Zinsversprechen Was Ihnen alte Lebensversicherungen noch bringen

Wer vor dem Jahr 2000 eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, kann sich über üppige Zinsen freuen. Anders sieht es mit jüngeren Verträgen aus. Neueste Zahlen zeigen aber, dass der Abwärtstrend erst einmal gestoppt ist.

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Ein Kolumne von


Einmal im Jahr setzen sich in Köln einige Finanzmathematiker zusammen und rechnen nach, ob sich Lebensversicherungen noch lohnen. Sie arbeiten für die Rating-Agentur Assekurata, fragen mehr als 80 Versicherer - und bekommen dann von mehr als 50 von ihnen Daten und Antworten. Immerhin.

Das ist auch für die Millionen von Bundesbürger interessant, die eine oder mehrere Lebensversicherungen besitzen. Der Blick in die jährliche Standmitteilung war zuletzt frustrierend. Seit 20 Jahren sinkt die Verzinsung von Lebensversicherungen mehr oder weniger kontinuierlich - und damit die Renditen der Versicherungsverträge. Wegen der Sorgen, manche Gesellschaft könnte ihre Garantieversprechen irgendwann nicht mehr erfüllen, hat die Bundesregierung vor Jahren die Versicherer verdonnert, extra Geld zurückzulegen.

Doch in diesem Jahr lesen die Finanzmathematiker der Assekurata aus den Zahlen eine beruhigende Botschaft: Es ist nicht schon wieder schlechter geworden. Dazu habe insbesondere beigetragen, dass der Bundestag den Versicherern einen großen Gefallen tat: Im Oktober lockerte er die Auflagen zur Bildung dieser Langfristreserven.

Die Zahlen

Damit wären wir bei den Zahlen: Im Schnitt wird das angelegte Geld der Sparer bei den untersuchten Lebens- und Rentenversicherungen im Jahr 2019 mit 2,84 Prozent laufend verzinst. Bei den neueren Verträgen gibt es noch laufende Zinsen von gut 2,4 Prozent.

Was heißt das für Sie als Besitzer eines solchen Vertrags? Erst einmal sagen die Durchschnittszahlen für Sie nicht viel. Es hängt davon ab, welche Art von Vertrag Sie vor Jahren oder Jahrzehnten gekauft haben. Und bei welchem Anbieter Sie abgeschlossen haben.

Am besten dran sind die Kunden, die in den Jahren 1994 bis 2000 einen neuen Vertrag abgeschlossen haben. Damals haben die Anbieter tatsächlich vier Prozent Rendite auf den Sparanteil vertraglich zugesagt. Das bedeutet für jeden Euro, der heute nach 20 Jahren auf dem Versicherungskonto ist, gibt es jedes Jahr diese vier Prozent Zinsen. Selbst wenn man die Kosten der Verträge abzieht, bleiben Renditen von deutlich mehr als drei Prozent.

Vier Prozent erwirtschaften die Versicherer normalerweise nicht. Im Schnitt sind es laufend gerade mal gut 2,8 Prozent. Das bedeutet, dass die Versicherer für solche Vier-Prozent-Verträge extra Geld zur Seite legen müssen, um ihre vertraglichen Verpflichtungen einzuhalten.

Das Gleiche gilt für Verträge von 1987 bis 1995, damals waren 3,5 Prozent Rendite auf den Sparanteil garantiert. Und für Verträge von 2001 bis 2004. Da haben die Versicherer 3,25 Prozent garantiert.

Wer von 2005 bis 2007 Verträge abgeschlossen hat, dem sind dann noch 2,75 Prozent garantiert - eine Verzinsung, die so mancher Versicherer derzeit nicht erwirtschaftet.

Wer also einen solchen alten Vertrag hat, sollte den bis zum geplanten Ablauf fortsetzen. Denn sichere Zinsen in dieser Höhe sind auf dem Markt aktuell nicht zu erwirtschaften.

Tatsächliche Rendite

Die Frage, wie hoch die Rendite auf die eingezahlten Beiträge tatsächlich ist, unterscheidet sich zudem von Versicherer zu Versicherer beträchtlich. Besonders eindrucksvoll kann man die Effekte an der Vergangenheitsanalyse der Assekurata sehen.

  • Die Rendite einer klassischen Lebensversicherung bei der Debeka liegt nach 30 Jahren tatsächlich bei mehr als fünf Prozent.
  • Bei Europa liegt die Rendite knapp unter fünf Prozent.
  • Bei HDI Leben, Axa Leben und der Deutschen Ärzteversicherung liegt die vergleichbare Rendite bei gut drei Prozent.

Rechnet man mit 1200 Euro Einzahlung im Jahr über 30 Jahre, stehen bei gut drei Prozent am Ende knapp 60.000 Euro auf dem Konto (58.800 für 3 Prozent). Bei gut fünf Prozent wären es 85.000 Euro (83.700 Euro bei 5 Prozent). Ein beträchtlicher Unterschied.

Aktuelle Verträge

Von solchen Entwicklungen können jüngere Kunden, die heute ihr Geld anlegen, nur träumen. Und gute Vergangenheitswerte bieten zudem keine Garantie für die Qualität aktueller Angebote und die Entwicklung in der Zukunft.

Das lässt sich ganz einfach an den späteren Verträgen sehen. Die offiziell ausgewiesene Verzinsung liegt zwar immer noch höher als zwei Prozent. Berücksichtigt man allerdings die angefallenen Kosten für Vertrieb und Verwaltung, werden die Renditen klein. Und garantiert sind die Renditen schon gar nicht. Nimmt man nur die aktuellen Garantien von 0,9 Prozent als Maßstab und berücksichtigt alle Kosten, bleiben im Schnitt der Unternehmen über 20 Jahre gerade mal 0,14 Prozent garantierte Rendite. Das lohnt nicht.

Verträge, die von 2006 bis 2018 liefen, brachten im schlechteren Fall bei Axa Leben und HDI Leben insgesamt Renditen unter einem Prozent. Bei Europa und Debeka liegen die Renditen wenigstens noch jenseits der drei Prozent.

Sonderfall Riester

Etwas besser sieht es für Riester-Kunden aus. Deren Rendite stammt vor allem aus der Förderung. Assekurata weist in seiner 150 Seiten lange Studie schon darauf hin, dass die - nicht garantierten - gut zwei Prozent Rendite derzeit auf neue klassische Lebensversicherungen immer noch besser sind als viele andere sichere Geldanlagen. Gibt man zum Beispiel sein Geld für eine Staatsanleihe der Bundesrepublik Deutschland - und legt man es auf die kommenden 30 Jahren fest -, dann bekommt man dafür aktuell nur 0,77 Prozent Zinsen.

Aber die Versicherer sind zu teuer, von den zwei Prozent bleibt oft nur die Hälfte übrig. Und über 20 bis 30 Jahre waren selbst Anlagen in Aktienindexfonds in der Vergangenheit ziemlich sicher. Und die brachten weit höhere Renditen.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Was also folgt daraus für Sie?

  • Halten Sie an alten Lebensversicherungs- und Rentenversicherungsverträgen fest. Und freuen Sie sich, wenn Sie damals den richtigen Vertrag abgeschlossen haben.
  • Wenn Sie wegen finanzieller Nöte den Vertrag verändern müssen, stellen Sie den alten Vertrag zunächst beitragsfrei. Ist das Problem nur kurzfristig, beleihen Sie im Zweifel den Vertrag. Wird das Problem riesengroß, prüfen Sie den Verkauf Ihrer Lebensversicherung. Wirtschaftlich vorteilhaft ist eine vorzeitige Beendigung eines solchen alten Vertrags in den wenigsten Fällen.
  • Eine neue Lebens- oder Rentenversicherung sollten Sie unter der Überschrift Geldanlage aktuell nicht abschließen. Wollen Sie die Förderung für Riester-Verträge für Ihre Altersvorsorge nutzen, schließen Sie einen der besseren Verträge ab.
  • Wenn am Ende der Laufzeit weniger als 10.000 Euro auf dem Vertrag drauf sind (Sie weniger als 30 Euro Rente im Monat bekämen) können Sie sich den Riester-Vertrag komplett auf einen Schlag auszahlen lassen. Am besten im zweiten Jahr Ihrer Rente, denn die Einzahlung in Ihren Riester-Vertrag war steuerfrei, weshalb Sie die Riester-Rente versteuern müssen, wenn auch nur mit einem ermäßigten Steuersatz.

Solche Versicherungen sind etwas für ruhige Menschen. In der Ruhe liegt die Kraft.

Viel Erfolg.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
karlo1952 16.02.2019
1. Was bei Lebensversicherungen
immer untergraben wird ist die einfache Anlage des Geldes. Einmal abgeschlossen brauche ich mich bis zum Ablauf nicht mehr darum zu kümmern. Anders als bei Aktien- oder Fondsanlagen, die immer wieder geprüft werden müssen und die auch noch verstanden werden müssen.
karl_idstein 16.02.2019
2. Einfache Anlage und Verwaltung
Das war genau der Punkt. Ich habe diverse Lebensversicherungen in den Jahren ab 1980/81 abgeschlossen bis weit in die 1990er hinein, mit Laufzeiten jeweils von mindestens 12 Jahren (wegen Steuerfreiheit unter dieser Bedingung). Es war renditemäßig nicht zu toppen und man brauchte sich über Jahrzehnt(e) nicht weiter kümmern. Wahr, aber aus Sicht des Finanzministeriums dann eben letztendlich „zu schön, um wahr zu bleiben“ ;-)
cabeza_cuadrada 17.02.2019
3. Seltsam
Zitat von karlo1952immer untergraben wird ist die einfache Anlage des Geldes. Einmal abgeschlossen brauche ich mich bis zum Ablauf nicht mehr darum zu kümmern. Anders als bei Aktien- oder Fondsanlagen, die immer wieder geprüft werden müssen und die auch noch verstanden werden müssen.
langfristig angelegt gab es keine Zeit in der man mit Top Werten Verlust gemacht hätte. Dividenden-Aristokraten oder ETF bedürfen weder Verständnis noch Prüfung wenn langfristig ausgerichtet. Aber reden sie sich nur weiter ihre Lebensversicherungen schön.
so-long 17.02.2019
4. Das kommt darauf an,
Zitat von cabeza_cuadradalangfristig angelegt gab es keine Zeit in der man mit Top Werten Verlust gemacht hätte. Dividenden-Aristokraten oder ETF bedürfen weder Verständnis noch Prüfung wenn langfristig ausgerichtet. Aber reden sie sich nur weiter ihre Lebensversicherungen schön.
was für ein "Anlegertyp" man ist. Es gibt sicher (viele?) Menschen, die durch eine LV "gezwungen" sind, regelmäßig etwas zu sparen und diesen Sparstrumpf nicht soo leicht anzuzapfen zu können bei den alltäglichen Konsumverlockungen. Trotz aller LV-Verwaltungsspesen.
karlo1952 17.02.2019
5. @ 3. Seltsam - ich hab zumindest in den vergangenen 30 Jahren
ohne Stress und schlaflose Nächte aus 100.000 Euro Anlage jetzt 250.000 Euro ausbezahlt bekommen. Da machen mich meine Fonds, die ich seit 10 Jahren zusätzlich haben, mehr nervös.
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