-Verträge unter den Rentenversicherungen werfen. Denn für diese Verträge gibt es staatliche Förderung, also Steuergelder, und ein besonderes Fürsorgeversprechen des Staates gegenüber den Kunden, die ja diese private Altersvorsorge betreiben sollen.

Das wird nicht einfach.

An zwei Stellen hat die Aufsicht schon vorgebaut:

  • Die Versichertenbestände dürfen nicht ins Ausland übertragen werden, schrieb mir die Finanzaufsicht BaFin am Donnerstag. Solchen grenzüberschreitenden Übertragungen könne schon deshalb nicht zugestimmt werden, weil Schutzmechanismen für die Kunden wie "die Mindestzuführungsverordnung und die Überschussverordnung im Ausland nicht gelten".
  • Außerdem müssten auch die neuen Dienstleister ihren Firmensitz in Deutschland und die Rechtsform eines Versicherers haben.
Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Warum aber sollten Firmen mit Marktkenntnis diese Millionen Kunden haben wollen? Sie haben genug mit den Versprechen an die eigenen Kunden zu kämpfen. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass einer der fünf Großen im deutschen Lebensversicherungsmarkt sich für die kompletten Kundenstämme der Konkurrenz interessiert. Allianz und R+V haben bislang nur laut verkündet, dass sie nicht im Traum an einen Verkauf der eigenen Kunden denken.

Deutsche Lebensversicherung "ein sehr spezielles Produkt"

Auch für den nicht so unwahrscheinlichen dritten Fall gibt es natürlich Kontrollregeln: dass ein ausländisches Unternehmen in Deutschland einen Versicherer kauft oder etabliert, um die Milliarden an Kundengeldern zu bewirtschaften und die Millionen an Versicherungsverträgen zu betreuen. Vor dem Erwerb einer solchen Versicherung müsste der ausländische Investor bei der Versicherungsaufsicht ein sogenanntes "Inhaberkontrollverfahren" durchlaufen.

Die BaFin schreibt, dabei prüfe sie "insbesondere die finanzielle Solidität und Zuverlässigkeit des Erwerbers". Die deutsche Lebensversicherung sei eben "ein sehr spezielles Produkt", deshalb sei es doch wenig wahrscheinlich, dass die Millionen Kunden an einen Investor außerhalb Deutschlands verkauft würden.

Was folgt aus der schwierigen Situation für die neun Millionen Kunden? Es ist eigentlich gar nicht so schwierig:

  • Erstens: Wenn Sie einen Vertrag haben, der noch kurze Zeit läuft und der womöglich in den Vertragsbedingungen Schlussüberschüsse vorsieht, haben Sie kein Problem. Bringen Sie den Vertrag zu Ende, und kassieren Sie im Zweifel dann vom neuen Vertragspartner.
  • Zweitens: Wenn Sie eine Rentenversicherung haben, die bei guter Gesundheit noch 40 bis 50 Jahre laufen könnte, sieht die Situation anders aus. Auf der einen Seite haben Sie gerade bei Verträgen aus der Zeit direkt vor der Jahrtausendwende und direkt danach hohe Garantieversprechen im Vertrag. Auf der anderen Seite wissen Sie nicht, was die neue Firma bringt.
    Es hilft nichts: Sie müssen sich nach einem Besitzerwechsel eine Meinung über den neuen Besitzer bilden. Danach wirklich jedes Jahr in Ihre Standmitteilung schauen und zum Beispiel einen Google Alert einrichten, um mitzubekommen, ob über Ihre neue Firma Negatives berichtet wird.
  • Drittens: Verträge mit viel Zukunft, aber wenig Renditeversprechen sollten Sie sofort auf den Prüfstand stellen und zügig loswerden. Dafür gibt es zwei Varianten:
    Entweder den Vertrag kündigen und einen Rückkaufswert von der Versicherung oder dem künftigen Dienstleister bekommen. Die Auszahlungen sind oft mager, Sie müssen mit Verlusten rechnen.
    Oder den Vertrag verkaufen. Hier gibt es öfter Angebote, die über dem angebotenen Rückkaufswert des Versicherers liegen. Eine Garantie auf ein besseres Angebot gibt es aber nicht. Und auch bei einem Verkauf können Sie noch Verluste einfahren.

Und dann haben viele Kunden, ohne es zu wissen, noch einen Widerspruchsjoker im Ärmel. Wer seine Lebensversicherung im Zeitraum von 1994 bis 2007 abgeschlossen hat, wurde beim Vertragsabschluss möglicherweise nicht richtig über sein Widerspruchsrecht belehrt. Dann lässt sich auch heute noch der Vertrag rückabwickeln. Das ist in jedem Fall besser, als zu kündigen, und meist auch besser als der Verkauf.

Bleiben Sie dran.



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spon-facebook-1500425435 14.10.2017
1.
Ich verstehe das Problem nicht. Besitzer alter Policen mit Garantiezins mit bis zu 4% sollen die Korken knallen lassen und sich darüber freuen, dass sie die Branche und jüngere Vertragsinhabern jedes Jahr gewaltig Geld kosten. Policen mit geringen Garantiezinsen wurden kaum noch verkauft, das betrifft also höchstens eine Handvoll Kunden. Das die Versicherungsunternehmen nach Lösungen suchen ist verständlich, denn wenn sie pleite gehen ist niemandem geholfen. Sie können die Rendite schließlich auch nicht herzaubern.
k.k.laake 14.10.2017
2. Volksfürsorge/Generali
Ich bin auch einer der betroffenen Kunden, seit 1980 habe ich eine KapitalLV, damals noch bei der Volksfürsorge abgeschlossen, mittlerweile bei der Generali gelandet. Noch 8 Jahre bis zur Auszahlung. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, aber wenn das alles so reguliert ist und die Verträge nicht bei irgendeinem ausländischen Hedgefond landen können, dann bin ich einigermaßen beruhigt mein Geld noch zu sehen.
susuki 14.10.2017
3.
Wenn sich eine Versicherung zu Gunsten der Kunden entwickelt haben die Versicherungsmathematiker versagt und die Verträge mussen selbstverständlich "modifiziert" werden. Schlimmstenfals gründet man eine juristische Geselschaft pro Versicherungspolice und vertickt diese an nichtsahnende Existenzgründer. Auch eine Lösung analog des Vertickens der "Subprime-Hypotheken" an deutsche Rentner bietet sich an. Idealerweise verkauft man die Policen an den Inhaber selbst... ... schlieslich wirft diese Geld ab... ... ein paar ordentliche Werbebroschüren und ein paar allglatte Verkäufer und das passt. Wer eine Police kaufte, bei welcher die Einzahlungen des ersten Jahres komplett als Provision an den Verkäufer ging fällt sicher auf so etwas rein.
barbarine 14.10.2017
4. kapitalbasierte Rente also als Allheilmittel - sollte zu denken geben
Diese Geschichte sollte all denjenigen zu denken geben, die ein Abkehr von der Umlagenbasierten Rente hin zu einer rein kapitalbasierten Rente wollen. Eine umlagenbasierte Rente, wie sie heute noch die wesentliche Grundlage der Altersversorgung darstellt ist insofern sicher, als es immer, auch in 50 Jahren noch, Beitragszahler für die Umlage geben wird. Ob die Höhe der Rente dann auskömmlich sein wird, sei mal dahingestellt. Kapital aber hat ein flüchtiges Wesen. Solange es vorhanden bleibt und Zinsen abwirft, kann es eine nette Rente einspielen. Was aber, wenn das nicht mehr der Fall ist? Kapital kann innerhalb von 50 Jahren leicht einmal verloren gehen und womit soll dann die Rente erwirtschaftet werden? Beispiele aus anderen Ländern zeigen doch, dass Pensionsfonds durchaus schon pleite gegangen sind und viele Menschen um ihr Erspartes gebracht worden sind, so dass sie plötzlich im Alter vor dem Nichts standen. Die Riester-Rente ist ein absoluter Fehlschuss. Auch ähnliche Produkte werden nicht vor der Alterarmut bewahren, wenn der Versicherungsanbieter ins Trudeln gerät und die zu Vertragsbeginn eingegangenen Garantieen nicht mehr halten kann. Man lagert also jetzt die ungeliebten Verträge in eigenen Gesellschaften aus, verkauft diese anschließend weiter ... und dann kann der neue Besitzer der Verträge in die Pleite rutschen, ohne dass es den eigenen Namen belastet. Nachtigall ick hör dir trapsen ...
5Minute 14.10.2017
5. was muss man tun
1. realisieren, dass Versicherer nahe am Betrug arbeiten. 2. realisieren, dass Experten oftmals Quatsch reden zu 1. Es wird ein Vertrag geschlossen und der Versicherer kann sich seinen Verpflichtungen entledigen wenn er Verlust macht? spannend zu 2. vor 15 Jahren wurden Lebensversicherungen von Experten verteufelt als unrentabel. Heute sind es "Traumrenditen" (zumindest relativ zum Leitzins) und zumindest so hoch dass die Versicherer dran pleitegehen könnten.
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